Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Zum Knuddeln: Das Treffen der „Furrys“

Lübeck Zum Knuddeln: Das Treffen der „Furrys“

Eine internationale Subkultur erobert die Hansestadt: "Furrys". Weltweit gibt es Millionen „Furrys“, Tausende in Deutschland, davon etwa 20 in Lübeck. Die LN haben drei von ihnen getroffen.

Quelle: Lena Modrow

Lübeck. Sein Fell ist schwarz-rot und sehr flauschig. Der Kopf sieht aus wie der eines Wolfes, aber seine Augen gucken freundlich. Wenn Gerwin (21) als „Sarou“ von oben bis unten in Flauschstoff gekleidet wie ein riesiges Plüschtier durch die Straßen läuft, sind die Reaktionen der Passanten gemischt. Manche wollen ihn spontan umarmen, manche schauen ihn nur verstört aus den Augenwinkeln an und sehen zu, dass sie unauffällig die Straßenseite wechseln. „Merkwürdig bis superknuddelig-süß finden einen die Leute“, sagt der Student. Aber er fühlt in seiner Verkleidung, dem „Fursuit“, vor allem letzteres: „Es ist toll, wenn alles, was man anfasst, so flauschig ist.“

Gerwin nennt sich selbst einen „Furry“, Angehöriger einer internationalen Subkultur, die sich vor allem für eines interessiert: fiktionale, menschenähnliche Tiergestalten zu entwickeln, in die man bei Bedarf als Rolle schlüpfen kann — sowie alle Formen von Kunst, die sich darum ranken: Literatur, bildende Kunst, Video-Art. Das sogenannte Furry Fandom, also die Fangemeinschaft, hat sich mutmaßlich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus einer Science-Fiction-Tagung heraus in den USA entwickelt. 1989 fand die erste „Konferenz der Tiere“ in Kalifornien statt; sechs Jahre später die erste in Deutschland, und zwar in Kaiser-Wilhelm-Koog (Kreis Dithmarschen). Heute gibt es Millionen „Furrys“ auf der Welt, Tausende in Deutschland, davon etwa 20 in Lübeck. „Von denen wir jedenfalls wissen“, sagt Sebastian, „die anderen haben sich vielleicht nur noch nicht zu erkennen gegeben“. Der 25-Jährige hat 2013 den Lübecker Stammtisch für „Furrys“ ins Leben gerufen, wo er und Gerwin, Tobias (25) und noch weitere Fellfreunde sich regelmäßig treffen.

Auch wenn Verkleiden bei diesen Zusammenkünften nicht auf der Agenda steht, eine Verwandlung findet trotzdem statt: Die richtigen Namen sind passé, man spricht sich nur noch mit dem der jeweiligen „Fursona“ an, also dem Charakter, den jeder für sich entwickelt hat. „Meiner hat eine 38-seitige Geschichte“, sagt Sebastian über sein Alter Ego „White Kiba“, einer Mischung aus weißem Wolf und Husky. Viele Zeichnungen, angefertigt von anderen, künstlerisch tätigen Furrys, zeigen den Charakter. Bei größeren Zusammentreffen tragen „Furrys“ diese Zeichnungen wie eine Art Ausweis um den Hals.

Einen Fellanzug besitzt Sebastian nämlich nicht — das ist auch eher die Ausnahme. Wegen des hohen Preises: Mindestens 2000 Euro kostet in der Regel solch ein maßgeschneidertes Kostüm; wer es sehr professionell haben will, muss das Doppelte oder sogar Dreifache investieren. „Nur schätzungsweise 20 Prozent tragen tatsächlich einen Fursuit“, sagt der Software-Entwickler, „und das in der Regel auch nur zu Conventions.“ Also zu Konferenzen, wie der „Eurofurence“ — Europas größtem „Furry“-Treffen, das jährlich in Berlin stattfindet. Oder zu sogenannten Fur Dances; Discos, bei denen die „Furrys“ zum Teil sogar in ihren Kostümen tanzen. „Die meisten müssen sich zwischendurch vor einen Ventilator stellen, um wieder abzukühlen“, sagt Sebastian. „Denn in so einem Anzug herrschen um die 40 Grad.“ Doch die meiste Zeit ist das „Furry“-Sein stärker eine mentale, mitunter spirituelle Angelegenheit, weniger eine des tatsächlichen Verkleidens.

Die Fursona ist bei allen schon aus einer Faszination für menschenähnliche Tiererscheinungen aus der Kindheit erwachsen; Disney-Figuren, He-Mans „Battlecat“ oder Fabelwesen. Und dann kam das Internet. „Drachen fand ich schon immer beeindruckend, und deswegen habe ich immer nach neuen Bildern gesucht“, sagt Tobias. Im Netz stieß er schließlich auf die „Furry“-Gemeinschaft — und hat dort „ganz tolle Menschen kennengelernt“, wie er sagt. Die meisten stammen aus dem IT-Bereich, sind Mitte 20 und männlich — nur etwa ein Viertel sind Frauen, die dann aber insbesondere auf Konferenzen besonders mit Zeichnungen und anderer Fan-Kunst in Erscheinung treten. Viele „Furrys“ engagieren sich im Tierschutz. Mit häufig unterstellten Persönlichkeitsstörungen habe das nichts zu tun. „Ein bisschen Kind muss man da schon geblieben sein — und bekloppt auf die gute Art“, sagen die „Furrys“.

Auch wenn Tobias beim Besuch der ersten Eurofurence zunächst eher überfordert war von den vielen Tiermenschen, die sich gegenseitig knuddelten, war er doch beeindruckt. „Da sind Menschen mit ganz verschiedenen Persönlichkeiten; Menschen aus aller Welt, sogar aus Afghanistan, aber da sind wir alle einfach ,Furrys‘“, sagt der 25-Jährige. „In einer Gesellschaft, in der man sich immer mehr verbiegen muss, um hineinzupassen, ist das wie ein mentaler Urlaub: Man kann sein, wie man ist, und wird nicht nur akzeptiert, sondern auch noch von den anderen ermutigt.“

Lena Modrow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den November 2016.

Sollten die Weihnachtsmärkte länger geöffnet haben?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und vieles mehr in Lübeck und Umgebung.

Tatort-Blitzkritik

Immer sonntags, direkt nach dem Tatort gibt es die Kritik auf LN Online. Reden Sie mit!

TV-Vorschau

Unsere Kolumne zeigt, wo sich das Einschalten lohnt.

Beltquerung

Politik und Bahn planen die Hinterlandanbindung zur Beltquerung. Alle Infos hier.

Schulen

Wir stellen Ihnen Schulen vor - damit Sie die richtige Wahl für Ihr Kind treffen.