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Norddeutschland „Wir hätten handeln können“
Nachrichten Norddeutschland „Wir hätten handeln können“
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22:20 04.02.2016
Von diesem Schulhof lockte der Täter das Mädchen weg. Quelle: U. Dahl
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Kiel

Wäre der schwere sexuelle Missbrauch einer Siebenjährigen in Kiel einfach zu verhindern gewesen? Das behauptet die Mutter des Verdächtigen. Sie habe seit Wochen vergeblich Alarm geschlagen und sei nicht erhört worden (die LN berichteten). Ihr Sohn steht zudem in Verdacht, Anfang Januar eine Fünfjährige in einer Kita missbraucht zu haben. Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken räumte Versäumnisse der Behörden ein.

Bereits am 18. Januar — knapp zwei Wochen vor dem Übergriff auf die Siebenjährige — habe die Stadt von der Polizei erfahren, dass gegen den Tatverdächtigen wegen eines sexuellen Missbrauchs einer Fünfjährigen am 6. Januar ermittelt werde. Sozialpsychiatrischer Dienst, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten allesamt handeln können. „An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können.“ Der Mann blieb aber bis Montag auf freiem Fuß.

Nach Stöckens Worten war der Mann dem sozialpsychtriatischen Dienst der Stadt seit Jahren bekannt. Im Sommer 2014 sei er wegen psychischer Erkrankungen in einer Klinik in Behandlung gewesen. Danach habe er nicht mehr auf Einladungen zu einem Gespräch reagiert, sagte Stöcken. Die Stadt habe regelmäßig Kontakt mit der Polizei wegen einer Einweisung psychisch Kranker. „1000 Mal funktioniert das“, sagte Stöcken. Den Eindruck der Mutter des 30-Jährigen, die sich alleine gelassen fühlte, könne er verstehen. „Diesen Vorfall bedaure ich zutiefst“, sagte Stöcken. Die Stadt Kiel will nun die internen Abläufe in dem Fall prüfen.

Der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigte, dass sich die Frau am 18. Januar hilfesuchend an die Polizei gewendet habe. Sie habe den Beamten erklärt, ihr Sohn sei psychisch krank und bitte um Hilfe. Die Polizisten hätten sie nach einer möglichen Gefährdung befragt. „Dazu hat die Frau aber keine Angaben gemacht“, sagte Bieler. Anhaltspunkte für die Gefahr möglicher weiterer Straftaten habe es nicht gegeben. „Die Polizei hat richtig reagiert“, sagte Bieler. „Wir sind nicht für psychisch kranke Menschen zuständig.“ Obwohl der Mann bereits nach dem ersten schockierenden Missbrauchsfall unter Tatverdacht stand, sah die Staatsanwaltschaft keine rechtliche Grundlage für einen Strafbefehl.

Dies kritisierte die Kriminologin Monika Frommel von der Kieler Christian-Albrechts-Universität. „Bei einem fünfjährigen Kind drängt sich sofort der Verdacht auf, dass dieser Mensch nicht ganz normal sein kann, also pädosexuell“, sagte die Rechtswissenschaftlerin dem NDR. Sie fügte hinzu: „Wir haben speziell für sexuelle Missbrauchsfälle den Haftgrund der Wiederholungsgefahr. Ich kann nicht erkennen, was da zweifelhaft gewesen sein soll.“

LN

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