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Norddeutschland „Wir müssen aufstehen von unserem Sofa“
Nachrichten Norddeutschland „Wir müssen aufstehen von unserem Sofa“
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12:44 31.12.2017
Kirsten Fehrs (56), hier nach einem Gottesdienst im Dom zu Lübeck, ist seit 2011 Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck. Sie hat evangelische Theologie studiert und war an verschiedenen Wirkungsstätten in Schleswig-Holstein und Hamburg und als Pastorin und Pröpstin tätig. Quelle: Marcelo Hernandez
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Lübeck

Was glauben Sie: Wird der 31. Oktober 2018 in Schleswig-Holstein ein Feiertag sein?

Ich bin voller Freude darüber, wie viele Menschen in Politik und Gesellschaft sich in diesem Jahr für den Reformationstag engagiert haben. Wenn wir den 31. Oktober im Norden künftig als Feiertag hätten, fände ich das ein sehr schönes Ergebnis. Nicht als Abgrenzung zu anderen Konfessionen, sondern als Besinnungstag darüber: Was können wir verändern zum Wohle der Gemeinschaft?

Also Reformation im Sinne von Veränderung der Gesellschaft?

Genau! Das ist ja die entscheidende, selbstkritische Frage der Reformation gewesen: Was müssen wir ändern, damit wir den einzelnen Menschen erreichen mit einer Wertebotschaft, damit er stark werden kann für das Gemeinwohl: vom „Ich“ zum „Wir“.

Die Grünen im Kieler Landtag haben sich ja für einen Feiertag am 8. März ausgesprochen, dem Weltfrauentag.

Das ist natürlich ein wichtiger Tag, der die Frauenrechte weltweit in den Blick rückt. Für den Norden halte ich den Reformationstag aber auch tauglich für diese Belange. Es geht ja um eine Emanzipationsbewegung, die nicht nur durch die Kirche, sondern auch durch die Aufklärung erfolgte und sich durch alle gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge zog. Dieser Wandlungsprozess vor 500 Jahren fand ja auch in besonderem Maße in Norddeutschland statt, er verbreitete sich von den Hansestädten in den gesamten Norden Europas.

Verstehen Sie all jene, die einfach nur dem katholischen Süden Deutschlands die Feiertage neiden?

Ja, klar. Das sind ja zwei Bewegungen. Die einen wollten schon länger den Anstoß dafür geben, dass es im Norden einen weiteren Feiertag gibt. Im nun vergangenen Jahr hat sich der Reformationstag als der für viele am besten geeignete erwiesen, weil es eben nicht nur ein kirchlicher Feiertag ist. Viele Gruppen, auch Parteien interessieren sich doch für die Frage: Wie können gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse in Gang gebracht werden?

Glauben Sie denn, dass der Reformationsgedanke dann viele Menschen erreicht?

Wir haben am 31. Oktober überall volle Kirchen gehabt! Im Hamburger Michel waren allein beim Festgottesdienst über 2500 Menschen, weitere 500 kamen wegen Überfüllung nicht mehr hinein. Man konnte nicht mehr umfallen, so voll war es. Und das waren ja nicht alles Protestanten. Was heißt das? Es zeigt sich in unserer Gesellschaft eine tiefe Sehnsucht danach, zu erfahren, wo und wie kulturelle Identität entstanden ist. Welches Wertesystem stützt uns? Worauf wollen wir uns in Zukunft beziehen?

Haben die Feierlichkeiten die evangelischen und katholischen Christen einander nähergebracht?

Es gab sehr viele beeindruckende Signale des Zueinanderkommens, theologisch und auch emotional. Die Entwicklung geht von einem Konflikt hin zu einer Gemeinschaft. Der Reformationstag ist ja längst nicht mehr der Tag der Spaltung.

Wäre es nicht schön gewesen, wenn der Papst zum Reformationsjubiläum nach Deutschland gekommen wäre?

Der Papst war ja zu Beginn des Reformationsjahres, am 31. Oktober 2016, in der Lutherischen Kathedrale von Lund. Dieser Besuch in Schweden war aus meiner Sicht das äußerste Zeichen, dass der Papst den Protestanten geben konnte und wollte. Und man muss deutlich sagen: Wir haben das ganze Jahr über zahlreiche ökumenische Akzente gesetzt, auch hier im Norden. Zum Beispiel das Lichterfest im Advent in Schleswig oder der ganz besondere Kreuzweg hier in Lübeck.

Wie weit ist die Ökumene? Wann werden beide Konfessionen gemeinsam das Abendmahl feiern?

Das dürfen Sie nicht mich fragen. (lacht.) Das ist immer noch eines der trennenden Themen in der theologischen Auseinandersetzung. In vielen Gemeinden wird es aber auch schon auf dezente Weise anders gelebt.

Martin Luther stand in diesem Jahr für viele Kinder auf dem Lehrplan. Was müssen Grundschulkinder von Luther und der Reformation wissen?

Dass christlicher Glaube nicht heißt, indoktriniert zu werden. Es wird nicht vorgeschrieben, was zu glauben ist. Am Beispiel Luthers ist zu lernen, dass sich über Fragen und Nachdenken der eigene Glauben entwickeln kann, um gestärkt durchs Leben zu gehen.

Wie nehmen Kinder diese Themen auf?

Ich fand es spannend bei Gesprächen mit Jugendlichen, wie die an Luther auch Anstoß nehmen: Der war ja kein Held, schon gar nicht, wenn wir etwa seine Judenfeindlichkeit ansehen. Luthers Geschichte ist dann eher als Ansporn zur Selbstkritik zu sehen.

Was haben Sie persönlich denn Neues an Luther entdeckt?

Es drehte sich schon sehr viel um Luther, weniger um die anderen Reformatoren wie Bugenhagen oder Melanchthon. Luther ist ein Mensch gewesen, der sehr stark institutionskritisch gedacht und gehandelt hat. Das ist sehr modern. Er hat aber immer die Institution Kirche erhalten wollen. Er hat immer gewusst, dass es die Gefahr der Egomanie gibt, wenn die Kritik darauf dringt, die Kirche aufzulösen oder sie zu zerstören. Es braucht aber Institutionen wie die Kirche, wie aber auch den Staat, die Gewerkschaften und auch die Medien, damit sich nicht das Recht des Stärkeren durchsetzt. Das ist mir noch einmal neu bewusst geworden.

Was bleibt denn vom Reformationsjahr hängen, nach dieser Flut an Luther-Filmen und Feierlichkeiten, nach all den Playmobil-Figuren?

Das Interesse der Menschen an dem, was durch Luther vor 500 Jahren in Gang gekommen ist, war schon sehr stark. Da haben wir die nächsten Jahre richtig Stoff, um weiter im Gespräch zu bleiben. Dass wir die Suche nach kultureller Identität auch als Kirche begleiten, auf die Menschen zugehen, das kann 2018 ruhig weitergehen.

Mit welcher Botschaft versuchen Sie, im Jahr 2018 die Menschen im Norden zu erreichen?

Wir haben es weltweit mit starker Polarisierung zu tun. Auch mit religiöser Polarisierung, etwa im Nahen Osten, was extrem bedrückend ist. In unserem Land sind wir zwischen den Religionen gut im Gespräch. Ich wünsche mir, dass wir da beieinanderbleiben. Wir haben als Religionen in dieser Gesellschaft den Auftrag, unsere Wertekultur zu prägen. Wir müssen verhindern, dass bei uns Abwertung und Diskriminierung salonfähig werden. Wir müssen aufstehen von unserem Sofa und uns dafür einsetzen, dass wir alle miteinander gesprächsfähig bleiben.

Luther-Jahr mit Playmobil-Figur

Im Oktober 2015 war Bischöfin Kirsten Fehrs eine der ersten kirchlichen Würdenträgerinnen, die sich mit dem Playmobil-Luther auf der Kanzel zeigten. Auch in der Bischofskanzlei in Hamburg steht einer – „aber der wandert jetzt vom Schreibtisch ins Bücherregal“, verrät Bischöfin Fehrs.

Die Figur des Reformators Martin Luther verkaufte sich im Reformationsjahr über eine Million Mal – Playmobil-Rekord. Der kleine Luther trägt einen Federkiel und eine Bibel, die allerdings leicht herabfällt. Neue Teile wurden kaum entworfen: Der Umhang stammt von einer Vampirfigur, die Kopfbedeckung ist laut Domradio ein Polizeibarett.

 Interview: Lars Fetköter

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