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Norddeutschland Wer gruselt sich vor dem Lauschangriff?
Nachrichten Norddeutschland Wer gruselt sich vor dem Lauschangriff?
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16:04 31.10.2013
Yannick Kollin (16) aus Lübeck hat keine Angst davor, von der NSA abgehört zu werden. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Morgens um Viertel nach acht. Gleich soll der Zug den Lübecker Bahnhof Richtung Hamburg verlassen. Die Pendler lümmeln sich müde in ihren Sitzen. Plötzlich scheucht eine laute Stimme das Abteil auf: „Ja, bin gerade im Zug. Fährt gleich los. Kommen wir zur Sache — wie sieht das mit den Bilanzzahlen aus?“ Ein Mann im Anzug spricht resolut in sein Handy. Er ist so ins Telefonat vertieft, dass er gar nicht merkt, dass ihm schläfrig-verärgerte Blicke zugeworfen werden. Denn jeder weiß: Von nun an kann sich das ganze Abteil an den Ausführungen von Mr. Wichtig erfreuen.

Kommentar: Per Mail bewschweren

Situationen wie diese sind Alltag in Deutschland. Doch während viele Mitreisende eher versuchen, zwanghaft wegzuhören, sitzen möglicherweise am anderen Ende der Welt Personen, die dem Gespräch interessiert lauschen. Denn im Zuge des Abhörskandals um den US-amerikanischen Geheimdienst NSA ist noch einmal deutlich geworden: Jede E-Mail, jede SMS, jedes Telefonat kann abgefangen werden. Das bestätigt Hartmut Pohl, Geschäftsführer der IT-Sicherheitsfirma softScheck GmbH. „Ich gehe davon aus, dass jedes Gespräch erst einmal gespeichert wird — ob die NSA es jemals auswertet, ist eine andere Frage.“ Und nicht nur Geheimdienste könnten auf unsere private Kommunikation zugreifen — auch Kriminellen sei das problemlos möglich. „Das kann ein Informatik-Student normalerweise bereits ab dem vierten Semester“, sagt der IT-Experte, der vor allem vor Wirtschaftsspionage warnt.

Bekannt ist das Problem bislang nicht-identifizierter Sicherheitslücken schon lange, aber jetzt wird das Thema durch den NSA-Skandal einer breiteren Öffentlichkeit bewusst. Wie reagieren die Bürger darauf? „Ich mache ja nichts Illegales“, sagt Anja Isdebski aus Travemünde. Die 25-Jährige geht auch mit privaten Gesprächen offen um: „Wenn ich ,Ich habe dich lieb‘ zu meinem Partner sage, dann kann das ruhig jeder hören, ich sag‘s ja auch auf der Straße.“ Etwas strenger sieht das Dietmar Mayer. Der 41-Jährige, der bei einem Wachdienst angestellt ist, muss zumindest bei beruflichen Gesprächen darauf achten, dass keine sensiblen Informationen nach außen gelangen. „Das kläre ich dann unter vier Augen oder schriftlich“, sagt er. Ansonsten könne aber gern jeder hören, was er in Privatgesprächen sage. Auch Ivonne und Sascha Caro lässt es weitgehend kalt, dass jedes ihrer Gespräche mitgeschnitten werden könnte. Dennoch erfüllen sie eine andere wichtige Sicherheitsregel für das Smartphone: Sie behalten im Blick, was ihre Kinder mit dem Gerät machen. Denn Experten warnen davor, dass die Kleinen etwa Spiel-Apps installieren, die Sicherheitslücken zulassen könnten. Die 60-jährige Birgit Vogel aus Bad Oldesloe denkt sogar bei jedem Gespräch darüber nach, was sie sagt: „Das habe ich aber auch vor dem Abhörskandal schon gemacht.“

Manchmal sind auch gar keine technischen Kenntnisse nötig, um an private Daten zu kommen. Etwa, wenn das Handy des Ehepartners unbeaufsichtigt auf dem Tisch liegt und im Adressbuch verräterische Einträge auftauchen. „Das kommt vor“, sagt Susann Barge-Marxen, Fachanwältin für Familienrecht in Lübeck. Es gebe sogar manche, die sich auf diese Art erwischen lassen wollen. In anderen Fällen werde gezielt vom Partner oder der Partnerin nachgeforscht, „das darf man aber eigentlich nicht, denn auch der Gatte oder die Gattin hat natürlich Persönlichkeitsrechte“. Besonders Schlaue würden sich mittlerweile ein zweites Handy zulegen.

Hartmut Pohl kennt den einfachsten Weg, wie Gespräche unter vier Augen bleiben. Wertvolle Informationen gebe er weder in Telefon-Gesprächen, noch bei der Benutzung unsicherer Apps preis. „Über Festnetz, Handy, Apps und so weiter teile ich immer nur das mit, was ich auch bei einem Telefonat im Zug erzählen würde.“ Denn da sei offensichtlich, dass jeder mithören kann.

Vier Tipps für sichere Kommunikation
Experte Falk Garbsch vom Chaos Computer Club weiß, dass abhörsichere Handys kaum möglich sind. Dennoch vier Vorschläge für den Anfang:
1 „E-Mails verschlüsseln“ — Mit Kryptografiesystemen wie „Gnu Privacy Guard“ (GnuPG) kann jeder kostenlos seine E-Mails verschlüsseln. Allerdings brauchen beide Kommunikations-Partner so ein Programm.
2 „Zu Kryptoparties gehen“ — Bei diesen Veranstaltungen erklären Experten gratis zum Beispiel, wie man verschlüsselte E-Mails verschickt und wie man sicher übers Netz telefoniert.
3 „Offene Software verwenden“ — Bei „Open Source“-Programmen, wie sie für das Betriebssystem Linux entwickelt werden, kann jeder Entwickler den Programmcode einsehen und Schwachstellen aufdecken.
4 „Vorsicht mit Apps!“ — Wer weiß schon, ob die kleinen Programme auf Sicherheitslücken geprüft wurden?

Kilian Haller

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