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Norddeutschland Zoff im Brieftaubenverband
Nachrichten Norddeutschland Zoff im Brieftaubenverband
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21:20 04.05.2016

Taube 213 und Taube 214 sind fantastische Flieger. „Sie gehören zu meinen Besten.“ Das sagt Brieftauben-Züchter Günter Wichmann (64) aus Lübeck nicht nur so. Er kann es demonstrieren. Er öffnet den Deckel, die besten Tauben trippeln zur Kante — und weg sind sie, in einer eleganten Rechtskurve steigen sie hoch und verschwinden hinter den Bäumen.

„Die fliegen jetzt nach Hause, in ihren Schlag in Schlutup“, sagt Wichmann und blickt ihnen nach. Richtung Osten. Es ist nicht weit. „Das gibt keine Probleme.“ Zumal die Tauben heute Rückenwind haben. „Der Wind weht ja meist von West nach Ost“, erläutert Wichmann. Jetzt ist das gut, aber bei Wettkämpfen, klagt Wichmann, sei es ein Riesenproblem. „Weil der Regionalverband uns seit 2013 bei Meisterschaften zum Fliegen von Ost nach West verpflichtet.“

Tauben fliegen immer zu ihrem Schlag zurück. Bei Wettkämpfen werden sie bis zu 700 Kilometer entfernt freigelassen. Früher meist in Frankreich oder Belgien, heute regelmäßig in Polen, bedauert Wichmann. Viele würden es von dort nicht zurück nach Hause schaffen. „Aufgrund des ständigen Gegenwinds kam es in den letzten Jahren zu hohen Taubenverlusten von 50 Prozent und mehr.“ Tausende Tauben, rechnet der Pensionär vor, früher Controller bei der Bahn, verlören jährlich im Osten ihr Leben.

Für dieses Jahr befürchtet Wichmann wieder eine „taubensportliche Katastrophe“. 14 Preisflüge seien vom „Regionalverband 100“ Schleswig-Holstein beschlossen. „Ein die Tauben völlig überfordernder Reiseplan.“ Taubenfreund Wichmann will das nicht hinnehmen. Er fordert, dass die Tauben wieder im Westen starten, wie vor der Wende üblich.

Doch inzwischen steht er, obgleich Träger der Verbandsehrennadel, ziemlich alleine da. Seine letzten Taubenstarts bei Wettkämpfen habe er gerichtlich erzwingen müssen, berichtet er unglücklich.

Olaf Gehrken (48), zweiter Vorsitzender des Regionalverbands 100 Schleswig-Holstein, bestätigt das. In Sachen Ost- oder Westrichtung seien die Meinungen geteilt. Letztlich entscheide darüber der Regionalverband, dem 21 Reisevereinigungen zwischen Fehmarn und Lauenburg angehören, mehrheitlich. Eine Rolle spiele, dass über die A 20 und A 24 Taubentransporte aufgrund des geringen Verkehrs schneller in Richtung Osten transportiert werden können, als über Bremen und Hannover. Das sei auch im Sinne der Tauben.

Richard Groß (55), Präsident des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter in Essen, spricht angesichts der Zwistigkeiten von einem „Trauerspiel“. Wichmanns Streit mit dem Taubenverband beschäftigte inzwischen das Ehrengericht des Verbandes und die Zivilgerichte. Groß: „Man kann nicht sagen, dass die Ostrichtung schwerer als die Westrichtung ist. Der Wind weht ja nicht immer in gleicher Stärke aus einer Richtung.“ Die dramatischen Verlustzahlen, die Wichmann angebe, seien aus der Luft gegriffen. „Was da abläuft, ist ein Stück aus dem Tollhaus.“ Um einen Taubentransport zu verhindern, habe Wichmann sich schon vor den Lkw auf die Straße gelegt.

Alleine steht Wichmann mit seiner Forderung aber nicht. Auch er würde lieber aus Westen starten, sagt Karl-Heinz Staack (81) von der Reisevereinigung Lübeck. „Wenn die Tauben aus Osten fliegen, haben sie mehr Gegenwind, es gehen mehr Tauben verloren. Die Ostrichtung ist schwerer.“ Es gebe auch immer mehr Greifvögel, so Staack. Regelmäßig würden Tauben von gefiederten Räubern attackiert.

Er wolle am liebsten, dass alle sich wieder vertragen, sagt Wichmann noch. Und fordert in diesem Sinne ein europäisches „Epi-Zentrum“ für den Brieftaubensport in Frankreich oder Belgien.

Bis dahin scheint es ein weiter Weg. Und „Zwodreizehn“ und „Zwovierzehn“, wie Wichmann sie zärtlich nennt — beide Nachkommen des legendären Taubers „Wittenbuik“ aus dem belgischen Schlag Gaby Vandenabeele — bleiben zu Hause, für die Zucht. Sie sind zu schade, um sie im Gegenwind zu verheizen.

Brieftaubenzüchtern fehlt der Nachwuchs

Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter (VDBZ) mit Sitz in Essen ist die deutsche Dachorganisation, in der die Regionalverbände organisiert sind. Bundesweit gibt es etwa 64000 Brieftaubenzüchter in 8000 Brieftaubenzuchtvereinen. Die Zahl der Züchter sinkt, das Durchschnittsalter steigt.

Der Regionalverband 100 „Schleswig-Holstein“ besteht aus 21 Reisevereinigungen und hat 1090 Mitglieder (Stand 2011).

Tierschützer kritisieren oft, dass Tauben auf Wettbewerben verenden oder sich Stadttauben anschließen.

Von Marcus Stöcklin

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