Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stars Mut zur Mundart
Nachrichten Panorama Stars Mut zur Mundart
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:46 28.03.2013
Tiefe und Authentizität: Schauspielerin Karoline Eichhorn wünscht sich mehr deutsche Dialekte in Film und Fernsehen. Quelle: SWR / Boris Laewen

Bis zu ihrem 30. Lebensjahr spielte Karoline Eichhorn ausschließlich Theater. 1995 entdeckte sie der legendäre Filmemacher und Schriftsteller Oliver Storz und besetzte die gebürtige Stuttgarterin für seinen Film "Drei Tage im April". Noch bekannter wurde die heute 47-Jährige durch Nico Hofmanns Psychothriller "Der Sandmann" an der Seite von Götz George. 2002 beeindruckte Karoline Eichhorn dann in Dominik Grafs irritierendem Selbstfindungs-Thriller "Der Felsen". Bis heute konzentriert sich die in Hamburg lebende Mimin vorwiegend auf Qualitäts-Produktionen für Kino und TV, auch der Bühne ist sie treu geblieben. Privat spricht die blonde Schauspielerin übrigens reinstes Hochdeutsch. Und doch bezeichnet sie sich als Fan ihres schwäbischen Heimat-Idioms. Deshalb blieb Karoline Eichhorn auch einer Rolle treu, die sie 2012 im Kino spielte: Im auf Schwäbisch gedrehten Kinohit "Die Kirche bleibt im Dorf" verkörperte sie eine verdruckste Mathematik-Lehrerin aus bäuerlichen Verhältnissen. Nun wird die Geschichte zweier verfeindeter schwäbischer Dörfer einfach im TV weitererzählt - ebenfalls auf Schwäbisch.

teleschau: Hätten Sie gedacht, dass Sie mit Schwäbisch noch mal Geld verdienen würden?

Karoline Eichhorn: Warum nicht? Dass es geht, weiß ich schon lange. 1995 drehte ich mit Oliver Storz auf Schwäbisch den Film "Drei Tage im April". Es war meine erste Arbeit vor der Kamera und somit mein Fuß in der Tür des Fernseh- und Filmgeschäfts. Bis dahin hatte ich nur Theater gemacht. Der Film spielte in einem schwäbischen Dorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Storz suchte damals ein junges Mädchen, das schwäbisch spricht.

teleschau: Und Sie sind eine echte Schwäbin?

Eichhorn: Ja und nein. Ich wurde in Stuttgart geboren, aber meine Eltern sind aus Thüringen und Schlesien zugezogen. Mein Vater war Restaurator am Landesmuseum in Stuttgart. Im Alltag spreche ich nicht schwäbisch, habe es aber natürlich mit dem Aufwachsen gelernt. Ich mochte diesen Dialekt immer und habe ihn stets verteidigt. Auch weil ich Dialekte extrem wichtig finde. Wie essenziell Dialekte auch für den Schauspieler sind, erlebe ich, wenn ich Kollegen in Dialektrollen sehe. Es springt einen geradezu an, wie glücklich die dann sind. Dialekt ist eine andere Form des Ausdrucks, der andere Gefühle und Kräfte freisetzt als das Hochdeutsche.

teleschau: Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie Schwäbisch sprechen?

Eichhorn: Die Sprache geht viel mehr in einen rein. Man fühlt eine Bodenständigkeit, die sich über den ganzen Körper ausbreitet. Die Sprache sitzt dann auch irgendwie ganz woanders. Der Kiefer geht runter, man formt die Worte tiefer drinnen und nicht so weit vorne mit der Zunge und den Lippen. In Deutschland dürfen Schauspieler heute verhältnismäßig wenig Dialekt sprechen. Wenn ich das mit England oder Amerika vergleiche - dann gibt es das dort viel öfter.

teleschau: Haben Sie einen Verdacht, warum das so ist?

Eichhorn: Ich weiß es nicht. Vielleicht Angst, dass die Zuschauer wegschalten und dadurch die Quote sinkt. Es ist ja noch nicht einmal so, dass Dialekte hier gar nicht verwendet würden. Aber es geht mir auf die Nerven, auf welche Art und Weise das passiert. Über die Sachsen beispielsweise, aber auch die Schwaben, macht man sich doch meistens nur lustig. Immer, wenn man eine Figur ein bisschen der Lächerlichkeit preisgeben will, spricht sie einen dieser "witzigen" oder "bescheuerten" Dialekte. Nur der Bayer, vielleicht auch der Norddeutsche, werden von einem gesamtdeutschen Publikum akzeptiert.

teleschau: Schwäbisch ist aber auch ein Dialekt, der durchaus salonfähig ist. Vielen bekannten Persönlichkeiten hört man ihre schwäbische Herkunft an, und sie scheinen das auch mit Stolz und ohne Scham transportieren zu wollen ...

Eichhorn: In Baden-Württemberg ist der Dialekt auch sehr anerkannt. In dem Moment, wo man über die Grenzen hinausgeht, findet man das Schwäbische meist als Karikatur. Ich finde auch, dass selbst die auf der Bühne und im Film etablierteren norddeutschen und bayerischen Dialekte meist als Klischee eingesetzt werden. Nicht als authentischer Ausdruck. Ich finde es sehr schade, dass wir nicht ernsthaft mit diesen Sprachen arbeiten wollen. Es ist eine große Chance in Sachen Ausdruck und sinnlicher Erfahrung, die man da einfach so liegen lässt.

teleschau: "Die Kirche bleibt im Dorf" ist zwar eine komödiantische Serie, sie setzt den Dialekt aber nicht dazu ein, ihre Protagonisten zu veräppeln. Ist dies das Besondere an dem Format?

Eichhorn: Ja, wir zeigen Menschen mit ihrer eigenen Sprache. Charaktere, die man so auch im echten Leben finden könnte. Schauen Sie doch mal, wie viele Menschen im wahren Leben Dialekt sprechen. Und wo sind die im Film? Dabei kann man mit unterschiedlicher Sprache so viel Charakter, so viel Lebendigkeit im Film erzeugen. Nehmen Sie den großartigen Film "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino. Was der über Sprache transportiert, ist doch fantastisch. Auch, wenn es da nicht so sehr um Dialekte geht. Ich stelle einfach fest, dass man durch das Spiel mit Sprache und Dialekten für mehr Nuancen im Ausdruck sorgen kann und dadurch definitiv einen Mehrwert erhält. Deshalb finde ich eine Dialektserie wie diese so wichtig.

teleschau: Wie authentisch ist das Schwäbische in der Serie?

Eichhorn: Es ist sicher weit weg von der Perfektion. Je nachdem, wo die Schauspieler herkommen, hat ihr Schwäbisch eine entsprechend regional gefärbte Note. Im Kinofilm war das noch stärker der Fall als jetzt in der Serie. Natürlich hören Schwäbisch-Experten, dass unsere Charaktere nicht wirklich alle aus demselben Dorf kommen. Vielleicht hätte man da eine Fachkraft gebraucht, die in den Szenen auf die Einheitlichkeit schwäbischer Nuancen achtet. Aber so jemanden hatten wir nicht.

teleschau: Der Kinofilm "Die Kirche bleibt im Dorf" hatte im Südwesten Deutschlands fast 500.000 Kinobesucher - durchaus ein Überraschungserfolg. Gab es keine Kritik wegen nicht hundertprozentig sitzender Dialekte?

Eichhorn: Nein, was ich gehört habe, haben sich die Leute vor allem darüber gefreut, dass es diesen Film gibt. Wir sind mit "Die Kirche bleibt im Dorf" intensiv im Südwesten Deutschlands durch Kinos getourt. Die Menschen gaben uns vor allem ein Gefühl von Dankbarkeit zurück. Sie waren dankbar dafür, dass wir einen schwäbischen Film gemacht haben, in dem die Leute endlich mal nicht doof sind. Natürlich fanden sie es gut, dass man über den Film herzhaft lachen konnte. Viele Besucher waren davor schon lange nicht mehr im Kino gewesen. Sie haben den Film empfohlen bekommen. Der Erfolg von "Die Kirche bleibt im Dorf" war ein Erfolg von Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch da sind wir wieder beim Thema Bodenständigkeit.

teleschau: In Bayern gibt es die modernen Heimatfilme von Marcus H. Rosenmüller, jetzt diese schwäbische Erfolgskomödie. Glauben Sie an eine Renaissance des Mundartkinos in Deutschland?

Eichhorn: Ja. Ich glaube, da ist ein Trend. Ich sehe, dass beim Publikum die Nachfrage da ist.

teleschau: Sie stehen nach wie vor viel auf Theaterbühnen. Können Sie dort auch schwäbisch sprechen?

Eichhorn: Ja, immer wieder mal. Manchmal setzt man neben dem klassischen Mundarttheater auch auf der so genannten anspruchsvollen Bühne Dialekte als Stilmittel ein. Ich erinnere mich an ein englisches Stück von Séan O'Casey, einem irischen Dramatiker, in dem ich Schwäbisch sprach. Das war dann natürlich nicht authentisch, sondern als Stilmittel der Komik zu verstehen. Zudem bin ich die schwäbische Kommissarin im Radio-"Tatort". Und das mache ich wirklich sehr gerne.

teleschau: "Tatort" ist ein gutes Stichwort. Früher wurde auch im TV-"Tatort" Dialekt gesprochen. Eine Ausdrucksform, die mittlerweile weitgehend verschwunden ist. Der "Tatort" ist in Sachen Sprache so austauschbar wie die Geschäfte einer deutschen Fußgängerzone, oder?

Eichhorn: Ja. Und das finde ich total schade. Manche Leute denken, Dialekt wäre altmodisch. Ein großer TV-Irrglaube unserer Zeit. Fast hat man den Eindruck, dass einige verantwortliche TV-Planer gar nicht mehr wissen, dass die meisten Leute auf der Straße Dialekt sprechen.

teleschau: Drückt sich in der schwäbischen Sprache auch die schwäbische Mentalität aus?

Eichhorn: Ja. Schwäbisch hat vor allem einen unglaublich gewaltigen Schatz an Schimpfwörtern. Das kommt nicht von ungefähr. Der Schwabe schimpft so viel, weil er immer etwas auszusetzen hat. Und er muss zu allem einen Kommentar abliefern.

teleschau: Das klingt jetzt aber nicht wirklich nett ...

Eichhorn: Nein, ist es auch nicht. Aber es stimmt (lacht). Nein, aber es gibt natürlich auch viele positive schwäbische Eigenschaften. Schwaben sind Menschen mit großer Herzlichkeit und viel Enthusiasmus. Man kommt schnell miteinander ins Gespräch, man "schwätzt" viel miteinander. Es sind durchaus Menschen, bei denen man sich aufgehoben fühlt. Wenn man das zwischenzeitliche Schimpfen aushalten kann (lacht).

teleschau: "Die Kirche bleibt im Dorf" ist nicht nur eine schwäbische Serie, in der keine abgeschlossenen Episoden, sondern eine fortlaufende Handlung erzählt wird. Immer noch ungewöhnlich in Deutschland ...

Eichhorn: Richtig - der SWR ist durchaus ambitioniert in Sachen Serie. Die Midlife-Crisis-Serie "Zeit der Helden" stammt auch vom SWR und wird ebenfalls am Stück erzählt. So zu erzählen ist die Stärke des Formats Serie und wird sich auch in Deutschland sehr bald durchsetzen. Momentan sind die TV-Macher noch zu ängstlich, mir fehlt da ein bisschen die Haltung. Eigentlich geht mir diese Ängstlichkeit sogar ziemlich auf die Nerven. Man muss klare Entscheidungen treffen, solche modernen Serien einfach durchzuziehen. Dann wird sich auch hier in Deutschland der Erfolg mit solchen Formaten einstellen.

teleschau

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!