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00:00 14.12.2012
Seine Rolle als "Polizeiruf 110"-Kommissar Tauber machte Edgar Selge (im Bild mit Michaela May) bei einem breiten Publikum bekannt. Quelle: Spöttel Picture
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, 25.12., 15.40 Uhr) den bösen Wolf. Nun gut, mit seinen Fellohren und den eher neckischen Fangzähnchen sieht er nicht ganz so furchterregend aus, aber unterschätzen sollten ihn auch die kleinen Zuschauer nicht. Edgar Selge sind die archaischen Tiefenschichten der Märchen sehr wichtig - auch als Reise in die eigene Kindheit. Der viel beschäftigte Schauspieler ist ab 26. Dezember als Richard Wagner in dem opulenten Kinofilm "Ludwig II" zu sehen. Und am Sonntag, 6. Januar, spielt er im Berliner "Tatort: Machtlos" erstmalig zusammen mit seinem Sohn Jakob.

teleschau: Herr Selge, wie haben Sie reagiert, als man mit der Rolle des bösen Wolfs in "Rotkäppchen" an Sie herantrat?

Edgar Selge: (lacht) Da habe ich erst mal gestutzt. Was projiziert denn der Sender und die Redaktion da in mich hinein? Der alte schüttere Wolf, der gerne noch mal ein Kind fressen möchte, es aber nicht mehr so richtig auf die Reihe bekommt - die scheinen ja ein nettes Bild von mir zu haben!

teleschau: Hat sich denn dann Ihr Fell aufgestellt?

Selge: Erst einmal stellten sich meine Nackenhaare auf. Dann habe ich ein wenig geknurrt. Und bald hatte ich mich mit der Vorstellung angefreundet. Ich dachte an den "Steppenwolf " von Hermann Hesse und fand es plötzlich nachvollziehbar, dass man mich für diese Rolle gefragt hat.

teleschau: Wie legt man sich so eine Rolle zurecht? Einen Wolf spielt man ja auch als erfahrener Schauspieler nicht alle Tage.

Selge: Zunächst muss man aufpassen, dass man das Tier nicht zu menschlich spielt und zu sehr psychologisiert. Sonst würde man schnell bei einer Missbrauchsgeschichte im Stil von "Es geschah am hellichten Tag" landen.

teleschau: Klassisches Familienprogramm - aber doch auch mit einer dunkleren Seite.

Selge: Wie das Märchen soll auch der Film das Bildhafte, Archetypische entstehen lassen, ohne dass die Kinder das jetzt sofort hinterfragen, welche psychologischen Abgründe in der Konstellation "Böser Wolf - kleines Mädchen" stecken. Das Schöne an Märchen ist ja, dass sie von Abgründigem handeln, ohne dass man es sich zu detailliert vorstellen muss.

teleschau: Sie spielen auf den doppelten Boden der Märchen an?

Selge: Natürlich spielt die Sexualität eine große Rolle - wie bei allen Märchen. Bei "Rotkäppchen" muss sich ein Kind diese Ebene, die in der Erzählung eben auch erhalten ist, nicht unbedingt explizit vorstellen. Deswegen durfte der Film nicht zu deutlich werden - und die Psychologie nicht in den Vordergrund rücken. Anderseits mussten wir aufpassen, dass wir kein plattes, harmloses Kindertheater veranstalten. Bei der Rolle des Wolfes ist es ein Spiel mit der Maske, das den bedrohlichen Abgrund immer mit aufblitzen lässt.

teleschau: Das Spiel mit Masken und Äußerlichem - wie etwa der fehlende Arm bei ihrem ehemaligen "Polizeiruf 110"-Kommissar Tauber - kennen Sie sehr gut. Hilft so etwas manchmal?

Selge: Die Maske ist immer eine große Stütze. Auch im Film "Ludwig II", der am zweiten Weihnachtsfeiertag in den Kinos anläuft und in dem ich Richard Wagner spiele, war das so. Als ich für diese Rolle besetzt wurde, hatte ich mich ebenfalls zunächst gewundert.

teleschau: Inwiefern?

Selge: Ich kam mir zu groß vor und ich spreche kein Sächsisch. Meine Haut ist nicht pockennarbig. Außerdem habe ich keine Hakennase. Und die Stelle, an der Wagners Bart wächst, nämlich am oberen Halsrand, von einem Ohrläppchen zum anderen, ist einfach wahnsinnig. Aber auch für all das gab es eine gute Maske - und viele Nasen, die wir ausprobiert haben. Eine Maske nimmt einem Schauspieler vieles ab, was er dann gar nicht spielen muss. Bei Tauber zum Beispiel, im "Polizeiruf", war seine Verletzlichkeit durch den amputierten Arm so offensichtlich, dass ich ihn viel schroffer spielen konnte, ohne grob zu wirken. Und der Wolf im "Rotkäppchen" wäre ohne eine aufwendige Maske gar nicht zu bewerkstelligen gewesen.

teleschau: Verständlich.

Selge: Deswegen haben wir auch in der Vorbereitung die längste Zeit über die Maske diskutiert und verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Ich musste ein Wolf sein. Aber gleichzeitig musste so viel Individualität erhalten bleiben, dass man sieht, dass da ein Mensch spielt.

teleschau: Das heißt, Sie durften Ihre Vorstellungen in die Konzeption der Maske einbringen?

Selge: Ja. Diese Rolle war eine echte Herausforderung. Aber ich hätte sie nie angenommen, wenn ich in der Maske ganz verschwunden wäre. Vieles war in der Abstimmung aber gar nicht so einfach: Die Regisseurin und ich hatten uns zu Beginn noch eine markante Wolfsnase vorgestellt. Die wäre aber mit den buschigen Ohren und dem dunklen Fell einfach das berühmte Stück zuviel gewesen.

teleschau: Jetzt sehen Sie im Film fast ein wenig vampirisch aus - mit den prominenten Fangzähnen.

Selge: (lacht) Ja, das ist doch nicht schlecht! Diese Assoziation, dass der Wolf zubeißen muss, ist ja auch gar nicht so falsch. Außerdem haben Wölfe eben diese auffälligen Fänge, diesen Überbiss. Wenn sie ihre Lefzen nach oben ziehen, sieht man die gefährlichen Zähne.

teleschau: Auch wenn Sie auf Ihre Schauspiel-Ausbildung zurückblicken: Das war doch Ihre erste Tierrolle, oder?

Selge: Oh ja. Es war meine Premiere als Tierdarsteller. Aber ich giere jetzt nicht nach der nächsten Tierrolle. Was für ein Tier könnte das auch sein? Der "Gestiefelte Kater" vielleicht? Oder irgendein Drache? Lieber nicht! Ich vermute, dass die Rolle ein einmaliges Gastspiel in diesem Metier bleiben wird.

teleschau: So ein bisschen kokettieren Sie durchaus mit dem Bild des einsamen Wolfs?

Selge: Beleidigen kann man mich mit der Vorstellung jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Der Abstand vom Wolf im "Rotkäppchen" bis zum "Steppenwolf" ist groß - aber es sind eben doch Ähnlichkeiten vorhanden.

teleschau: Den "Froschkönig" hätte man Ihnen nicht anbieten können?

Selge: Ich glaube nicht. Wer lässt sich schon gerne an die Wand schmeißen?

teleschau: Dafür muss Ihnen in "Rotkäppchen" der Bauch aufgeschnitten werden. Keine Sorge, dass man Kinder damit - auch wenn es in Andeutungen geschieht - überfordert?

Selge: Nein, da habe ich keine Sorge. Die Szene wird im Film als Schattenriss gezeigt und Kinder können den Witz dieser Übertragung sicher verstehen. Ob ein verfilmtes Märchen den Zweck erfüllt wie eines, das vorgelesen wird, weiß ich nicht. Das hängt auch davon ab, ob die Erwachsenen die Kinder vorm Fernseher alleinlassen oder ob sie mit zuschauen und mit ihren Kindern über den Film sprechen. Denn letzten Endes geht es auch beim Vorlesen um die Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern.

teleschau: Haben Sie sich selbst als kleiner Junge vor Märchen gefürchtet?

Selge: Ich habe sie geliebt und mir als Kind immer die längsten Märchen zum Vorlesen gewünscht, damit die Erwachsenen möglichst lange an meinem Bett sitzen blieben. Wenn ich heute zu einem Märchenbuch greife und darin blättere, ist meine Kindheit sofort wieder da.

teleschau: Waren Sie denn für Ihre eigenen Kinder ein großer Vorleser?

Selge: Ja. Wenn ich mich richtig erinnere, dann habe ich ihnen viel vorgelesen. Wir haben aber beide, meine Frau und ich, auch sonst viel mit unseren Kindern gespielt.

teleschau: Wird in Schauspieler-Familien mehr gespielt - bis hin zu kleinen Darbietungen etwa auf Familienfesten?

Selge: Nein, das haben wir nicht gemacht. Wir haben zu unserem eigenen Vergnügen zwanglos und ausgelassen mit den Kindern gespielt.

teleschau: Der Märchenfilm "Rotkäppchen" ist ja ein Weihnachts-Höhepunkt im ARD-Programm. Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus - schaffen Sie es, über die Feiertage auch ein wenig Ruhe im Familienkreis zu genießen?

Selge: Weihnachten ist ein Fest der Familie - das trifft auch auf uns zu. Unsere Kinder - sie sind 28 und 32 - wohnen schon lange nicht mehr bei uns im Haus. Aber so nach und nach trudeln sie zu den Feiertagen bei uns in München ein. Dann überlegen wir uns gemeinsam, was wir einkaufen - und wer was kochen möchte. Und wenn irgendwann alles erzählt ist, fangen auch wir wieder an zu spielen. Schafkopf zum Beispiel. Oder wir lesen gemeinsam.

teleschau: Und die Anreise Ihrer Kinder ist doch mehr als nur ein Anstandbesuch?

Selge: Anstandsbesuch der Kinder? Was für eine grauenhafte Vorstellung! Die gemeinsame Zeit ist sowieso nur kurz. Jakob spielt am 25. Dezember bereits wieder am Theater in Wuppertal. Maria muss am zweiten Weihnachtsfeiertag abreisen, weil sie dann wieder Tanztheaterproben in Nürnberg hat. Die Zeit verfliegt viel zu schnell. Mit meinem Sohn bin ich dann übrigens in dem Berliner "Tatort: Machtlos" zu sehen, der am 6. Januar ausgestrahlt wird.

teleschau: Spannend, wovon handelt der Krimi?

Selge: Es geht um eine Kindesentführung. Ich spiele den Entführer, mein Sohn ist auch im Film mein Sohn. Dieser Entführer stellt sich in der Geschichte selbst der Polizei. Und die Kommissare versuchen, über den Sohn des Entführers auf diesen einzuwirken, das verschwundene Kind freizugeben.

teleschau: Mit Ihrer Frau, Franziska Walser, haben Sie ja schon häufiger gespielt, diese Familien-Konstellation vor der Kamera ist aber neu für Sie, oder?

Selge: Die Zusammenarbeit mit Jakob war für uns beide eine absolute Premiere. Für ihn ist es zudem seine erste Filmrolle. Das werden diesmal durchaus aufregende Wintertage für uns.

teleschau

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