Berlin. Nach einem Jahr im Amt wird Bundespräsident Joachim Gauck mit Lob überhäuft. „Ich finde, er ist ein hervorragendes Staatsoberhaupt“, erklärte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel anlässlich des Jahrestags an diesem Montag. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sieht Gauck als „Gewinn für unser Land“. SPD und Grüne hatten Gauck als Kandidaten ins Spiel gebracht, die FDP setzte ihn bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als parteiübergreifenden Kandidaten durch. Am 18. März 2012 wurde der heute 73-Jährige zum Bundespräsidenten gewählt.

Seine Kandidatur für das Amt des Staatsoberhauptes hat Gauck nach eigenen Worten nie bereut. „Ich habe mich zwar anfangs nicht durchgängig wohlgefühlt, weil ich mich erst daran gewöhnen musste, rund um die Uhr unter Beobachtung zu stehen. Aber bereut habe ich den Schritt nie“, sagte der aus Rostock stammende frühere Pfarrer und Gründungschef der Stasi-Unterlagen-Behörde der „Bild“-Zeitung.

Am Sonntag flog Gauck von Berlin aus zu einem viertägigen Besuch Äthiopiens. Es ist seine erste Reise nach Afrika als Staatsoberhaupt.

Vor dem Hintergrund der Euro-Schuldenkrise mahnte Gauck: „Das Wichtigste in der Politik ist, mit den Menschen zu reden.“ Wo die Politik sich scheue, Risiken zu benennen, werde sie Vertrauensverlust ernten. „Wenn wir zum Beispiel in Europa solidarisch sein wollen, dann müssen wir den Menschen erklären, warum es - wie bei der Deutschen Einheit - notwendig und sinnvoll ist, Geld in die Hand zu nehmen.“ Zugleich sprach sich Gauck aber gegen Volksentscheide zur Europa-Politik aus. „Es gibt Situationen und Themen, die sich nur schwer durch eine Ja/Nein-Entscheidung regeln lassen, bei denen die von der Bevölkerung Gewählten sich intensiver mit langfristigen Entwicklungen und auch mit Detailfragen beschäftigen können als viele Wähler.“

Gabriel lobte, Gauck sei „wohltuend unprätentiös“ geblieben. Bürgernähe sei bei ihm keine Masche, sondern Ausdruck innerer Überzeugung.

Trittin befand in der „Bild am Sonntag“: „Joachim Gauck hat Deutschland ein nachdenkliches, aber warmes Gesicht gegeben.“ Seine Europa-Rede und sein Umgang mit den Angehörigen der NSU-Opfer habe ihm gut gefallen, sagte Trittin. Gauck hatte den Angehörigen der Neonazi-Mordopfer bei einem Treffen im Schloss Bellevue umfassende Aufklärung zugesichert. In seiner Europa-Rede zeigte er sich als bekennender Europäer, formulierte aber auch Verständnis für Kritik am Zustand der Europäischen Union.

Wichtige Stationen in der Amtszeit

19. Februar 2012: Union, FDP, SPD und Grünen einigen sich auf Joachim Gauck als Nachfolger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff. Gauck zeigt sich „überwältigt und ein wenig verwirrt“. „Ich komme aus dem Flieger und war im Taxi, als die Frau Bundeskanzlerin mich erreicht hat. Und ich bin noch nicht mal gewaschen“, sagt Gauck an dem Abend.

18. März: Um 14.20 Uhr ist Joachim Gauck der elfte Bundespräsident. „Was für ein schöner Sonntag“, eröffnet Gauck seine kurze Ansprache. Er wolle in seinem Amt „unbedingt mitwirken“, damit sich Regierende und Bevölkerung wieder einander annähern.

19. März: Im Schloss Bellevue macht Gauck sofort Nägel mit Köpfen. Er ernennt David Gill zum Chef des Bundespräsidialamtes. Wulffs Staatssekretär Lothar Hagebölling wird in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet.

20. März: Der Arbeitsalltag beginnt in Leipzig. Gauck nimmt dort an der Festveranstaltung zu „800 Jahre Thomana“ teil.

23. März: In einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat wird Gauck vereidigt. Er fordert die Deutschen zu mehr Mut und mehr Vertrauen auf. Zugleich kündigte der Bundespräsident an, neben der Freiheit auch die soziale Gerechtigkeit zu thematisieren. Im Park von Schloss Bellevue wird er danach mit militärischen Ehren begrüßt.

26. März: Sein erster Auslandsbesuch führt das Staatsoberhaupt nach Polen. Gauck spricht vom „europäischen Land der Freiheit“.

29. März: Der mongolische Präsident Tsakhia Elbegdorj und seine Frau sind erste Staatsgäste von Gauck im Schloss Bellevue. Bei einem Staatsbankett am Abend ist auch Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt dabei.

17. April: Bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel äußert sich Gauck optimistisch, dass das Bundesverfassungsgericht die Euro-Rettungsschirme nicht „konterkarieren“ werde. Das wird ihm als Einmischung in die Rechtsprechung ausgelegt.

25. April: Gauck sagt eine Reise in die Ukraine ab. Hintergrund ist der Umgang mit der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Dafür bekommt Gauck Lob von allen Seiten.

03. Mai: Der Bundespräsident spricht für eine flexiblere Gestaltung des Rentenalters aus. „Ich wünsche mir, dass jene, die es wollen, länger im Beruf bleiben können“, sagt er beim Deutschen Seniorentag.

22. Mai: Gauck ernennt den CDU-Politiker Peter Altmaier zum Umweltminister und lobt dessen umstrittenen Vorgänger Norbert Röttgen, der von Bundeskanzlerin Angela Merkel geschasst wurde. „Früher als andere haben Sie erkannt, es ist Zeit für die Energiewende. Dafür sind wir Ihnen dankbar“, sagt Gauck. Merkel steht daneben.

29. Mai: In Israel vermeidet Gauck Merkels Formel, das Existenzrecht Israels sei Teil der deutschen Staatsräson. Gauck erläutert: „Ich will nicht in Kriegsszenarien denken.“

30. Mai: Der Bundespräsident stellt in Jerusalem klar: „Wenn jemand gemeint hat, eine Distanz zwischen der Bundeskanzlerin und mir bei einer Wortwahl herauszulesen, dann wäre das ein Irrtum.“

31. Mai: Im „Zeit“-Interview sagt Gauck, er werde den Satz seines Vorgängers Wulffs, wonach der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehöre, nicht übernehmen. „Aber seine Intention nehme ich an.“ Der Bundespräsident betont: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“

12. Juni: Der Bundespräsident fordert eine stärkere gesellschaftliche Debatte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Militärische Gewalt, die„ immer auch ein Übel“ bleibe, sei sinnvoll, „um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden“. Die Frage gehöre „in die Mitte unserer Gesellschaft“ und dürfe „nicht allein in Führungsstäben und auch nicht allein im Parlament debattiert werden“.

21. Juni: Ein Novum: Das Bundesverfassungsgericht bittet den Bundespräsidenten öffentlich, das Gesetz zum Euro-Rettungsschirm ESM nicht zu unterschreiben, bis es über Eilanträge entschieden hat. Gauck akzeptiert.

06. Juli: Bei seinem Antrittsbesuch in Thüringen fordert Gauck ein Ende der Geheimniskrämerei beim Verfassungsschutz. „Amtschefs und Politik müssen die Bürger teilhaben lassen an Erkenntnissen, die gewonnen wurden“, sagt das Staatsoberhaupt.

08. Juli: Gauck verlangt von Bundeskanzlerin Angela Merkel Klartext in der Euro-Krise: „Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet, auch fiskalisch bedeutet“, sagt Gauck im ZDF-Sommerinterview.

28. Juli: Gauck besucht die Olympischen Sommerspiele in London.

02. August: Gauck und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski besuchen das Rockfestival „Haltestelle Woodstock“ in der polnischen Grenzstadt Küstrin.

09. August: Gauck wird Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Rostock. Hier hatte er auch Theologie studiert und bis zur Wende als Pastor gearbeitet.

26. August: Gauck nimmt an einer Gedenkfeier an die rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren teil. Gauck fordert einen wehrhaften Staat und berichtet vom Zorn, den der Brandanschlag bei ihm ausgelöst hatte.

27. September: Gauck unterzeichnet die Urkunde zur Ratifizierung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

10. Oktober: Gauck besucht Prag und gedenkt der tschechischen Opfer nationalsozialistischer Gräueltaten. Die Nazi-Verbrechen seien „der Kern aller Schicksale“, fügt der Bundespräsident mit Blick auf die deutschen Vertriebenen hinzu.

1. September: Ferdos Forudastan tritt ihren Job als Sprecherin von Gauck an. Die Journalistin mit iranischen Wurzeln war zuvor für den Deutschlandfunk, den WDR sowie mehrere Zeitungen tätig und hat mehrere Bücher über Migration und Integration geschrieben.

15. September: Gauck erinnert die deutschen Unternehmer an ihre Verantwortung für das Gemeinwohl. „Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich“, sagt Gauck beim „Führungstreffen Wirtschaft 2012“ der „Süddeutschen Zeitung“.

6. Dezember: Der Protestant Gauck wird im Vatikan von Papst Benedikt XVI. zu einer Privataudienz empfangen. Themen des Vier-Augen-Gesprächs waren unter anderem die Europapolitik und die Lage im Nahen Osten.

12. Dezember: Gauck besucht ein Übergangswohnheim für Asylbewerber im brandenburgischen Bad Belzig und setzt ein Zeichen für die Flüchtlinge. Er wolle ein „Signal geben, dass wir uns nicht mit engem, sondern mit weitem Herzen derer annehmen, die hier Hilfe suchen“, betont der Bundespräsident.

17. Dezember: Gauck besucht zusammen mit seiner Lebensgefährtin die deutschen Soldaten in Afghanistan. Er lobt den Einsatz der Soldaten, mahnt Fortschritte bei der Demokratisierung des Landes an und verspricht: „Wir lassen Afghanistan nicht im Stich.“

24. Dezember: In seiner ersten Weihnachtsansprache als Bundespräsident ruft Gauck die Deutschen zum Zusammenhalt auf. „Ja, wir wollen ein solidarisches Land“, sagt Gauck.

22. Januar 2013: Gauck würdigt den vor 50 Jahren geschlossenen Élysée-Vertrag als „große Stunde für Deutschland und eine große Stunde für die deutsch-französischen Beziehungen“. „Politik kann Raum schaffen für Begegnung, für Heilung, für Versöhnung“, sagt das Staatsoberhaupt anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten in Berlin.

11. Februar: Gauck lobt das Wirken von Benedikt XVI. nach dessen Rücktrittsankündigung. „In Benedikts Wirken verbinden sich hohe theologische und philosophische Bildung mit einfacher Sprache und mit Menschenfreundlichkeit“, erklärt Gauck.

15. Februar: Gauck unterzeichnet das umstrittene Gesetz zur Einführung des Betreuungsgeldes trotz Bedenken. Die verfassungsrechtlichen Bedenken seien nicht so durchgreifend, dass sie einer Ausfertigung des Gesetzes im Wege gestanden hätten, teilt eine Sprecherin mit.

18. Februar: Gauck empfängt Angehörige von Opfern der rechtsterroristischen NSU und fordert die Aufklärung der Mordserie. „Sie hätten Trost und Unterstützung gebraucht. Stattdessen sind Sie verdächtigt, gedemütigt und allein gelassen worden“, wendet sich Gauck an die Angehörigen.

22. Februar: Gauck hält eine europapolitische Grundsatzrede als Auftakt für die neue Veranstaltungsreihe „Bellevue Forum“. Gauck ruft Politik, die Bürger und die Medien auf, mehr für Europa zu tun.

25. Februar: Gauck besucht den UN-Menschenrechtsrat in Genf und besucht das Grab des weithin unbekannten deutschen Friedensnobelpreisträgers Ludwig Quidde.