Kiel. Reichlich Lob für den Umgang mit Minderheiten und für die Meeresforschung hat Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Antrittsbesuch am Freitag in Schleswig-Holstein verteilt. Erst als zweiter Bundespräsident überhaupt hat Gauck im Plenum des Kieler Landtags gesprochen. Anschließend stattete er Kieler Spitzenforschern eine Stippvisite ab und tauchte am Nachmittag auf Schloss Gottorf in Schleswig in die Geschichte ein. Begleitet wurde er dabei von seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt sowie Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und dessen Frau Gabriele als Gastgeber.

Dabei begann alles am Morgen mit gut einstündiger Verspätung. Der Bundespräsident musste für einen Flug von Berlin nach Kiel auf eine Ersatzmaschine ausweichen, weil das ursprünglich vorgesehene Flugzeug einen Vogel gestreift hatte. Laut Präsidialamt hatte die Maschine der Flugbereitschaft vom Typ Bombardier Global 5000 auf dem Flug von Köln nach Berlin Kontakt mit einem Vogel. Ein Triebwerk und eine Tragfläche waren bei der Ankunft mit Blut und Federn verschmiert. Gauck nahm schließlich eine andere Maschine.

Umso freundlicher empfingen ihn später in Kiel die 69 Abgeordneten des schleswig-holsteinischen Landtags. Als Gauck in das gläserne Plenum an der Förde schritt, gab es Standing Ovations. Der gebürtige Rostocker entschuldigte küstennah auf Plattdeutsch bei den Parlamentariern für seine Verspätung: „Dat deit mi leed, dat ik een lütt beten to lat bin, aber dat legt nich an uns.“ Unter den Zuschauern im Landtag verfolgten Gaucks Rede neben Schülern auch die ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Heide Simonis (SPD) und Peter Harry Carstensen (CDU).

In seiner 20-minütigen Rede kritisierte Gauck die Diskriminierung der Roma in Europa. Dieser Minderheit müsse ein menschwürdiges Leben - vor allem in Herkunftsländern wie Bulgarien und Rumänien - ermöglicht werden. „Das fordert uns in Deutschland, aber es fordert auch Europa, es ist eine europäische Aufgabe“, sagte der Bundespräsident. Roma verließen ihre Heimat aus Not, „oft auch wegen aktueller Diskriminierung oder gar Verfolgung“, um als EU-Bürger in Deutschland und anderen EU-Staaten ein besseres Leben zu suchen, sagte Gauck.

Führe ihre Anwesenheit vor Ort zu Konflikten, müsse das am konkreten Fall geklärt und nach Lösungen gesucht werden. „Aber eine ganze Gruppe von Menschen zu stigmatisieren oder ihnen pauschal die Integrationsfähigkeit abzusprechen, setzt die unheilige Tradition jahrhundertelanger Diskreditierung, Ausgrenzung und Verfolgung fort“, sagte Gauck.

Als positives Beispiel würdigte Gauck Schleswig-Holsteins Umgang mit seinen Minderheiten. Er verwies auf die Aufnahme der Roma in die Landesverfassung als geschützte Minderheit wie bereits die dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe. Für dieses Novum in einer Landesverfassung wolle er dem Parlament ausdrücklich danken. Die Stärke einer Demokratie erweise sich auch in ihrem Umgang mit Minderheiten.

Nach einem Treffen mit dem Kabinett und den Fraktionschefs fuhr Gauck zum „Geomar - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung“ am Ostufer der Förde. Dort zeigte er großes Interesse an den Erläuterungen der Wissenschaftler zu den Themen Klimawandel und Rohstoffen im Meer. In einem Statement vor der Presse appellierte er an die Wissenschaftler in Deutschland, sich mit ihrem Fachwissen stärker in den gesellschaftlichen Diskurs einzumischen. Oft würden Debatten in Deutschland von Ängsten und Emotionen überlagert. Es fehle aber an Wissen.

Aus Anlass des Besuches des Bundespräsidenten wehten in Kiel und Schleswig die Flaggen. In der Kleinstadt an der Schlei besuchte GauckSchloss Gottorf, den Sitz der Landesmuseen. Nach dem Besuch der Gotischen Halle ließ er sich von Schleswiger Schülern verschiedene museumspädagogische Projekte zeigen wie etwa das Gottorfer Labor, in dem Kinder beispielsweise die Konservierung alter Gegenstände erlernen. „Es war ein sehr interessanter Ausflug zu etwas Altem“, sagte Gauck, „und zu etwas Hoffnungsvollem, den Kindern“.

Anschließend hörte der Theologe in der Schlosskapelle Orgelmusik unter anderem von Dietrich Buxtehude. Die Schlosskapelle auf Gottorf ist eine der frühen protestantischen Kapellen im hohen Norden und der einzige Raum, der die vergangenen 400 Jahre unbeschadet überstanden habe, berichtete Museumspädagogin Uta Kuhl.

Zum Abschluss am Abend stand ein großer Empfang in der Reithalle des Schlosses auf dem Programm, zu dem 150 Gäste aus den Bereichen Jugend und Ehrenamt geladen waren.