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Norddeutschland William hat seine Videokamera zurück
Nachrichten Norddeutschland William hat seine Videokamera zurück
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18:09 06.01.2018
William Etherton (10 Jahre) aus England und Roland Spreer (l), Vater von Hallig-Bewohner Holger Spreer. Quelle: dpa
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Süderoog

Überglücklich und ein wenig sprachlos hält der Junge die längst verloren geglaubte Actioncam in den Händen. William strahlt und kann sein Glück kaum fassen. „Es ist wirklich toll, dass die Kamera noch funktioniert“, bringt er schließlich doch noch leicht ungläubig hervor.

Diese Geschichte ist tatsächlich unglaublich: Die Kamera des Schülers war am 1. September an der Ostküste Großbritanniens in der Thornwick Bay nahe Flamborough Cliffs in East Yorkshire von einer Welle ins Meer gespült worden. Zwei Monate lang trieb sie in ihrem wasserdichten Behältnis im Wasser – bevor sie an Schleswig-Holsteins Küste landete. 

In diesem Zustand kam die Kamera nach zwei Monaten auf hoher See auf der Hallig Süderoog an. Quelle: dpa

Teile ihrer abenteuerlichen Reise dokumentierte die Kamera selbst als Film. Um den Besitzer ausfindig zu machen, stellten die beiden einzigen Hallig-Bewohner Nele Wree und Holger Spreer den Film ins Internet.

Das Video entwickelte sich zum viralen Hit, über den Medien berichteten: Bis heute wurde es auf Facebook mehr als 270 000 Mal angesehen, rund 1500 Mal geteilt und mehr als 1200 Mal mit „Gefällt mir“ markiert. Englische Zeitungen wie „The Guardian“ haben die Geschichte aufgegriffen.

Dadurch erfuhr auch Williams Vater Mark davon und meldete sich via Facebook. Der Besitzer war gefunden. Prompt luden Nele Wree und Holger Spreer die englische Familie zur Übergabe auf ihre Hallig ein. Und gestern war es endlich soweit. William ist mit Vater Mark, Mutter Helen und Schwester Poppy gekommen – ein Familienausflug vor die Küste Schleswig-Holsteins. „Das ist ein riesiges Abenteuer. Das werden wir nicht vergessen“, sagt Vater Mark am Sonnabend.

Süderoog liegt im Nordfriesischen Wattenmeer, die Anreise ist umständlich, ein Besuch will also gut geplant sein. Da die Hallig ein Vogelschutzgebiet ist, dürfen Gäste sie nur mit einer Sondergenehmigung des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) betreten.

Bereits am Freitag reiste die Familie nach Pellworm. Am Sonnabendmorgen ging es dann mit einem Führer die sieben Kilometer lange Strecke nach Süderoog zu Fuß übers Watt. Doch der Weg hat sich gelohnt.

Vor dem einzigen Haus der Hallig übergibt Roland Spreer die Videokamera. Der 67-Jährige hatte sie am 2. November gefunden. William dreht das Fundstück ungläubig in den Händen, drückt die Knöpfe, schaut sich die Bilder auf der Speicherkarte an. Sein Gesicht strahlt.

Dass die kleine Videokamera überhaupt wieder den Weg zurück zu ihrem Besitzer gefunden hat, ist gleich ein doppelter Zufall. Nicht allein überlebte sie zwei Monate in der Nordsee, auch als Roland Spreer sie am Strand fand, war eine große Portion Glück dabei.

Bei einem Bummel auf der Hallig entdeckte er das Strandgut. Elektroschrott, dachte Spreer. Plötzlich begann die Kamera zu blinken. Sie war kein Schrott, sie sendete ein zaghaftes Lebenszeichen. Roland Spreers Sohn Holger nahm sich der Sache an – und brachte die märchenhafte Geschichte ins Rollen. Gestern gab es nun das Happy-End.

Mit der neuen alten Kamera im Gepäck geht es für William, seine Schwester und seine Eltern am Montag wieder zurück nach England. Dann endet das Abenteuer vorerst. Vergessen, wenn man Vater Mark glauben möchte, wird es die Familie allerdings nie.

Von Jan Dresing

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