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Norddeutschland Zirkuskinder: Mathe üben im VW-Bus
Nachrichten Norddeutschland Zirkuskinder: Mathe üben im VW-Bus
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20:18 21.09.2013
Der Zirkustrubel bleibt draußen: In ihrem VW-Bus kann Lehrerin Heike Treu Jordan (12) in Ruhe die Mathe-Aufgaben erklären. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Der graue VW-Bus von Heike Treu parkt vor dem Zirkuszelt. Im Wagen sitzt Jordan (12) an einem kleinen Tisch und löst konzentriert Aufgaben zum Bruchrechnen. Metallene Schläge hallen über den Platz im Lütjenburger Gewebegebiet. Jordans Brüder und sein Onkel Chani Traber bauen gerade das blaue Zelt ab. Am nächsten Tag reist der „Familiencircus Traber“ weiter — nach Schönwalde, danach steht Grube auf dem Programm. Für den Zwölfjährigen und seine Brüder Lukas (8) und Alex (15) bedeutet das einen ständigen Schulwechsel. Häufig sind die drei Zirkuskinder jede Woche in einer neuen Klasse. „Da gewöhnt man sich dran“, sagt Alex.

Damit die drei im Lernstoff trotzdem gut mitkommen, unterstützt sie Heike Treu. Die 61-Jährige ist Bereichslehrerin für beruflich Reisende — eine von insgesamt zwei Lehrkräften in Schleswig-Holstein.

Über ihren Kollegen Matthias Andrae, der vor zehn Jahren damit angefangen hatte, war sie auf diesen außergewöhnlichen Zweig des Lehrerberufs aufmerksam geworden. Seit August 2006 reist sie nun mit ihrem VW-Bus durch Schleswig-Holstein. „Das ist eine ganz besondere Arbeit, die sehr viel Spaß bringt“, sagt sie. Zu ihren Schülern gehören neben Zirkuskindern vor allem Kinder von Schaustellern.

Einmal die Woche fährt die Stranderin mit ihrem Bus zu Familie Traber. Treu unterrichtet die Kinder aber nicht im klassischen Sinn. Schließlich gehen Alex, Jordan und Lukas morgens in die Schule vor Ort. Die 61-Jährige hält ständigen Kontakt mit der Stammschule, die die Traber-Jungs während der Zeit im Winterquartier in Neumünster besuchen. Die Zirkuslehrerin sorgt dafür, dass sie den Anschluss nicht verpassen. Für Jordan bedeutet das an diesem Nachmittag extra Hausaufgaben.

Die Mathe-Übungen hat Heike Treu von der Stammschule mitgebracht. Für Alex hat sie eine Arbeit im Fach Naturwissenschaften in der Tasche. Damit Heike Treu sieht, auf welchem Stand ihre Zirkusschüler sind, gibt es das Schultagebuch. Darin dokumentieren die Lehrer in den Schulen während der Tournee die Lernfortschritte und -ziele der Kinder. Es dient auch als Grundlage für die Leistungsbewertung. Wie alle anderen Schüler bekommen auch die Zirkuskinder inzwischen ein Zeugnis. „Die Kinder wollen ein Ziel haben“, sagt Treu.

Drei Traber-Sprösslinge haben die Schule bereits erfolgreich beendet. Samantha (20) hat eine Ausbildung im Marriott-Hotel in Hamburg begonnen — und sich dabei gegen 150 Konkurrenten durchgesetzt. Den Eltern werde die Bildung ihres Nachwuchses immer wichtiger, sagt Treu. „Die meisten wollen, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen.“ Viele Schausteller würden ihren Nachwuchs deshalb bei den Großeltern lassen.

Das käme für Yvonne Traber nicht in Frage. Die 42-Jährige möchte ihre Kinder bei sich haben. Ihre Sprösslinge werden außerdem im Zirkus gebraucht. Denn das Unternehmen ist ein reiner Familienbetrieb.

Schon die jüngste Tochter Trinity steht mit ihren vier Jahren in der Manege. An diesem Nachmittag geht es für Trinity hoch hinaus. In null Komma nichts ist die Vierjährige das Zelt hinaufgeklettert. Treu geht bei dem Anblick der beweglichen Traber-Kinder das Herz auf. „Das ist einfach schön zu sehen“, sagt die Sportlehrerin.

Die 61-Jährige kann auf eine bewegte Laufbahn zurückblicken — sie hat an Haupt-, Förder-, Grund- und Gesamtschule unterrichtet. Im kommenden Jahr wird Treu in den Ruhestand gehen. Was muss ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin mitbringen? „Man sollte gerne Lehrer sein und in vielen verschiedenen Schulformen unterrichtet haben“, sagt Treu. Der Job sei eine Herausforderung. Gerne durchs Land zu fahren, dürfte auch zum Anforderungsprofil eines Zirkuslehrers gehören. Heike Treu wird im kommenden Jahr nur noch privat mit ihrem VW-Bus unterwegs sein. Das aber oft. „Ich verreise gern.“

Vom Binnenschiffer bis zum Schausteller
100 Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt betreuen die Bereichslehrer für Berufliche Reisende in Schleswig-Holstein. Dazu gehören viele Schaustellerfamilien, die sie auf den Jahrmärkten, Weihnachtsmärkten, dem Hamburger Dom oder in ihrem Winterquartier treffen und unterstützen. Zu der Gruppe der beruflich Reisenden gehören in Deutschland traditionell auch Binnenschiffer, saisonale Arbeiter, zeitweilige Migranten und umherziehende Roma- und Sintifamilien. Um letztere Gruppe kümmert sich der zweite Bereichsleiter Matthias Andrae momentan schwerpunktmäßig.

Julia Konerding

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