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Panorama 90 Festnahmen bei Razzien gegen italienische Mafia – darunter einer der Haupttäter
Nachrichten Panorama 90 Festnahmen bei Razzien gegen italienische Mafia – darunter einer der Haupttäter
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13:10 05.12.2018
Razzia gegen Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta: Polizisten stehen in einem Eiscafé im Citypalais in der Duisburger Innenstadt. Quelle: Christoph Reichwein/dpa
Wiesbaden

Ermittler in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien sind am Mittwoch mit einer groß angelegten Razzia gegen Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta vorgegangen. Es habe am Mittwochmorgen mehrere Festnahmen und Durchsuchungen gegeben, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden mit. Nach Angaben der italienischen Polizei wurden bislang 90 Menschen in Europa und in Ländern Südamerikas gefasst. Ihnen wird unter anderem Drogenhandel, Geldwäsche und die Zugehörigkeit zu einer Mafiaorganisation vorgeworfen.

Außerdem wurden bis zu 4000 Kilogramm Kokain sowie 140 Kilogramm Extasy-Pillen beschlagnahmt. Das teilte die Europäische Justizbehörde Eurojust am Mittwoch bei einer internationalen Pressekonferenz in Den Haag mit. Allein in Deutschland seien bis zum Beginn der Pressekonferenz gegen Mittag 14 Verdächtige in Gewahrsam genommen worden, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt von Duisburg, Horst Bien.

Operation mit dem Codenamen „Pollino“

Insgesamt werde im Rahmen der Operation mit dem Codenamen „Pollino“ in Deutschland in einem laufenden Verfahren gegen 47 Beschuldigte ermittelt. Seit Mittwochmorgen seien in der Bundesrepublik 65 verdächtige Objekte durchsucht worden. Bien zufolge wurden vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in anderen Bundesländern insgesamt Vermögenswerte in Höhe von rund fünf Millionen Euro vorläufig beschlagnahmt. An den Operationen seien rund 440 Beamte beteiligt, sagte Christian Hoppe, Leitender Kriminaldirektor des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Ermittlungen gingen noch weiter.

Mutmaßlicher Haupttäter in Nordrhein-Westfalen verhaftet

Die Polizei hat auch einen der mutmaßlichen Haupttäter in Nordrhein-Westfalen verhaftet. Der 45 Jahre alte Gastwirt sei am frühen Morgen in Pulheim bei Köln von den Ermittlern aus dem Schlaf gerissen worden, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Der Besitzer einer Osteria werde der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation beschuldigt, außerdem soll er beteiligt gewesen sein an „Kokainhandel in sehr, sehr umfangreichen Maße“.

In Deutschland sowie in Italien, den Niederlanden und Belgien wurde am Mittwochmorgen ein Schlag gegen die italienische Mafia ’Ndrangheta durchgeführt. Insgesamt sollen 90 Menschen festgenommen worden sein – darunter ein Gastwirt in Nordrhein-Westfalen, der einer der Haupttäter sein soll.

Einsätze in Nordrhein-Westfalen und Bayern

In Deutschland gab es Einsätze in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Der Schwerpunkt sei in Nordrhein-Westfalen, sagte eine BKA-Sprecherin. „Die Maßnahmen dauern derzeit noch an.“

Die Europäische Justizbehörde Eurojust koordinierte die internationale Aktion mit dem Codenamen „Pollino“. International habe es zahlreiche Festnahmen und Beschlagnahmungen gegeben. Das sei das Ergebnis „einer intensiven gemeinsamen Ermittlungsarbeit, die im Jahr 2016 begann und europaweit koordiniert wurde“, hieß es in einer Pressemitteilung von Eurojust.

Die ’Ndrangheta

Die ‚Ndrangheta ist längst international über die Grenzen Italiens hinaus aktiv. Beheimatet ist sie in der Region Kalabrien, der Spitze des italienischen „Stiefels“ auf dem Festland gegenüber der Insel Sizilien.

Sie dominiert den internationalen Drogenhandel, verdient ihr Geld aber auch mit Waffenhandel, Geldwäsche und durch Korruption. Experten schätzen, dass die ’Ndrangheta jährlich einen weltweiten Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro macht. Nach Angaben der US-Bundespolizei FBI hat sie etwa 6000 Mitglieder in 160 sogenannten Clans. Diese hängen über Familienbande miteinander zusammen.

Der Begriff ’Ndrangheta stammt aus dem Griechischen und bedeutet etwa Mut oder Treue. Der Clan soll sich in den 1860er-Jahren gegründet haben, als eine Gruppe Sizilianer von der italienischen Regierung von der Insel verbannt wurde.

Internationaler Schlag gegen die italienische Mafia

Nordrhein-Westfalen, Duisburg: Polizisten stehen in einem Eiscafé im Citypalais in der Duisburger Innenstadt. Ermittler in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien sind mit einer großangelegten Razzia gegen Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta vorgegangen. Quelle: Christoph Reichwein/dpa

Beteiligt an den Razzien ist auch das Polizeipräsidium Köln. In dem Bereich der Kölner Polizei habe es einen Haftbefehl gegeben, wie ein Polizeisprecher berichtet. Hintergrund der Durchsuchungen sei die Rauschgiftkriminalität.

Ndrangheta für Mafiamorde in Duisburg bekannt

Die kalabrische ‚Ndrangheta gilt inzwischen als die mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach Europa und ist auch in Deutschland aktiv. Hierzulande wurde die kriminelle Organisation spätestens 2007 durch die Mafiamorde von Duisburg bekannt. Damals wurden vor einem italienischen Restaurant in der nordrhein-westfälischen Stadt sechs italienische Menschen erschossen.

Duisburger Mafia-Morde: Ein Bestatter schiebt am 15.08.2007 eine Trage mit einer verdeckten Leiche von einem Tatort. Quelle: Oliver Berg/dpa

Ein Streit zwischen dem Pelle-Vottari-Clan und dem Strangio-Nirta-Clan war der Auslöser für die Bluttat. Der Haupttäter wurde im März 2009 in Amsterdam verhaftet und später nach Italien ausgeliefert. Am 12. Juli 2011 wurde er im kalabrischen Locri zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auch Einsätze in Südamerika

In Bayern sind zwei Objekte durchsucht worden. Sie liegen im Osten des Großraums München, wurde aus Ermittlerkreisen berichtet. Festgenommen wurde in Bayern niemand.

Eurojust will um 12 Uhr am Mittwoch in Den Haag über die Ermittlungen informieren. Das BKA will am Nachmittag (15 Uhr) auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden Details bekanntgeben. Wie viele Verdächtige festgenommen wurden und wo genau die Durchsuchungen waren, wurde zunächst nicht bekannt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa gab es auch in Südamerika Einsätze.

Augen in Italien auf Region um Reggio Calabria gerichtet

In Italien richteten sich die Augen am Mittwoch vor allem auf die Region um Reggio Calabria. Der Operation habe sich gegen verschiedene Mitglieder bekannter Clans gerichtet, die im Herzen der Region um Locri bei Reggio Calabria operierten. Aus dieser Gegend stammten auch die Täter der Mafia-Morde von Duisburg. Die jetzige Aktion sei Ergebnis jahrelanger Ermittlungen der Behörden in Italien, Deutschland und den Niederlanden, betonte die Polizei.

Seit langem warnen Ermittler in Italien davor, dass die ‚Ndrangheta ein außerordentlich wichtiges Standbein in Deutschland hat. Im Sommer erklärte die nationale Anti-Mafia-Behörde, dass die kalabrische Mafia in Deutschland ähnliche Strukturen aufgebaut habe wie in ihrer Heimat. Deutschland, darunter der Hamburger Hafen, seien für den Drogenhandel von „besonderem Interesse“ für die Clans.

Ndrangheta streckt ihre Tentakeln immer weiter aus

Zwar gelingen italienischen Ermittlern immer wieder Schläge gegen die Clans, jedoch streckt die ’Ndrangheta ihre Tentakeln immer weiter aus. Anders als es in Filmen dargestellt wird, führt die Mafia weniger blutige Straßenkämpfe aus: Stattdessen agiert sie meist im Verborgenen und infiltriert staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen.

Anders als in Italien gibt es in Deutschland keine strengen Anti-Mafia-Gesetze. Dort ist schon die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation eine Straftat - in Deutschland nicht.

Mafia in Deutschland in Nordrhein-Westfalen stark vertreten

Traditionell ist die Mafia in Deutschland unter anderem in Nordrhein-Westfalen stark vertreten, wenngleich sie keine herausragende Rolle unter den organisierten Kriminellen spielt. In 214 Verfahren aus diesem Spektrum, die zwischen 2012 und 2016 in den Polizeibehörden des Landes bearbeitet wurden, gab es nur in zehn Fällen überwiegend italienische Tatverdächtige, wie aus früheren Angaben des NRW-Innenministeriums hervorgeht.

Insgesamt zählt die Polizei in NRW etwa 120 Personen zum Spektrum „Italienische Organisierte Kriminalität“ (IOK). Sie werden vor allem den mafiösen Organisationen der ’Ndrangheta, Cosa Nostra sowie in geringerem Umfang der Camorra und der apulischen organisierten Kriminalität zugerechnet. Aufgefallen sind sie vor allem wegen Umsatzsteuerhinterziehung, Drogenhandel und -schmuggel sowie das „Verschieben“ von Autos ins Ausland.

Von RND/dpa/hsc

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