Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Zins-Tief bringt kleine Stiftungen in Existenznot
Nachrichten Norddeutschland Zins-Tief bringt kleine Stiftungen in Existenznot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:35 09.06.2016
Anzeige
Lübeck

Zum Beispiel bei den „Lübecker Bücherpiraten“. Die bieten zwölf Lesegruppen und Vorleserunden für Kinder und Jugendliche an, dazu Leseprojekte in Kitas und Schulen. Noch. „Wir haben schon eine von 3,6 Stellen abbauen müssen, müssen Gruppen zusammenlegen“, sagt Geschäftsführerin Lenara Sanders. Es fehle das Geld. „Von den Stiftungen, die uns fördern, gibt es immer mehr Absagen.“

0,0 Prozent: Das ist der aktuelle Leitzins, an dem Draghis Europäische Zentralbank festhält. Anleger bekommen kaum mehr. Länder mit Schuldenhaushalten freut das, weil sie für ihre Kredite wenig Zinsen zahlen müssen. Sparer aber gehen leer aus – zumal wenn sie, wie die Stiftungen, gehalten sind, ihre Geldvermögen mündelsicher zum Beispiel in Bundesschatzbriefen anzulegen. 7,5 Prozent Zinsen konnte man auf die vor ein paar Jahren noch bekommen. Doch die letzten dieser Papiere laufen langsam aus.

Bei Neuanlagen können sich Stiftungen heute schon freuen, wenn sie noch ein Prozent Zinsen bekommen, sagt Max Schön. Seine Lübecker Possehl-Stiftung treffe es nicht so sehr, weil ihr Vermögen ganz überwiegend aus einer Unternehmensbeteiligung bestehe. „In der Stiftungs-Szene insgesamt ist die Niedrigzinspolitik aber ein Riesenproblem.“ Größere Stiftungen könnten noch gegensteuern, indem sie in Fonds investieren oder Wohnungen und Häuser kaufen und vermieten. Mit kleinen Vermögen, die nicht mal für eine einzige Wohnung reichen, gehe das aber kaum. So ein Strategiewechsel erfordere zudem viel Fachkenntniss bei den Stiftungsvorständen.

Mittlerweile gibt es immerhin Bemühungen, ihnen zu helfen. Die Hamburger Sparkasse „Haspa“ bietet an, ihr Geld in einem Stiftungsfonds zu 1,5 Prozent anzulegen. Der Gesetzgeber erlaubt jetzt Verbrauchsstiftungen, die ihr Kapital über einen festen Zeitraum abschmelzen dürfen. Ob das ausreicht? Hans-Jochen Arndt, Vorsitzender der Lübecker Wessel-Stiftung, ist skeptisch. Die komme noch auf ihre Rendite, „landesweit gesehen ist die Niedrigzinspolitik aber ein echtes Problem. Draghi und die EZB untergraben damit das bewährte Stiftungswesen.“
Allein in Lübeck gibt es 112 Stiftungen, die jährlich zusammen eine mehrstellige Millionensumme ausschütten. 108 davon beaufsichtigt

Wolfgang Kloth vom Rechtsamt der Stadt. Gerade bei den kleineren herrsche Frust, berichtet Kloth. Wenn ein 100 000-Euro-Vermögen pro Jahr nur noch 1000 Euro abwirft, lohne sich der Aufwand kaum noch, heiße es dann. Einige Stiftungen würden sich am liebsten auflösen. Das geht aber meist nicht, weil sie auf Ewigkeit angelegt sind. Erste Stiftungen legten ihre Vorstände zusammen. „Die Einrichtungen vor Ort, die auf deren Fördergelder angewiesen sind, werden Probleme bekommen“, sagt auch Kloth. Die Bücherpiraten wollen gegenhalten. „Wir fragen jetzt gezielt Privatleute, ob sie uns nicht mit einer monatlichen Spende unterstützen wollen“, sagt Lenara Sanders.

Von Wolfram Hammer

Stifterpreis Schleswig-Holstein ausgeschrieben

Am 5. November 2016 wird in Neumünster der Stifterpreis Schleswig- Holstein verliehen. Mit diesem Preis werden Stiftungen ausgezeichnet, die sich „beispielhaft um das Gemeinwohl im Land verdient gemacht“ haben, wie es in der Ausschreibung heißt. Dotiert ist der Stifterpreis mit insgesamt 10 000 Euro – 5000 Euro gehen an den Sieger. Interessierte richten ihre Bewerbung bis zum 22. Juni 2016 per E-Mail an hannemann@diakonie-sh.de oder per Post an Stiftung Schleswig-Holsteiner Stiftungstag, Diakonisches Werk Schleswig-Holstein, Bernd Hannemann, Kanalufer 48, 24768 Rendsburg.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige