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Politik im Rest der Welt Afghanistan: Was bleibt, wenn die Truppen weg sind?
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20:25 09.11.2013
Tod und Zerstörung gehören zu ihrem Alltag: Kinder spielen auf einem Friedhof am Rande der Stadt Herat in West-Afghanistan. Quelle: Fotos: AFP, dpa
Berlin

Hunderte afghanische Helfer der Bundeswehr fliehen nach Deutschland und dürfen hier bleiben. Denn sie fürchten zu Recht um ihr Leben, nachdem die deutschen Truppen aus dem Stützpunkt Kundus abgezogen sind. Das lässt nichts Gutes erwarten für die Zukunftsaussichten der Menschen am Hindukusch: Was wird passieren, wenn bis Ende 2014 die letzten Nato-Kampftruppen aus Afghanistan abgezogen sind? Kommen die Taliban wieder an die Macht und unterdrücken besonders die Frauen? Oder kann die Zentralregierung in Kabul mit nationalen Sicherheitskräften für Sicherheit und Ordnung sorgen?

Erste Weichen sollen auf der großen Stammesversammlung, der Loja Dschirga, Mitte des Monats gestellt werden. Zu ihr sind auch Vertreter der radikalislamischen Taliban geladen. Ein wichtiges Thema wird sein, ob nach dem Abzug aller ausländischen Kampftruppen noch ein Nato-Kontingent in Afghanistan stationiert bleibt, zu dem neben 5000 bis 10 000 GIs auch 600 bis 800 Soldaten der Bundeswehr gehören sollen. Ihre Aufgabe soll die weitere Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei sein.

Dass diese einheimischen Kräfte in der Lage sein werden, Sicherheit im Lande zu gewährleisten, daran zweifelt Markus Kaim, Afghanistan-Spezialist der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Grund sei, dass die Zahl von bewaffneten Angriffen und Sprengstoffattentaten im laufenden Jahr gegenüber 2012 deutlich zugenommen habe, sagte er den LN. Ziel seien hauptsächlich die afghanische Armee und Polizei gewesen.

Aus den größeren Städten werden die einheimischen Sicherheitskräfte vermutlich Taliban und andere Aufständische fernhalten können, erwartet Kaim. Weite Teile des ländlichen Afghanistans würden aber von Aufständischen beherrscht bleiben oder wieder beherrscht werden.

Was das für die afghanische Zivilbevölkerung bedeuten wird, ist zwar noch schwer abschätzbar. Nadia Nashir, Afghanin und Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins in Osnabrück, befürchtet aber, dass die Lage ihrer Landsleute schlechter wird. Sie fürchtet nicht nur die Taliban, sondern auch die Milizen ehemaliger Kriegsherren, „Warlords“, die als Lokal-Polizei von der Nato gezielt für den Kampf gegen die Taliban unterstützt und bewaffnet worden sind. Darunter seien „Kriminelle und Kriegsverbrecher“, klagt Nashir gegenüber den LN. Sie ziehen durch die Dörfer, rauben und vergewaltigen, hat auch das ARD-Magazin „Monitor“ berichtet.

„Unsere Arbeit wird aber weiterlaufen, wir Afghanen sind ein starkes Volk“, versichert Nashir. Der Frauenverein unterhält in Afghanistan und in Flüchtlingslagern in der pakistanischen Grenzprovinz Peschawar mehrere Hilfsprojekte, darunter Schulen und Ausbildungszentren speziell für Mädchen und junge Frauen.

Die Deutsche Welthungerhilfe will ebenfalls ihre Aufbau-Arbeit in Afghanistan auch nach dem Abzug der Nato-Kampftruppen in jedem Fall fortsetzen. Das hat die Präsidentin der Organisation, Bärbel Dieckmann, versichert. „Die Welthungerhilfe steht für Kontinuität“, versicherte sie in einem Interview — trotz ungewisser Sicherheitslage und möglicher Konflikte um Frauenrechte oder Bildung.

Sie hoffe auch sehr, dass die Erfolge der letzten Jahre im ländlichen Wiederaufbau mit besonderen Schwerpunkten auf Landwirtschaft, Infrastruktur und Wasserversorgung erhalten bleiben, sagte Diekmann.

Ob die Frauenrechte in Gefahr seien, falls die Taliban wieder an Macht gewinnen — dazu wollte sie kein Urteil abgeben. „Wir können nur hoffen, dass die Zivilbevölkerung inzwischen die Stärke hat, selbst Frauenrechte und Bildung durchzusetzen“, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Der Nato-Einsatz am Hindukusch
Auslöser des Einsatzes der Nato-Truppen in Afghanistan waren die Al-Kaida-Attentate vom 11. September 2001 auf das Word Trade Center und das Pentagon. Die Nato erklärte die Auslösung des Nato-Bündnisfalles mit der Beistandspflicht aller Nato-Staaten.

Der UN-Sicherheitsrat genehmigte am 20. Dezember 2001 die Aufstellung der bewaffneten Isaf-Schutztruppe unter Führung der Nato. Der Bundestag beschloss am 21. Dezember 2001 die Teilnahme der Bundeswehr an dieser Schutztruppe.


Der Einsatz der Nato-Truppen in Afghanistan begann im Oktober 2001 mit US-Angriffen. Die Isaf-Schutztruppe kam im Dezember 2001 in Einsatz.

Rüdiger Wenzel

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