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Norddeutschland Wie gefährlich sind Wölfe?
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22:14 02.10.2017
In Schleswig-Holstein sind Wölfe bisher nur auf der Durchreise, ganze Rudel haben sich noch nicht niedergelassen. Quelle: Fotos: Bernd Wüstneck/dpa , Marks/dpa
Athen/Kiel

Die Zeit des Redens sei vorbei, äußerte Schmidt anlässlich des grausigen Vorfalls in Griechenland gegenüber der „Bild“. „Die Bestände müssen durch Abschüsse so reguliert werden, dass für Mensch und Nutztierhaltung keine Gefahr vom Wolf ausgeht.“

Im Norden warnen Experten hingegen vor Hysterie: „Im Normalfall verhalten sich Wölfe gegenüber Menschen zurückhaltend und scheu“, erklärt Jana Ohlhoff, Sprecherin des Umweltministeriums in Kiel. In Schleswig-Holstein habe es bisher nur einen Fall gegeben, bei dem sich ein Tier überraschend vertraut zeigte, als es versuchte, eine Schafherde anzugreifen. Er zeigte zwar kein aggressives Verhalten, ließ sich aber auch schwer vertreiben, berichtet Ohlhoff. Schließlich habe sich herausgestellt, dass es sich um einen Wolf handelte, der als Welpe auf dem Truppenübungsplatz Munster offenbar von Soldaten gefüttert worden war.

In Schleswig-Holstein gibt es seit 2012 beständige Nachweise über Wölfe. Die anfängliche Euphorie von Tierschützern wird aber durch wiederkehrende Nutztierrisse überschattet: Zwischen 2013 und 2016 haben Wölfe im Land nachweislich 84 Nutztiere getötet. Bundesweit wurden nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zwischen 2002 und 2015 mehr als 2000 Tiere gerissen – vor allem Schafe.

In diesem Zusammenhang hat die rot-grüne Regierung in Niedersachsen jetzt beschlossen, dass künftig komplette „Problemrudel“ abgeschossen werden dürfen. Der Artenschutz lasse dies laut Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) in Ausnahmefällen zu. Voraussetzung sei, dass die Tiere regelmäßig Schutzzäune überwinden. Der Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht – wie es CDU und FDP im Niedersachsen fordern – erteilten die Minister eine Absage.

Beim Schleswig-Holsteinischen Bauernverband befürwortet man die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht. „Aber mit ganzjähriger Schonzeit“, betont Hans Heinrich von Maydell vom Verband. Schließlich gebe es ja noch gar keinen echten Bestand, man wolle lediglich die Verantwortung für den Wolf bei den Jägern sehen.

Bisher sind im Land 42 Wolfsnachweise registriert worden, doch die Tiere durchwandern es nur. Dass viele Menschen Isegrims Rückkehr dennoch angstvoll verfolgen, sieht Jens-Uwe Madsen, hauptamtlicher Koordinator für Wolfsbetreuer in Schleswig-Holstein, tief in der Vergangenheit begründet. „Im Mittelalter waren Wölfe für Menschen existenzbedrohend. Riss er die Tiere einer Bauernfamilie blieb ihnen nichts mehr.“ Das habe dem Wolf einen bösen Ruf eingebracht, der sich durch einschlägige Märchen noch verfestigt hat. Die Mär vom menschenfressenden Wolf würde so über Generationen weitergegeben. Und ganz selten wird sie Wirklichkeit: Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) kam es zwischen 1950 und 2000 in Europa zu 59 Angriffen auf Menschen, bei denen neun starben. In fünf von diesen Fällen seien die Wölfe an Tollwut erkrankt. Diese Daten stammen aus einer wissenschaftlichen Untersuchung eines norwegischen Instituts (Nina), das weltweit dokumentierte Fälle zusammengestellt hat.

Ob in Griechenland jetzt ein neuer Fall dazugekommen ist, ist noch nicht eindeutig geklärt. Ein Gerichtsmediziner will sich sicher sein, Wolfskenner halten dagegen: Auch verwilderte Hunde hätten die Frau töten können.

Die Rückkehr der Wölfe

Etwa seit dem Jahr 2000 gibt es in Deutschland wieder Wölfe. Zuvor galt der Wolf nach jahrhundertelanger Verfolgung seit etwa 150 Jahren als ausgerottet.

61 Wolfsrudel und neun Paare gibt es laut Nabu in Deutschland. Dauerhaft leben sie in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern und Thüringen. In Brandenburg gibt es mit 24 Tieren die meisten Wölfe, in Thüringen bisher nur einen. (Stand April 2017).

 L. Jacobsen und J. Paulat

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