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Norddeutschland Zu viel Windstrom: Netz schafft Transport nicht
Nachrichten Norddeutschland Zu viel Windstrom: Netz schafft Transport nicht
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22:16 31.08.2015
Quelle: dpa
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Kiel

Große Mengen Windstrom werden in Schleswig-Holstein vernichtet, weil die Netzkapazitäten nicht ausreichen. Die Verbraucher müssen aber trotzdem für den ungenutzten Strom bezahlen — so sieht es die Gesetzeslage vor. Denn die Entschädigungen für die Windmüller werden von den Netzbetreibern auf die Kunden umgelegt.

Allein im vergangenen Jahr hat Netzbetreiber Tennet nach eigenen Angaben landesweit 220000 Megawattstunden verfügbare Windenergie „abgeregelt“, also nicht genutzt, und damit etwa doppelt so viel wie 2013. Auch die Kosten für die Abregelungen seien in diesem Zeitraum deutlich gestiegen — von 25 auf voraussichtlich 50 Millionen Euro.

„Für 2015 gehen wir noch einmal von einer Verdreifachung der abgeregelten Strommenge aus“, sagt Tennet-Sprecher Mathias Fischer. Der Grund dafür sei der weitere Ausbau von Windkraftanlagen im Norden.

Deren Strom übersteige die Netzkapazität und könne deshalb nicht in südlichere Gebiete transportiert werden, in denen es aber Bedarf gebe.

„Die Windräder werden abgeschaltet, weil die Netze überlastet sind“, erklärt Nicola Kabel, Sprecherin des Energiewendeministeriums in Kiel. Ende 2014 seien landesweit rund 45000 Anlagen in Betrieb gewesen, in denen Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wurde. 95 Prozent dieses Stroms konnten laut Ministerium von den Netzen aufgenommen werden. Kabel: „Das ist schon viel, aber noch nicht genug.“

Der Netzausbau sei schlicht verschlafen worden, sagt Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne). „Stromnetze sind ein Eingriff ins Landschaftsbild, sie bringen Belastungen, aber sie sind absolut unabdingbar, wenn wir nicht zu Kohle und Atom zurückwollen.“ Dieses müsse den Menschen im direkten Gespräch erklärt und mit ihnen um vernünftige Lösungen gerungen werden. Habeck:

„Das ist viel zu lange versäumt worden.“

So hat sich zum Beispiel in Schleswig-Holstein entlang der geplanten Trasse der 380-kV-Ostküstenleitung, die von Henstedt-Ulzburg durch die Kreise Segeberg und Stormarn, Lübeck, Ostholstein bis nach Göhl führen soll, Widerstand formiert. Ein breites Bündnis von Anwohnern hat Zweifel an der erwarteten Auslastung der neuen Leitung und bemängelt, dass bei der Planung vorrangig Interessen und Wünsche der Netzbetreiber und Energiekonzerne berücksichtigt worden seien.

Die Ostküstenleitung soll zur umstrittenen Nord-SüdStromautobahn „Südlink“ führen. Diese soll ab 2021 Strom von Schleswig-Holstein bis nach Süddeutschland bringen. Minister Habeck geht allerdings davon aus, dass sich auch deren Bau noch einmal verzögern wird. Deshalb sei es notwendig, zusätzliche, kurzfristige Lösungen für das aktuelle Netzproblem zu finden — auch, um die Verbraucher in Schleswig-Holstein zu entlasten. „Wir sollten den erneuerbaren Strom, der nicht durch den vorübergehenden Netzengpass kommt, nutzen, anstatt ihn wegzuwerfen und dafür Entschädigungen zu zahlen“, sagt er.

Habeck will, dass er für Speicher, Power-to-Heat- und Power-to-Gas-Anlagen verwendet wird, in denen Strom in Wärme beziehungsweise Wasserstoff oder Methan umgewandelt wird. Bisher lohne sich der Betrieb solcher Anlagen kaum, weil sie wie normale Stromverbraucher behandelt würden. „Wir schlagen der Bundesregierung vor, solche zuschaltbaren Lasten in Zeiten von Netzengpässen von den Steuern und Abgaben zu befreien“, sagt Habeck. Das schleswig-holsteinische Energiewendeministerium will die Forderung in seiner Stellungnahme zum Weißbuch „Ein Strommarkt für die Energiewende“ einbringen.

„Entschädigungen für die Windmüller würde es zwar weiterhin geben, aber sie wären nicht mehr so hoch wie bisher, weil ein Teil des bisher abgeregelten Stroms dann genutzt und auch bezahlt werden würde“, sagt Ministeriumssprecherin Nicola Kabel. Das wiederum wirke sich für die Verbraucher positiv auf die zu zahlenden Netzentgelte in Schleswig-Holstein aus. Denn diese sind es, die durch die hohe Zahl an Abregelungen steigen werden. Wie stark das konkret sein werde, lasse sich laut Netzbetreiber Tennet und dem Energiewendeministerium allerdings zurzeit noch nicht sagen.

Hohe Entschädigungen
40 Prozent der in Deutschland verzeichneten Abregelungen entfielen 2013 nach Angaben des Energiewendeministeriums in Kiel auf Schleswig-Holstein. Neuere Zahlen gebe es nicht. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren gesunken, 2010 lag er noch bei 79 Prozent. Die meisten Abschaltungen wegen fehlender Netzkapazitäten (rund 90 Prozent) mussten an Windanlagen vorgenommen werden, der Rest betraf Photovoltaik- und Biogasanlagen. Der Entschädigungsanspruch der Windmüller lag Schätzungen der Netzbetreiber zufolge 2013 bei 25 Millionen Euro, 2014 stieg er auf voraussichtlich 50 Millionen Euro.

Janina Dietrich

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