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21:22 17.09.2013
Überzeugt vom „Lesen durch Schreiben“: Claudia Sievers, Konrektorin der Carl-Orff-Schule in Bargteheide. An der Tafel die Anlauttabelle.

Ein Land streitet übers Lesenlernen. Verdirbt die Methode „Lesen durch Schreiben“, die in immer mehr Schulen Einzug gehalten hat, die Rechtschreibung der Schüler?

Immer mehr Befürworter und Gegner melden sich zu Wort. Zum Beispiel Astrid Schulz-Evers vom Schleswig-Holsteinischen Elternverein. Sie fordert: „Die Methode abschaffen, komplett!“ Selbst in abgeschwächter Form oder im Mix mit anderen habe sie nichts an den Schulen zu suchen. Weil bei den Kindern anfangs bewusst nicht auf die richtige Rechtschreibung geachtet, sondern drauflos geschrieben werde, prägten sich Fehlschreibungen dauerhaft ein. Viele Eltern müssten zu Hause gegensteuern und die Fehlschreibungen der Kinder korrigieren, sagt Schulz-Evers.

Die Landtags-Opposition von CDU und FDP hat bereits Anträge vorgelegt, den Schulen die Methode zu verbieten, macht sie unter anderem für die laut Studien immer schlechteren Rechtschreibleistungen von Schülern verantwortlich. „Bloß nicht“, sagt Claudia Sievers, Konrektorin der Carl-Orff-Schule in Bargteheide. Die 54-Jährige hat die Methode hier Ende der 80er Jahre selber mit eingeführt, gemeinsam mit dem Erfinder, dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reiche. Er hat das Projekt in Bargteheide begleitet. Und sie ist bis heute überzeugt davon. Viele Kinder könnten schon nach acht Wochen lesen, auch das Schreiben sei für sie von Beginn an etwas Lustvolles. Die weiterführenden Schulen würden bestätigen, dass die Rechtschreibleistung nicht leide.

Allerdings: In Reinform wendet auch die Carl-Orff-Schule die Methode nicht an. So werde im Gegensatz zur Ursprungs-Theorie nicht zwei Jahre lang damit gewartet, die Kinder auf Rechtschreibfehler hinzuweisen. Sobald sie lesen können, werde die Rechtschreibung geübt. Neben die frei geschriebenen Wörter der Kinder würden die Lehrer die Wörter in richtiger Schreibung setzen. „In Klasse 2 gibt es erste Mini-Diktate“, sagt Sievers. Später kommen weitere Prüfverfahren hinzu. Reiche habe übrigens bald eingesehen, dass das eine Verbesserung seiner Methode sei. Auch die Eltern habe man so überzeugt. In wie vielen Schulen die Methode angewendet wird, darüber hat das Kieler Bildungsministerium keine Kenntnis.

An der Oldesloer Klaus-Groth- Schule zum Beispiel sind die Eltern auch ohne neue Methode zufrieden mit dem Erstlese- und Erstschreibunterricht. „Bei uns wird klassisch mit der Fibel gearbeitet“, sagt Elternbeiratsvorsitzende Claudia Hegert-Neumann. „Lesen durch Schreiben“ sei „eine Methode unter vielen, die in einem geringen Rahmen angewendet wird“, sagt Catrin Jolitz, Fachschaftsleiterin Deutsch an der Lübecker Albert-Schweitzer-Schule. Wichtig sei, dass die Lernmethode individuell auf jeden Schüler bezogen werde. „Einige Ansätze dieser Methode werden übernommen, andere nicht“, sagt Ulf-Michael Cosmus, Schulleiter der Kaland-Schule. Paul Richter, der eine 1. Klasse an der Willy-Brandt-Schule unterrichtet, kann die Empörung über „Lesen durch Schreiben“ verstehen, ihm sei allerdings „keine Schule bekannt, in der es diesen Ansatz in Reinform gibt“. Rechtschreibregeln bleiben bei ihm auch in der 1. Klasse nicht außen vor.

Zu wenig Zeit für den Rechtschreibunterricht

80 Prozent des Deutschunterrichts seien zu ihrer Grundschulzeit noch fürs Rechtschreiblernen aufgewendet worden, sagt Claudia Sievers (54), Konrektorin der Carl-Orff-Schule Bargteheide. Das sei so nicht mehr möglich. So müsse den Schülern heute auch das Verfassen umfangreicherer Texte vermittelt werden (sie können heute zum Beispiel viel früher Erörterungen schreiben), die Nutzung von Computern und interaktiven Tafeln, sie sollen das Argumentieren lernen. Das könne schlechtere Rechtschreibleistungen erklären, aber die Kinder würden die Grundschule mit mehr Kompetenzen verlassen.

Das Texteverfassen soll durchs „Lesen durch Schreiben“ angeregt werden. Auf einer Anlauttabelle sind Buchstaben Bilder zugeordnetet (zum Beispiel M=Mond, au=Auto, s=Sonne). Die Erstklässler können sich so die Laute zusammensuchen, die sie für ein Wort brauchen, und sofort los schreiben (Mond+Auto+Sonne=„Maus“). Kritiker warnen, es werde nicht auf die richtige Schreibung geachtet (auch „Heuser“ oder „Schtrase“ ist zunächst erlaubt).

Wolfram Hammer und Georg Meggers

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