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Norddeutschland Wie sicher sind unsere Hochhäuser?
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16:35 16.06.2017
Manfred Hanecke, technischer Leiter im Maritim, demonstriert einen Nasshydranten mit Schlauch. „Auf den Leitungen ist immer Druck“, sagt er. „Sie werden täglich gecheckt.“ Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Karl Erhard Vögele (78) wohnt in einem Appartment im 24. Stock des Maritim-Hochhauses in Travemünde. Es ist das größte Hochhaus in Schleswig-Holstein, hat 38 Stockwerke, ist 119 Meter hoch. Fast doppelt so hoch wie der Grenfell-Tower in London, der jetzt durch einen tragischen Brand Schlagzeilen machte. Dort gab es mindestens 30 Todesopfer, Dutzende Verletzte.

Ein Brand wie in London – im Travemünder Maritim, dem höchsten Hochaus des Landes, wäre er undenkbar.

„Hier kann so etwas nicht passieren“, glaubt Vögele. Er steht auf dem Balkon seiner Wohnung in 75 Metern Höhe. Man hat einen traumhaften Blick auf den Strand. Die Menschen dort unten und die Strandkörbe wirken klein wie Spielzeug.

Vögele kennt die Brandschutzvorrichtungen. Er weiß, dass es zwei separate Treppenhäuser gibt, einen Feuerwehraufzug und Steigleitungen zum Löschen. Sprinkler sind an der Decke angebracht, Rauchmelder natürlich auch. Es gibt Feuerlöscher und Alarmknöpfe. Vögele deutet auf einen kleinen roten Hammer, der neben dem Fenster zum Balkon hängt. „Die Balkone sind durch Glasscheiben abgetrennt. Im Brandfall kann ich die Scheibe mit dem Hammer einschlagen und gelange so über die Balkone zum brandsicheren Treppenhaus.“

Nur schnell müsse es gehen, überlegt Vögele. Er rechnet fünf Minuten bei dichtem Qualm, bevor die Bewusstlosigkeit eintritt. Nicht, dass Vögele ein ängstlicher Mensch wäre. „Aber Gedanken macht man sich schon.“ Für den Fall der Fälle hat er einen Gurt mit Karabinerhaken, den er sich anlegen kann und zwei je 20 Meter lange Seile. „Das sind sehr strapazierfähige Seile der US-Streitkräfte.“ Sie würden zusammen zwar nicht bis ganz unten reichen. „Aber bis zu einem der nächsten Balkone, das könnte einem vielleicht schon das Leben retten.“ Allerdings, schränkt Vögele ein, ob es wirklich funktionieren würde, da sei er nicht sicher. „Ob der Knoten hält, das ist ja schon die Frage.“

Die Feuerwehr dagegen übt regelmäßig im Maritim, alle drei Jahre gibt es zudem eine Brandverhütungs-Schau, bei der die Vorrichtungen kontrolliert werden. „Dieses Haus ist vorbildlich gesichert“, lobt Lübecks Feuerwehrchef Bernd Neumann. Alle erforderlichen Brandschutzeinrichtungen seien vorhanden. „Die Leitern der Feuerwehr sind maximal 30 Meter hoch. Im elften oder zwölften Obergeschoss ist Schluss.“ Deshalb müsse jeder in Deutschland, der höher baue, sichere Rettungstreppen einplanen. Die Feuerwehr würde bei einem Hochhaus-Brand in einem Geschoss ein Depot anlegen, für Rettungskräfte und Gerät.

Manfred Hanecke (61), der Technische Leiter des Maritim, zeigt die Nasshydranten auf den Etagen. „Auf den Wasserleitungen ist immer Druck.“ Jeden Tag bei Schichtwechsel werde der Druck kontrolliert, einmal im Jahr gebe es eine Dichtheitsüberprüfung. Auch die Sprinkleranlage checke er jede Woche, so Hanecke. „Hier im Haus würde man eher ertrinken als verbrennen“, versichert er. Hoteldirektor Thomas Liedl (55) nickt. „Anders als offenbar in London sind in der Fassade des Maritim keine brennbaren Materialien verbaut.“

Brennbare Dämmstoffe, kritisiert Feuerwehrchef Neumann, seien auch in Deutschland immer noch zugelassen. Styropor etwa wird herkömmlicherweise aus Erdöl hergestellt. Flammschutzmittel könnten dann nicht verhindern, dass ganze Fassaden in Flammen aufgehen. Hinzu kämen giftige Dämpfe. Das Feuer breite sich in Minutenschnelle aus, so Neumann. „Da haben wir keine Chance.“ Feuerwehrleute forderten schon seit den 80ern ein Verbot brennbarer Dämmstoffe. Leider habe die Politik bisher nicht reagiert.

Tod im neunten Stock

Ein Hochhausbrand in Lübeck-Moisling Anfang der 90er Jahre ist der schlimmste Einsatz dieser Art, an den die Feuerwehrleute der Hansestadt zurückdenken können. Damals gab es eine Rauchgasexplosion. Und ein Feuerwehrmann in Schutzkleidung warf sich vor eine Frau, die er von ihrem Balkon im 9. Stock retten wollte. Doch die Hitzewelle von 800 Grad ließ ihr keine Chance, der Feuerwehrmann dagegen überlebte. Sein verkohlter Anzug und der verschmorte Helm werden seither in der Lübecker Wache 1 ausgestellt. Allein in Lübeck gibt es zehn Hochhäuser, deren höchster Fußboden über 22 Meter hoch liegt, so dass entsprechende Brandschutzvorschriften gelten.

 Marcus Stöcklin

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