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Paris sucht den Metro-Star

Paris Paris sucht den Metro-Star

Die Pariser Metro ist ein Universum für sich. Mehr als fünf Millionen Menschen nutzen täglich die 14 Linien, die die ganze Stadt durchkreuzen.Metro fahren bedeutet oft Stress: In Stoßzeiten sind die Waggons so voll, dass man unfreiwillig Bekanntschaft macht mit fremden Händen und Bäuchen.

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Die Metro-Musiker gehören zu Paris wie der Eiffelturm oder die Seine. Foto: Horacio Villalobos

Paris. hen. Für Taschendiebe ist die überfüllte U-Bahn ein Paradies, und an heißen Tagen ist die Luft gewöhnungsbedürftig.

Doch Metro fahren kann auch schön sein. Dann, wenn am großen Knotenpunkt Châtelet die Gänge vom Klang eines russischen Männerchors erfüllt sind. Wenn eine junge Frau voller Hingabe Edith Piaf mimt. Wenn gut aussehende Gitarristen romantische Lieder singen.

Doch der Sound der Métro ist stark reglementiert. Um sicher zu gehen, dass die Metro-Musiker den Reisenden mit musikalischem Können die Reise versüßen und nicht durch Talentfreiheit die Nerven der ohnehin gestressten Passagiere strapazieren, veranstaltet das Verkehrsunternehmen RATP Castings. Im Frühjahr und gegen Ende des Jahres sucht es neue Talente.

Und selbst Musiker, die schon seit Jahren ihren Hut in den Metro-Stationen aufstellen, müssen zweimal im Jahr ihre Fähigkeiten beweisen. Vor einer kleinen Jury, bestehend aus Fahrern, Bürokräften und anderen Angestellten der RATP. Auch Fahrgäste sind manchmal dabei, die sich bei Interesse melden können.

Chef der Castings ist Antoine Naso. Er organisiert die Treffen in einem Keller im 11. Arrondissement. 15 Künstler und Gruppen haben sich angemeldet für diesen Termin an einem Donnerstagnachmittag. „Es gibt keinen bestimmten Typ des Metro-Musikers. Die Bewerber sind alle sehr unterschiedlich“, sagt Naso. Eine vierköpfige A-cappella-Gruppe gibt „Baby one more Time“ von Britney Spears zum Besten, danach schleppt eine Altherren-Kombo einen abgewetzten Kontrabass die schmale Wendeltreppe hinunter und schmettert herzzerreißende slawische Weisen. Schnell erfüllt klagender Gesang den kleinen Raum. Je zwei Stücke dürfen die Kandidaten vortragen.

Viel sagt die vierköpfige Jury nicht nach den kurzen Vorstellungen. Nur bei einem Kandidaten sind sie sehr neugierig: Marco, ein junger Italiener, erzählt mit charmantem Akzent, dass er erst seit wenigen Wochen in Paris lebe. Trotzdem ist er perfekt vorbereitet: Mit seiner Gitarre trägt er erst ein selbst geschriebenes Lied, dann einen Blues-Klassiker vor. Die Griffe sitzen. Seine Stimme ist ausdrucksstark. Er wippt mit dem Fuß, schließt die Augen, wird eins mit seiner Musik. Doch so großartig Marcos Auftritt auch gewesen sein mag: Er bekommt nicht sofort die Lizenz zum Musizieren.

Etwa eine Woche lang muss Marco sich gedulden. Aus rund Tausend Bewerbern pro Jahr suchen alle Jurymitglieder 300 Musiker pro Semester aus, die mit einer Berechtigung ausgestattet werden. Denn das Musizieren ohne Erlaubnis ist verboten. Wer erwischt wird, muss Strafe zahlen. Trotzdem trifft man täglich semiprofessionelle Akkordeonspieler, vor allem in den Metro-Waggons selbst, wo das Musizieren grundsätzlich untersagt ist.

Mit den „Musiciens du Métro“ haben die jedoch gar nichts zu tun, sagt Naso. „Das Niveau unserer Musiker ist sehr hoch. Kaum einer macht Musik nur zum Zeitvertreib, die meisten verdienen als Musiker ihr Geld, geben viele Konzerte, versuchen sich zu vermarkten.“ Die Metro sei eine gute Bühne, um bei einem großen Publikum bekanntzuwerden. Außerdem kooperiert die RATP mit namhaften Musikfestivals in ganz Frankreich. Wie viel Geld täglich beim U-Bahn-Singen herausspringt, darüber wollen die Künstler allerdings nicht gern reden.

Beinahe alle Formationen, die an diesem Casting-Nachmittag vorspielen, kann man sich auf einer großen Bühne vorstellen. Egal ob Gulliver, der in sein Saxofon geradezu verliebt zu sein scheint, oder das Duo Fleur Offwood, das mit nachdenklichen Chansons über die Liebe und das Leben überzeugt. Nur eine ältere Dame versucht sich an Mozarts Arie „Voi che sapete“ aus „Die Hochzeit des Figaro“ - und scheitert. Doch hier sitzt kein Dieter Bohlen, der die Frau verbal abwatscht. Die Jury bedankt sich höflich und wünscht noch einen schönen Tag.

„Uns ist es wichtig, dass hier keine Musik-Experten die Leute auswählen, sondern diejenigen, die täglich die Metro nutzen“, meint Naso. Trotzdem: Vielleicht ist unter den vielen Fahrgästen auch mal ein Produzent. So mancher Bewerber hätte die Chance auf die ganz große Karriere verdient.

dpa

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