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Norddeutschland Wut im Wartezimmer: Ärzte fordern besseren Schutz
Nachrichten Norddeutschland Wut im Wartezimmer: Ärzte fordern besseren Schutz
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06:44 12.04.2019
Die Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und ihre Mitarbeiter steigt. Wie hier in Baden-Württemberg bieten Selbstverteidigungs-Trainer mittlerweile Kurse zur Deeskalation und Sicherheit in Gefahrensituationen in Krankenhäusern und Arztpraxen an. Im Bild zeigt Trainer Wolfgang Göbes, wie man sich aus einem Griff an das Handgelenk befreien kann. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
Kiel

„Solche Angriffe sind auch in Praxen in Schleswig-Holstein zunehmend ein Thema“, berichtet Henrik Hermann, Präsident der Ärztekammer im Norden. Die Bandbreite reiche dabei von verbaler Gewalt bis zu körperlichen Attacken. In den Krankenhäusern würden daher insbesondere für die Mitarbeiter in den Notaufnahmen Deeskalations-Kurse angeboten werden. „Die können wir uns mittlerweile auch für niedergelassene Ärzte und Mitarbeiter gut vorstellen“, sagt Hermann.

Ein Hauptauslöser: Die vermeintlich zu lange Wartezeit

Ein Hauptauslöser solcher Übergriffe seien Wartezeiten und die Frage, in welcher Reihenfolge Patienten behandelt werden, heißt es auch von der niedersächsischen Ärztekammer. Die Menschen seien zunehmend ich-zentriert und hätten kein Verständnis mehr dafür, dass Notfälle Vorrang hätten. Auch die Bundesärztekammer wirbt bereits für Sicherheitstrainings. „Die medizinischen Fachangestellten in den Arztpraxen berichten von einem zunehmend raueren Umgangston an den Anmeldungen und von offener Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Team“, heißt es von Barbara Kronfeldner vom Verband medizinischer Fachberufe.

Ärzte haben in der Praxis das Hausrecht

Was tun, wenn ein Patient gewalttätig wird? Handelt es sich um einen Notfall und besteht für den Patienten Lebensgefahr, darf ein Arzt ihn nicht abweisen. In allen anderen Fällen aber steht den Medizinern in ihren Praxen das Hausrecht zu, sagt Schleswig-Holsteins Ärztekammer-Präsident Henrik Herrmann. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen dürfen die Behandlung ablehnen, den Patienten der Praxis verweisen und notfalls auch die Polizei rufen, um ihre Anordnung durchzusetzen.

„Es handelt sich offenbar um ein gesellschaftliches Problem, quer durch alle Bevölkerungsschichten“, sagt Henrik Hermann. Die Anspruchshaltung und Rücksichtslosigkeit vieler Menschen sei enorm. Das beginne schon damit, dass lange abgestimmte Termine kurzfristig abgesagt werden oder die Patienten einfach nicht erscheinen. Joachim Schur von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund macht zumindest in den Kliniken aber auch die ausgedünnte Personallage dafür verantwortlich. Es fehlten Ärzte und Pfleger, sodass es für Patienten tatsächlich häufiger zu langen Wartezeiten komme.

Die Kammer vermittelt auch psychologische Hilfe

In Baden-Württemberg wurden 2017 vom Sozialministerium 92 Straftaten mit Ärzten als Opfer registriert, 2014 waren es erst 62. Für Schleswig-Holstein gibt es keine Zahlen. Auch die polizeiliche Kriminalitätsstatistik führt sie nicht gesondert auf. Um einen Überblick über das Problem zu bekommen, ruft Hermann die Kolleginnen und Kollegen jetzt dazu auf, der Kammer alle Vorfälle zu melden. Die Kammer biete auch Unterstützung an, psychologische Hilfe zum Beispiel. Denn solche Gewalterfahrungen könnten sehr belastend sein. Das gelte gerade auch für Arzthelferinnen, die im Praxisalltag oft als erste Opfer von aggressiven Patienten werden würden.

Die Ärzte bitten andere Patienten in Notsituationen um Mithilfe

Patienten, die solche Vorfälle beobachten, bittet Hermann in dieser Situation um Unterstützung für das Praxisteam. Von der Politik wünschen sich die Ärzte gesetzgeberische Rückendeckung. Gewalt gegen Ärzte und medizinische Helfer während Einsätzen und Gewalt gegen Praxisteams sollten ebenfalls unter den Straftatbestand „Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und Rettungsdienstmitarbeiter“ aufgenommen und somit härter bestraft werden.

Bei der Landtags-Opposition stößt das auf Zustimmung. Es gebe Studien, dass neun von 10 Ärzten in ihrer Praxis schon einmal tätlich angegriffen worden seien. „Dieser Zustand ist zunehmend unerträglich“, sagt der SPD-Gesundheitspolitiker Bernd Heinemann. Deshalb sollten zum Schutz der medizinischen Helfer auch mehr Fortbildungsmaßnahmen für den Umgang mit Gewalt angeboten werden. Der Verein „Niedergelassene Ärzteschaft in Itzehoe“ etwa mache das bereits. „Die Landesregierung steht in der Pflicht dies zu unterstützen“, sagt Heinemann.

Auch im Kieler Sozialministerium von FDP-Minister Heiner Garg bedauert man, dass Angriffe auf Ärztinnen und Ärzte bislang noch nicht härter geahndet werden. Ansonsten könne man den Medizinern nur den Rat geben, im Notfall die Polizei zur Hilfe zu rufen.

Wolfram Hammer

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