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Wieso geht Albig von Bord?

Das große LN-Feature Wieso geht Albig von Bord?

Abgang neun Tage nach seiner Bauchlandung: Torsten Albig hat seine politische Karriere gestern beendet. Der Ministerpräsident tritt von allen Ämtern zurück. Er zieht die Konsequenz aus der schweren Niederlage der SPD bei der Landtagswahl.

Aufnahme mit Symbolcharakter: Ein Wahlplakat der SPD mit dem Konterfei von Torsten Albig schwimmt in der Kieler Förde.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. „Pattex-Torsten“ wollte er sich am Ende offenbar doch nicht nennen lassen. Weil er über Gebühr an seinem Stuhl als Ministerpräsident geklebt hätte. „Respekt“ ist das Wort, was dann üblicherweise fällt, wenn der Rücktritt verkündet ist. Torsten Albig (53) hat gestern Mittag die Reißleine gezogen. Spät, aber möglicherweise nicht zu spät, um Schaden von seiner Partei, der schleswig-holsteinischen SPD, abzuwenden. Anderenfalls hätte er seinen Sozialdemokraten endgültig die Minimalchance geraubt, an der nächsten Regierung wie auch immer beteiligt zu sein. So sieht es Albig vermutlich. In Wirklichkeit kommt dieses „Bauernopfer“, auch eine Art Selbsterhöhung, wohl doch zu spät. Die „Ampel“ scheint ausgeknipst. Eine große Koalition kann sein Ziel nicht sein. Nicht gewesen sein.

Er übernehme persönlich die Verantwortung, hatte Torsten Albig am Wahlabend nach dem Debakel seiner Partei bei der Landtagswahl vollmundig kundgetan. Um nur Stunden später öffentlich darüber zu schwadronieren, welche Möglichkeiten ihm offenständen, als Ministerpräsident die nächste Regierung zu führen. Das erinnerte schwer an einen ähnlichen Realitätsverlust, den man vor Jahren bei seinem Parteifreund Gerhard Schröder als Kanzler konstatieren musste, nach einer verlorenen Bundestagswahl.

Im bundesdeutschen Blätterwald wurden die Fehler Albigs, die zur Wahlniederlage der SPD beitrugen, häufig auf ein Interview des Ministerpräsidenten mit der „Bunten“ reduziert. Ein Interview, das ein chauvinistisches Frauenbild Albigs nahelegte. Der Regierungschef hatte sich zur Trennung von seiner Ehefrau geäußert, die Heiratspläne mit seiner Lebensgefährtin Bärbel Boy verkündet – und die Wirkung von Klatschspalten unterschätzt. Er, der mit Medien Großgewordene, hätte es besser wissen müssen. Parteifreund Rudolf Scharping hatte sich 2002 als Verteidigungsminister mit seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati auf Mallorca in einem Pool planschend ablichten lassen, von der „Bunten“ übrigens, während die Bundeswehr vor ihrem Mazedonien-Einsatz stand. Doch dass Albig die Wahl wegen des „Bunte“-Interviews vergeigt hat, das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Oder weniger.

SPD-Wahlkampf ohne Biss: Albig ließ es geschehen

Albig führte als SPD-Spitzenkandidat einen Landtagswahlkampf, der jede Bissigkeit vermissen ließ. Ausruhen auf den vermeintlichen Erfolgen, das schien den Sozialdemokraten zu reichen. Es fehlte nicht nur daran, das Erreichte der vergangenen fünf Jahre klar zu benennen. Es fehlte vor allem an Visionen: Wohin würde eine Küstenkoalition Schleswig-Holstein führen wollen. Stattdessen weitgehend inhaltslose Allgemeinplätze. Das SPD- Wahlprogramm hätte in zwei Wörter gepasst: „Weiter so.“ Albig ließ all dies geschehen.

Man spüre keine Wechselstimmung im Land, sagte Albig den LN kurz vor der Wahl. CDU-Herausforderer Daniel Günther wurde von ihm erbärmlich unterschätzt. Den öffentlichen Beweis dafür lieferte Albig im TV-Duell mit dem Kontrahenten. Der Titelverteidiger stand in der Defensive. Eine Rolle, die Albig nicht liegt.

Zuletzt war das Rauschen in den eigenen Reihen unüberhörbar. Erste Kreisfürsten rückten von Albig ab. Ex-Ministerpräsident Björn Engholm (SPD) riet Albig indirekt zum Rückzug. Selbst sein bisheriger Vize und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) setzte ihm die Pistole auf die Brust – ob der andauernden Sprachlosigkeit der SPD seit dem Wahlabend. Für die Berliner SPD-Parteizentrale konnte es ohnehin keinen anderen Schuldigen für die Wahlniederlage in Schleswig-Holstein geben als den Mann mit dem markanten Glatzkopf – um das Debakel nicht auch noch Kanzlerkandidat Martin Schulz auf die Füße fallen zu lassen. Albig stand am Ende allein. Verlassen und verloren.

Eine steile Karriere mit Ämtern in Bonn und Berlin

Bis gestern hat Albig eine fulminante Karriere hingelegt. Er war Sprecher von drei Bundesfinanzministern. In Frankfurt wurde er Konzernsprecher einer großen deutschen Bank, verzichtete dafür auf den Beamtenstatus – ein Umstand, den Albig liebend gern in seiner Vita erwähnt. In Kiel fegte er die populäre Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz (CDU) überraschend aus dem Amt. Als Außenseiter räumte er bei einem Mitgliederentscheid um die SPD-Spitzenkandidatur auch den wortgewaltigen Ralf Stegner aus dem Weg – um dem Rivalen danach die Hand zu reichen und ihn zu eigenen Gunsten wieder einzubinden. Albig, der kluge Taktiker.

Mit den Stimmen von SPD, Grünen und SSW wurde Albig 2012 zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt. Eine Stimme Mehrheit nur hatte seine Regierungskoalition im Landesparlament. Für Vor-Vorgängerin Heide Simonis war das noch zu wenig gewesen. Zwei Minister gerieten Albig gleich in der Frühphase des Regierens abhanden: Wara Wende, die Bildungsministerin, musste gehen. Der Abgang von Innenminister Andreas Breitner schmerzte. Albigs Verdienst war es, sein Kabinett danach erfolgreich zusammenzuschweißen.

Beim Regieren selbst hielt sich Albig weitgehend im Hintergrund. Das Tagesgeschäft überließ er seinen Ministern. Einige wenige Zwischenrufe in Berlin wie der nach einem „Schlagloch-Soli“ endeten eher peinlich. Unters Volk mischte Albig sich nur bei offiziellen Anlässen. Märkte und Menschen – das war nicht sein Ding.

Albig selbst hält sich für schüchtern

Auf einen Alleingang war Albig bis zuletzt stolz. Schleswig-Holstein verhängte einen generellen Abschiebestopp für Asylbewerber aus Afghanistan, nachdem der Bund einen neuen Kurs einschlug. Es gebe keine sicheren Regionen, begründete Albig seine Entscheidung. Er teile die Einschätzung des UN-Flüchtlingskommissars und des Internationalen Roten Kreuzes. Albig stellte sich damit gegen die Position des Auswärtigen Amtes und zog sich den geballten Unmut von Parteifreund und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel zu. „Haltung zeigen“ – das gefiel Torsten Albig.

Im Grunde seines Herzens sei er eine schüchterne Person, hat Albig einmal über sich gesagt. Wer ihn erlebt, mag das kaum glauben. Der Jurist liebt es, sich reden zu hören. Nicht wenige bezeichnen ihn als selbstverliebt. Wer nicht zu seinen Freunden zählt, nennt den 53-jährigen gebürtigen Bremer arrogant. Albig hat sich im Laufe der Jahre vermutlich eine harte Schale zugelegt, um den weichen Kern nicht permanent zu verletzen. Gestern war der Tag, an dem diese harte Schale nicht mehr dick genug war.

Scheinbar alle Genossen gegen sich, ein zuletzt verheerendes Medienbild – und dann spekuliert das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe, ob Aufträge für die Werbeagentur von Albigs Lebensgefährtin Bärbel Boy mit Albigs politischer Position zu tun haben könnten. Boys Agentur hat dem Land bereits die Kampagne „Der echte Norden“ verkauft.

Albig zeigte sich gestern schwer gekränkt, sprach von einer „ehrverletzenden Unterstellung“. In Wahrheit hat auch diese Berichterstattung den Rückzug Albigs nicht beschleunigt. Es ist die fast allseits entzogene Liebe. Deshalb verlässt Albig die politische Bühne
Von Curd Tönnemann

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