Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Panorama Du bist krank – und mir fehlen die Worte
Nachrichten Panorama Du bist krank – und mir fehlen die Worte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:02 03.03.2018
Wenn ein Freund oder Verwandter mit einer schweren Krankheit konfrontiert wird, müssen auch die Mitmenschen lernen, damit umzugehen. Quelle: Unsplash/Eric Ward
Hannover

Es ist kurz vorm Wochenende. Der Bruder will zu Besuch kommen. Alles fürs Essen ist eingekauft, die Getränke sind kalt gestellt. Dann ruft er an: Erkältung, Fieber. Nach drei Tagen ruft er wieder an, immer noch Fieber, er werde zum Arzt gehen. Zwei Tage nichts, also ruft man selbst an. Die Medikamente helfen nicht. Der Bruder sagt, er werde einen anderen Arzt fragen. Als er danach anruft, schweigt er lange in die Leitung hinein.

Es ist keine Erkältung. Es ist ein Krebs des Lymphsystems. Im ersten Moment möchte man das weder gehört haben noch was dazu sagen. Aber irgendwas muss man ja sagen. Also sagt man: “Oh Gott!“. Oder: “Ist nicht wahr!“ Man fragt: “Kein Zweifel?“ Und kein einziges Wort fühlt sich richtig an.

Oder man sagt: “Was machst du für einen Scheiß!“, und es soll ironisch und aufmunternd klingen, aber irgendwie verrutscht der Ton, es klingt ernst und bitter und wütend. Und das ist man ja auch, ganz plötzlich ist man unglaublich wütend, auf den Krebs und die gesamte Ärzteschaft, das hätten sie doch viel früher erkennen müssen, diese Quacksalber. Und sogar auf den Bruder ist man wütend, und das ist das Schlimmste. Denn er hat ja den Krebs. Und er ist derjenige, der jetzt möglicherweise stirbt.

Die Zahl der schweren Erkrankungen nimmt zu

Krebs, Herzinfarkte, Schlaganfälle – die Zahl der schweren Erkrankungen nimmt zu. Jeder Zweite bekommt heute Krebs. Das liegt nicht an der Krankheit, sondern daran, dass wir durch die Fortschritte in der Medizin und der Hygiene überhaupt erst so alt werden, dass wir so krank werden können. Aber diese Relativierung hilft demjenigen, der mit der Diagnose vor dem Arztschreibtisch sitzt, kein bisschen.

Und demjenigen, der daneben sitzt oder der im Wartezimmer mit den Fingern auf die Knie trommelt, dem auch nicht. Nicht bloß die Kranken werden heute häufiger mit schwer zu verkraftenden Diagnosen konfrontiert. Es sind auch die Angehörigen und Freunde, die lernen müssen, damit umzugehen. Das ist nicht leicht, für keinen der Beteiligten.

Was also sagt man am besten, wenn man am Bett eines Schwerkranken steht? Nun: Am allerbesten macht man sich rechtzeitig vorher, also bevor man das Krankenzimmer betritt, ein paar Dinge klar.

Wir haben erst einmal Angst um uns

Zum Ersten: Wenn auf der Straße vor uns plötzlich ein Hindernis auftaucht, versuchen wir, ihm auszuweichen. Das ist ein natürlicher Reflex. Und meist wollen wir auch erst einmal ausweichen, wenn wir mit dem Schock einer schweren Erkrankung eines nahen Angehörigen oder Freundes konfrontiert sind. Wir möchten gar nicht darüber reden. Wir möchten sagen: Guck, die Sonne scheint. Wir möchten nicht zur Kenntnis nehmen, was unübersehbar im Raum steht.

Das ist weder unverständlich noch verwerflich. Aber es ist möglicherweise von Nachteil für unsere Beziehung zu dem Menschen, der da jetzt erst mal ans Bett gefesselt ist. Was bedeutet: Man sollte den Mut aufbringen, den Dingen ins Auge zu sehen.

Zum zweiten: Natürlich haben wir Angst um den Kranken. Aber in 99 Prozent aller Fälle kommt beim Menschen vor dem Mitgefühl das Gefühl für sich selbst. Heißt: Wir haben erst einmal Angst um uns. Der Krebs und die Bedrohung des Lebens des anderen erinnern uns daran, dass wir selbst verletzlich und sterblich sind, und das ist schwer. Und unsere Angst, dass unser Gegenüber stirbt, bezieht sich nicht nur auf das mögliche Ende seines Lebens – sondern auch darauf, dass unseres ja ohne ihn weitergeht, dass wir also allein zurückbleiben.

Es ist sinnlos, gute Laune vorzuspiegeln

Auch diese Ängste sind normal. Sie sind sogar wichtig: Wenn wir nicht an uns selbst denken, sind wir überhaupt nicht in der Lage, uns um andere zu kümmern. Unsere Gesellschaft hofiert Menschen, die sich im Altruismus aufopfern. Aber eigentlich überfordern sie sich nur und können am Ende für niemanden mehr sorgen, nicht mal für sich selbst.

Man sollte sich also nicht egoistisch vorkommen, wenn man bei der Krankheit anderer Leute auch an sich denkt. Aber man sollte wissen, dass das eine Rolle spielt, wenn man mit dem anderen über seine Krankheit spricht.

Dritter Punkt: Je näher uns der Kranke steht, umso besser kennt er uns und umso weniger können wir ihm was vormachen. Es hat also überhaupt keinen Zweck, so zu tun, als mache man sich gar keine Sorgen, wenn man sich doch Sorgen macht. Es ist sinnlos, zwecks Aufmunterung gute Laune vorzuspiegeln, wenn man keine hat. Am besten ist man, wie man eben ist.

Auch kranke Menschen sind freie Menschen

Und das bedeutet: Jeder muss seinen eigenen Weg im Umgang mit dem Kranken und der Krankheit finden, weil jede Situation, jeder Mensch, jedes Leiden individuell ist. Die Wahrscheinlichkeit, katastrophal daneben zu liegen, ist allerdings bei dem einen oder anderen Ausspruch höher als bei anderen. Dazu gehören Floskeln wie “Kopf hoch!“ Auch das berühmte “Du darfst nicht aufgeben“ empfinden viele Kranke als problematisch. Denn natürlich dürfen sie aufgeben. Es fällt uns oft schwer, so zu denken, aber auch kranke Menschen sind freie Menschen.

Man fährt in aller Regel ganz gut, wenn man keine Du-Botschaften aussendet. Nicht sagen: Du sollst, du musst. Man kann aber fragen. Ob der Kranke kämpfen will. Ob und wie man ihn unterstützen und an seiner Seite sein kann – und zwar bei allem, beim Kämpfen, beim Nichtkämpfen, beim Schmerzaushalten wie beim Schmerzbetäuben. Und notfalls auch beim Sterben.

Man kann auch von sich selbst sprechen. Wir können einfach erzählen, wie unsicher wir sind, wie viel Angst wir haben. Und dass wir traurig sind. Die Sorge, damit den Kranken noch trauriger zu machen, als er schon ist, ist meistens unbegründet. Traurigkeit verschwindet nicht, wenn man sie beschweigt. Im Gegenteil.

Reden, zuhören oder schweigen

Nur in einem Punkt sollte man sehr vorsichtig sein: Wer dem Gegenüber im Bett vorheult, wie schlimm das doch alles sei, könnte am Ende erreichen, dass der Kranke den Gesunden tröstet. Und das ist eine Belastung, die man ihm nicht zumuten sollte.

Reden oder zuhören oder schweigen – wichtig ist, dass man sich kümmert. Dass man versucht zu erspüren, was gerade notwendig ist.

Es gibt Kranke, die nicht über die Krankheit reden wollen – dann lässt man es. Die meisten wollen reden – dann tut man es. Und wenn man es partout nicht hinbekommt, den Kranken zu besuchen, aus Angst oder anderen Gründen, dann schreibt man ihm einen Brief und erzählt von der Angst oder den anderen Gründen. So zu tun, als wäre nichts, ist respektlos.

Zeit und Zuwendung sind unverzichtbar

Das Reden ist auch deswegen so wichtig, weil es im Krankenhaus so selten ist. Im Medizinstudium lernen junge Leute inzwischen, mit Patienten zu sprechen. Unsere Kliniken sind aber immer noch voll von Ärzten, denen zu Schmerzen nur Spritzen einfallen und die nicht wissen, wovon man spricht, wenn man von seinen Gefühlen erzählt.

Unser Gesundheitssystem setzt auf Apparate und synthetische Heilmittel. Das, was unverzichtbar bei der Gesundung von Menschen ist, nämlich die Zeit und die Zuwendung anderer Menschen, ist im System einfach nicht vorgesehen.

Für den Kranken da zu sein, und zwar so, wie er das möchte, ist von unschätzbarem Wert. Übrigens für beide. Für den, der im Bett liegt, und für den, der davor sitzt. Herzenswärme bekommt man immer doppelt und dreifach zurück.

Was ist Gesundheit? Mehr als nur nicht krank sein? Auf jeden Fall halten die Deutschen nichts so hoch wie Gesundheit. Zugleich gilt sie als Normalzustand. Erst wenn sie uns verlässt, merken wir, wie kostbar sie ist: als Fundament für Glück und Freiheit. Aus diesem Grund dreht sich in den kommenden zwei Wochen bei uns alles um Körper und Geist. Deshalb steht auch diese Ausgabe im Zeichen der Themenwochen “Fit und gesund“: Wie kann uns Meditation im Alltag helfen? Wie wollen wir die Altenpflege heute und in der Zukunft gestalten? Und wie können wir Schwerkranken beistehen? All diesen Fragen widmen wir uns in diesem “sonntag“.

Von Bert Strebe

Laupheim(dpa) - Der Gesundheitszustand der im oberschwäbischen Laupheim niedergestochenen 17-Jährigen ist stabil. Das sagte ein Polizeisprecher am Samstag auf Anfrage.

03.03.2018

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mindestens 950 Angriffe auf Muslime oder Moscheen verübt. Das berichtet das Bundesinnenministerium. Die Dunkelziffer der Fälle sei nach Ansicht des Zentralrats der Muslime wesentlich höher.

03.03.2018

Die Polizei im US-Bundesstaat Michigan hat einen jungen Mann festgenommen, der an einer Hochschule seine Eltern erschossen haben soll.

03.03.2018