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00:00 19.12.2012
Paraderolle im "Deutschen Herbst": Nadja Uhl als Stewardess und Saïd Taghmaoui als Flugzeugentführer spielten im vielfach preigekrönten ARD-Drama "Mogadischu" (2008). Quelle: ARD Degeto / Stephan Rabold
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Auch im ARD-Thriller "Operation Zucker" (Mi. 16.01., 20.15 Uhr) ist die Welt alles andere als ein schöner Ort. Der Film, der auf wahren Fakten beruht, schockiert mit einer ebenso realistischen wie unglaublichen Beschreibung der Kinderprostitutionsszene Berlins. Seit die Tore zu Osteuropa offen stehen, hat sich die deutsche Metropole zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Handel und Missbrauch von Kindern entwickelt. Ein Milliardengeschäft, von dem die Öffentlichkeit immer noch viel zu wenig weiß.

teleschau: Der Film behauptet, dass die organisierte Zwangsprostitution von Kindern mitten in Deutschland stattfindet - und zwar in den besten Kreisen. Realistisches Szenario oder Verschwörungstheorie?

Nadja Uhl: Auf das Wort Verschwörungstheorie können wir bei diesem Film verzichten. Alle Elemente des Drehbuchs basieren auf Fakten. Die Zwangsprostitution von Minderjährigen ist laut Recherche weltweit ein Milliardenmarkt. Die Figuren der Ermittler, der Aussteiger aus der Szene, ein Staatsanwalt als Täter - das hat sich so zugetragen. Natürlich gibt es fiktionale Elemente, aber das Gesamtszenario - wie die Szene und das Geschäft funktionieren - das gibt es in der Realität.

teleschau: Es heißt, dass Berlin ein Zentrum des Kinderhandels in Europa sei. Wie kann das sein?

Uhl: Es hat mit der Nähe zu Osteuropa zu tun. Überall, wo das soziale Gefüge in eine Schieflage gerät, sind Kinder gefährdet und werden leicht zu Opfern. Sie werden aus Gründen der Armut ins westliche Ausland verkauft. Man verspricht den Eltern, dass sie es dort besser haben. Dass sie eine Ausbildung bekommen. Durch die EU-Osterweiterung ist bei uns eine Form des Menschenhandels entstanden. Das muss man leider so nüchtern feststellen. In Rumänien oder Moldawien zum Beispiel gibt es keine richtige Geburtenregistrierung. Dort leben viele Kinder, die offiziell gar nicht existieren. Alle internationalen Hilfsorganisationen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, können das bestätigen. Aber auch deutsche Kinder sind betroffen.

teleschau: Der Film erweckt den Eindruck, es existiere eine Art Geheimgesellschaft in Deutschland. Sie schafft es, den Missbrauch der Kinder komplett vor der Öffentlichkeit zu verbergen ...

Uhl: Darum geht es nicht. Der Film stützt sich auf Aussagen von Opfern, Streetworkern, Journalisten, Ermittlern und seriösen Hilfsorganisationen. Natürlich - das muss man fairerweise sagen - kann ich als Schauspielerin kein Praktikum in dieser Szene machen, so wie bei vielen anderen Rollen. Das, was wir schildern, sind verschiedene Fälle, die sich ereignet haben: Dass zum Beispiel ein Opfer einen Täter auf Wahlplakaten wiedererkennt.

teleschau: Der Film siedelt den Missbrauch in den besseren Kreisen an. Ist das in der Realität eher die Ausnahme, oder kommt so etwas häufiger vor?

Uhl: Es wird immer wieder versucht, das Phänomen auf den Einzelfall zu reduzieren. Laut UNICEF und anderen Organisationen besteht schon lange kein Zweifel mehr, dass es sich hier um Organisierte Kriminalität handelt. Das Geld verdient man dabei sowohl "unten" als auch "oben". Unser Film ist im Spektrum der "besseren Kreise" angesiedelt, wie zum Beispiel auch der "Tatort" neulich mit Maria Furtwängler. Die traurige Wahrheit ist dabei: Ein Kind muss man "sich leisten" können. Es gibt Zeugen, die berichteten, dass beispielsweise Luxuslimousinen mit Kindern in die Villengegenden Berlins gefahren werden. Das ist das Ergebnis von Gesprächen mit Streetworkern und einer Journalistin, die tief in das Thema eingestiegen ist.

teleschau: Im Film sind ein Richter und ein Politiker Täter. Sie zeigen keinerlei Unrechtsbewusstsein ...

Uhl: Wir reden hier über eine mögliche Begleiterscheinungen der Macht. Oder besser noch: von einer Krankheit der Macht. Es geht um Männer in Extremsituationen, die nicht kontrolliert werden oder die es gewohnt sind, sich ihre eigenen Regeln zu machen und nach ihnen zu spielen.

teleschau: Steigt die Zahl der Fälle in diesem Bereich der Kinderprostitution?

Uhl: Nach den offiziellen Zahlen zu urteilen - ja. Wobei hinzukommt, dass die Dunkelziffer sicherlich sehr hoch ist. Ich denke, es hat auch etwas mit der Zuspitzung der Machtverhältnisse und der Märkte zu tun. Es bringt unter Umständen Täter hervor, die gewohnt sind, Entscheidungen von gewaltiger Tragweite zu treffen. In einer Welt, in der alles seinen Preis hat, können solche monströsen Ventile der Macht, wie im Film gezeigt, entstehen.

teleschau: Teilweise kommt man sich im Film vor, als gäbe es hinter dem demokratischen Deutschland noch eine zweite Gesellschaft, die eigentlich die Fäden spinnt. Für wie transparent halten Sie unsere Gesellschaft?

Uhl: Im Vergleich zu vielen anderen Orten dieser Welt immer noch für sehr transparent und vertrauenswürdig. Ich habe immer ein gutes Gefühl, wenn ich nach einer Auslandsreise in Frankfurt am Main oder einem anderen deutschen Flughafen lande. Ich denke, es gibt immer noch den einen oder anderen Journalisten oder Anwalt, den man anrufen kann.

teleschau: Der Film hat kein Happy End. Könnte beim Zuschauer ein Gefühl von Fatalismus als Fazit aus diesem Film zurückbleiben?

Uhl: Ein Happy End würde einfach der Realität spotten, denn auch für die betroffenen Kinder gibt es in der Regel keins. Das Ende empfinde ich jedoch anders. Über die Figuren der beiden Ermittlerinnen und des Jungen Bran, der uns direkt anschaut, appelliert es daran, uns nicht von unseren ethischen Grundsätzen zu verabschieden. Wir dürfen das, was um uns herum stattfindet, weder als Individuen noch als Gesellschaft zulassen. Dann nämlich tritt wirklich so etwas wie eine fatalistische Lähmung ein. Der Film ist als Weckruf für jeden gemeint, dort, wo er ist, wachsam zu sein, Zivilcourage zu zeigen. In Machtpositionen gibt es bei uns auch tolle und verantwortungsvolle Menschen - das ist doch überhaupt keine Frage. Gerade an die wenden wir uns: Tut etwas, damit es besser wird.

teleschau: Gibt es so etwas wie einen Selbstschutz-Instinkt, der einen vor solchen Themen und Filmen zurückschrecken lässt?

Uhl: Ich denke, diesen Selbstschutz kennen wir alle. Für mich als Schauspielerin ist es eine echte Entscheidung, hinter einen solchen Vorhang zu schauen. Der Film hat meine Sichtweise nachhaltig verändert. Mit jeder Rolle in einem Film wie diesem wird man ein Stückchen weiter aus dem Paradies vertrieben. Und wie jeder normale Fernsehzuschauer gehöre auch ich zu den Leuten, die erst mal sagen: Ich will es gar nicht wissen! Lasst mich mit so etwas zufrieden! Aber am Ende sitze ich hier und rede darüber - weil es eben wichtig ist.

teleschau: Was sollte der Film idealerweise bewirken?

Uhl: Dass jeder von uns in seinem Aufgabenbereich eine Sensibilität für das Thema gewinnt. Zwangsprostitution und Handel mit Minderjährigen ist ein großes europäisches Problem. Der Film, den ich übrigens auch künstlerisch für sehr gelungen halte, läuft zur Hauptsendezeit in einem öffentlich-rechtlichen Sender. Danach sollte kein Politiker, kein Verantwortlicher mehr behaupten dürfen, er habe von diesem Problem nichts gewusst.

teleschau

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