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Zoff im Norden: Jetzt geht‘s um die Wurst

Lübeck Zoff im Norden: Jetzt geht‘s um die Wurst

Die Debatte um Kantinen-Essen wird schärfer: CDU erntet bundesweit Kritik für ihren Antrag, auch vom Vize-Kanzler. Die geplante #Schweinefleischpflicht scheint nicht wirklich erfolgreich zu sein.

Quelle: Fotolia

Lübeck. Die Forderung der Nord- CDU nach einer Schweinefleischpflicht für alle Schul-, Kita- und sonstigen öffentlichen Kantinen hat eine heftige Debatte in ganz Deutschland ausgelöst. Wie ungesund ist Schweinefleisch? Darf oder muss man sogar aufs Schweinefleisch-Angebot verzichten, weil es immer mehr Vegetarier, Veganer und muslimische Mitbürger gibt? In Lübeck (siehe Umfrage rechts) wurde darüber ebenso diskutiert wie auf den Portalen anderer Tageszeitungen und im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter. Dort war die LN-Meldung nach kurzer Zeit die Top-Politik-Nachricht des Tages.

Dass in Kantinen Schwein angeboten wird, ist ja auch meistens eine Frage des Preises: Die Leute wollen günstig Fleisch essen. Andreas Even (52)

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„Der Minderheitenschutz — auch aus religiösen Gründen — darf nicht dazu führen, dass eine Mehrheit aus falsch verstandener Rücksichtnahme in ihrer freien Entscheidung überstimmt wird“, heißt es in einem Antrag der CDU-Landtagsfraktion. Schweinefleisch gehöre hierzulande zur Esskultur und zu einer „gesunden und ausgewogenen Ernährung“. Man sei daher alarmiert, dass immer mehr Kitas aus Rücksichtnahme auf muslimische Kinder Schweinefleisch aus dem Angebot strichen.

„Ich hab so ‘nen Quatsch noch nicht gehört“, konterte SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel in Berlin. Man müsse aufpassen, dass man Flüchtlingsthemen „nicht auf schlechtes Comedy-Maß reduziert“.

„Das deutsche Schwein ist kein Verfassungswert“, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck. „Was in Kitas, Schulen und öffentlichen Kantinen auf die Teller kommt, entscheiden der Bedarf und keine CDU-Schweine-Ideologie.“ FDP-Bundeschef Christian Lindner twitterte: „Verrückte Idee: wie wäre es, wenn einfach jeder selbst entscheidet, was er isst?“ Und der Frankfurter-Rundschau- Journalist Hanning Voigts erklärte ironisch: „Deutschlands Identität wird nun also auch in der Kantinenschlange verteidigt.“

Fatih Mutlu, den Vorsitzenden der „Schura“, der Islamischen Religionsgemeinschaft in Schleswig- Holstein, ärgert, dass die Debatte so geführt werde, als würde die Minderheit der Mehrheit mit ihrer Forderung etwas wegnehmen wolle. „Wir sind nun mal eine Gesellschaft aus mehreren Kulturen und Religionen“, sagt der Neumünsteraner. Da sollte man den Menschen auch die Möglichkeit geben, das zu essen, was sie möchten, sollte also zum Beispiel immer auch ein vegetarisches oder veganes Gericht anbieten. Das schaffe dann auch für Moslems oder Juden eine Ausweichmöglichkeiten. Denn mehr als 90 Prozent der Muslime, so schätzt es Mutlu, würden kein Schweinefleisch essen, auch wenn nicht alle von ihnen religiös seien.

Schleswig-Holsteins Bauernpräsident Werner Schwarz argumentiert ganz ähnlich, hält die CDU- Forderung für überzogen. Die Bürger wollten nicht bevormundet werden, das habe schon die Debatte um den Veggie-Day gezeigt. Es sollte in Kantinen vielmehr immer eine Wahlfreiheit zwischen verschiedenen, auch vegetarischen Gerichten geben. In Kitas und Schulen würde das auch dazu dienen, die Urteilskraft der Kinder in Ernährungsfragen zu schulen. Sowohl eine Fleischpflicht als auch ein Fleischverbot wären hingegen eine „Instrumentalisierung noch nicht mündiger Menschen“.

„Kindertagesstätten und Schulen sind absolut selbstständig in der Lage, für einen ausgewogenen Speiseplan zu sorgen, brauchen keine Nachhilfe von der CDU-Landtagsfraktion“, sagt auch Bernd Schauer, Geschäftsführer der Gewerkschaft GEW. Dass viele bereits auf Schweinefleisch verzichteten, geschehe auch keineswegs nur aus Rücksicht auf religiöse Motive, sondern weil Schweinefleisch vielen Kindern einfach nicht schmecke.

Der Umweltverband WWF erklärte in Berlin, es gebe „wenig Anhaltspunkte dafür, dass Schweineschnitzel und Kotelett auf den Speiseplänen deutscher Kantinen unter Artenschutz gestellt werden müssen“.

Die Nord-CDU solle sich angesichts der ökologischen Probleme der konventionellen Fleischproduktion lieber für einen bewussteren Fleischkonsum einsetzen. Dazu rät auch Alste Janßen, Diät-Assistentin am Institut für Humanernährung der Uni Kiel. Gesundheitsschädlich, wie oft behauptet, sei Schweinefleisch hingegen nicht. „Es gibt keine Vor- und Nachteile gegenüber anderen Fleischsorten.“ Auch Schwein sei mittlerweile mager und nicht cholesterinhaltiger. Generell gelte aber: Die Menschen sollten weniger Fleisch essen. Zweimal pro Woche sei genug.

#Porkday und #Schweinefleischpflicht: Viel Spott in den Sozialen Medien

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ist der Hashtag #Schweinefleischpflicht gestern zwischenzeitlich zu dem meist diskutierten Begriff in Deutschland geworden. Der Vorschlag der schleswig-holsteinischen CDU wurde dort fast ausschließlich mit Hohn und Spott bedacht. „Statt #Schweinefleischpflicht mal lieber #Hirnpflicht einführen, dann gäbe es so einen Schwachsinn nicht, danke“, schrieb Nutzer Pinar (@parainharayd). In der Twitter-Gemeinschaft wurde der CDU-Vorschlag vielfach für einen Scherz gehalten: „#Schweinefleischpflicht? Ist denn schon der 1. April?“, fragte Nutzerin Sarah Yilmaz und postete darunter ein Foto von Schweinen in Massentierhaltung. Die Partei Bündnis 90/Grüne erfand dagegen kurzerhand das „Wurst Case Scenario“ und die „Salamierung des Abendlandes“. Der Sprecher Lasse Pettersdotter von der Grünen Jugend Schleswig-Holstein hat außerdem ein Plakat mit einem neuen Spitzenkandidaten namens „Hacke Peter“ für die CDU entwickelt (Foto).

Dazu wird in Anlehnung an den „Veggie Day“ scherzhaft ein „Porkday“ — also Schweinefleischtag — gefordert. Auch zahlreiche Medien twitterten Beiträge zum CDU-Vorschlag. „Wer die #Schweinefleischpflicht hat, muss für den Spott nicht sorgen“, schrieb beispielsweise der Tagesspiegel aus Berlin.

Auch auf Facebook führte der Artikel „Schweinefleischpflicht in öffentlichen Kantinen“ gestern zu einer Grundsatzdiskussion zum Thema „Fleischkonsum ja oder nein?“. „Klar gehört Schweinefleisch auf den Tisch“, kommentierte etwa Userin Maria Fischer, während Anika Sperling entgegnete: „Meinetwegen braucht nirgendwo mehr Fleisch serviert werden." Als Gründe gegen den Schweinefleischkonsum gaben die Nutzer unter anderem die Bedingungen in der Massentierhaltung an.

Bei der Umfrage „Sollte Schweinefleisch zur Pflicht auf dem Speiseplan in Kantinen werden?“ auf LN-Online stimmte dagegen bis gestern Abend fast die Hälfte der Befragten für „Ja.

Schweinefleisch gehört zu unserer Kultur und sorgt für Abwechslung auf dem Teller“. Mehr als ein Drittel sagte: „Nein. Mit so einer Pflicht brüskiert man Vegetarier, Veganer und Muslime — zudem ist zu viel Fleisch nicht gesund“. Jeder sechste Nutzer stimmte für: „Mir egal. Ich bin für eine Bier-Pflicht in Kantinen!“

Wolfram Hammer

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