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Norddeutschland „Mir fehlt Dynamik in der Gründerszene“
Nachrichten Norddeutschland „Mir fehlt Dynamik in der Gründerszene“
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20:34 23.12.2018
Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP), Schirmherr des LN- Existenzgründerpreises Quelle: FOTC. Rehder/DPA
Lübeck

Welche Firmen-Idee fehlt Ihnen in Schleswig-Holstein? Da kann ich jetzt nicht sofort eine tolle Idee präsentieren, aber mir fehlt in der Szene noch mehr Dynamik und mehr Leben. Weil wir ja alle wissen, wenn ein Start-up geboren wird, dann überleben eben nicht alle. Gute Ideen in reale Geschäfte umzuwandeln, ist nicht so ganz einfach. Deshalb brauchen wir viele mit guten Ideen, die auch den Mut haben, ihre Geschäftsidee tatsächlich umzusetzen.

Was braucht es noch, um eine Firma zu gründen? Neben der guten Idee ist vor allem Startkapital erforderlich und das richtige Coaching. Denn die Ideengeber sind ja in den seltensten Fällen zugleich Betriebswirte. Aus einer Idee den richtigen Businessplan zu entwickeln, das ist die zweite Herausforderung. Da ist es gut, wenn sich Menschen zusammentun oder sich von Mentoren coachen lassen. Die Finanzierung ist nach wie vor in Deutschland ein Riesenthema. Wir haben viel weniger Risikokapital im Land als etwa im Silicon Valley, wo die großen Gründerszenen sind. Bei uns läuft die Standardfinanzierung nach wie vor über die Sparkasse, und die kann sich hohe regulatorische Wagnisse nicht leisten. Deshalb brauchen wir ein Stückchen mehr Anschubfinanzierung. Daher haben wir als Land den Seed-und Start-up-Fonds aufgewertet, damit wir bei Gründungen die Möglichkeit haben, mit Kapital unter die Arme zu greifen. Welches sind die größten Probleme, mit denen Existenzgründer in Schleswig-Holstein zu kämpfen haben? Die Finanzierung ist das Kernthema. Oft mangelt es auch an Beratung und der Möglichkeit, sich austauschen zu können. Die Mach AG mit ihrem Joint-Innovation-Lab bietet einerseits der Firma die Möglichkeit, junge Leute zu binden. Andersherum profitieren junge Gründer davon, dass sie das Know-how einer wirklich am Markt agierenden Firma nutzen können. Diese Form von Zusammenarbeit haben wir im Land immer noch zu wenig – nicht nur weil die Gründer da vielleicht zu wenig Kontakt suchen, sondern auch, weil die Unternehmer auf den Gründerveranstaltungen relativ selten anzutreffen sind. Ich glaube, dass gerade auch in einer mittelständisch geprägten Wirtschaft, wie wir sie in Schleswig-Holstein haben, der normale Mittelständler mal auf so einem Abend gucken kann. Entweder findet er dort eine tolle Idee oder er findet auch eine Persönlichkeit, die sich für die Unternehmensnachfolge eignet.Es wäre schön, wenn es da mehr Austausch gäbe.

Wann wird ein Start-up eigentlich „erwachsen“? Es ist schwierig, genau zu sagen, wann ein Unternehmen über den Berg ist. Aber in dem Moment, , in dem man Arbeitsplätze geschaffen und einen realen Umsatz hat, der auch unterm Strich einen Ertrag schafft, da hat man die erste schwierige Hürde schon mal genommen.

Schleswig-Holstein ist das Flächenland mit der drittstärksten Gründungsintensität. Aber wie erfolgreich sind denn die Start-ups? Ist der Erfolg messbar? Diese Zahlen werden nicht erhoben. Wer gründet, wer geht da wieder raus? Wer schafft es? Darüber müssen wir mehr wissen. Die Anzahl der Gründungen in Schleswig-Holstein ist schon imposant. Das hat auch damit zu tun, das wir in bestimmten Bereichen auch Ein-Personen-Gründungen haben (Gesundheitswirtschaft, ambulante Pflegedienste, da kann man sehr schnell seinen eigenen Laden aufmachen.Die Tatsache aber, dass wir so viele Gründungen haben, ist erstmal schön. Größere Unternehmen, in denen in der Regel Forschungs- und Entwicklungsabteilungen existieren, haben wir aber viel zu wenig. Es gibt mehr als 400 Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten. Dort wird in der Regel deutlich mehr für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Und das macht den Unterschied zwischen Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und anderen Bundesländern aus. Die Gesamtausgaben der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung sind da um ein Vielfaches höher als das, was wir hier haben. Wir müssen versuchen, das auszugleichen – durch eine florierende Gründerszene und viel Technologietransfer auch aus den universitären Einrichtungen. Auch da gibt es Aufholbedarf, wenn es darum geht, Forschung in echte Wertschöpfung zu übersetzen.

Die Wirtschaftsinstitute senken ihre Konjunkturprognosen. Fürchten Sie, dass sich das negativ auf das Gründerverhalten auswirkt? Die Wachstumsgeschwindigkeit wird geringer, das stimmt. Dazu aber haben wir eine demografische Entwicklung, die den Arbeitsmarkt leer räumt. Das heißt: Wir brauchen auch bei abklingender Konjunktur eigentlich viel mehr Menschen, die arbeiten könnten. Der Kampf um die Nachwuchskräfte wird deutlich schärfer. Das führt dazu, dass junge Menschen mit ganz ordentlichen Verdienstmöglichkeiten in Unternehmen tätig sein können. Da ist Frage: Gehe ich das Risiko ein, mich vielleicht sogar mit meinem eigenen Geld selbstständig zu machen? In den Phasen, in denen die Nachfrage nach solchem Personal geringer ist, ist die Gründerszene größer. Umso größer ist die Herausforderung für uns, das wir eine funktionierende Gründerszene ausweiten.

Julia Paulat

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