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Politik im Rest der Welt Alles hört auf sein Kommando
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21:30 06.01.2018
„Es gibt nicht nur die Pflicht zum Kompromiss, es gibt auch die Pflicht zur Kontroverse unter Demokraten“: Christian Lindner. Quelle: Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Stuttgart

Unvergessen eine Szene vor sechs Jahren, als der damalige Fraktionschef Rainer Brüderle einer Reporterin in Altherrenmanier anzügliche Avancen an der Hotel-Bar machte („Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“). Politische Lichtjahre sind seither vergangen. Dem Absturz der FDP folgten die Wiederauferstehung nach der Bundestagswahl und das spektakuläre Jamaika-Aus. All das verbunden mit einem Namen: Christian Lindner. Auch der „bunte Abend“ 2018 in Stuttgart trägt seinen Stempel. Die Feier wirkt wie eine Abi-Abschlussparty: überall junge, neue, unbekannte Gesichter.

Alles hört auf Lindners Kommando. Immer wieder wird berichtet, Fraktionsmitglieder fürchteten sich vor Kritik an Entscheidungen des Parteichefs. Laut äußern sich allenfalls Altvordere wie Gerhard Baum. Der frühere Innenminister wirft Lindner bereits vor Wochen vor, den Liberalen Schaden zuzufügen. “ Die Verantwortung für den Abbruch werde vor allem der FDP zugeschrieben. „Sie hat einen Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust erlitten“, so Baum. Lindners Popularitätswerte sinken.

Mit Spannung wird daher sein Auftritt im Staatstheater Stuttgart erwartet. Gut eine Stunde harrt der Parteichef in einem schwarzen Ledersessel auf der Bühne aus, verschränkt die Beine, wackelt ungeduldig mit den Knien, lauscht Generalsekretärin Nicola Beer und Baden-Württembergs Landeschef Michael Theurer. Der verlangt kurz vor der Veranstaltung, die FDP müsse sich vom Image der OneMan-Show verabschieden und Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. „Wir müssen ein erfolgreiches Team sein. Es müssen sich jetzt weitere Politiker in Berlin profilieren.“ Der Druck auf Linder, auch innerparteilich, wächst.

Doch Lindner lässt das alles in seiner Dreikönigsrede an sich abtropfen. Turbulent sei das zurückliegende Jahr gewesen. Und ebenso turbulent werde das neue verlaufen. „Möge der Druck auch noch so groß werden, unsere innere Überzeugung und Haltung geben wir nicht mehr auf.“ Wenn Lindner „uns“ und „wir“ sagt, meine er zuallererst sich selbst, tuschelt jemand in den hinteren Rängen.

Aber dem FDP-Chef deshalb einen autoritären Führungsstil zu unterstellen? „Vielleicht liegt es einfach darin, dass wir einer Meinung sind und in dieselbe Richtung laufen wollen“, sagt Lindner.

Vielleicht. Eine One-Man-Show? „Zur Zeit der Außerparlamentarischen Opposition ist One-Man-Show besser als No-Man-Show“, frotzelt Lindner. Alle seien jetzt aufgerufen, „Individualität und Vielfalt zu leben“. Namen von möglichen Mitstreitern, denen er diese Individualität zutraut, nennt Lindner nicht. Rhetorisch brillant vermag er Kritik an seiner Person zu kontern, ohne dem Murren in seiner Partei nachzugeben.

Sein langjähriger politischer Weggefährte Gerhard Papke sieht Lindners Form der Alleinherrschaft kritisch. „Die Zukunft der FDP ist nicht seine persönliche Angelegenheit.“ Lindner erwarte, dass man ihm bedingungslos folge, zitiert ihn der „Spiegel“.

Der so Gescholtene hält sich mit derartigen Anwürfen nicht lange auf. Stattdessen wiederholt er eben jenes Narrativ, das von ihm seit dem Scheitern der Jamaika- Sondierungen schon in Dutzenden von Interviews nachzulesen war. Verantwortung übernehme man doch: in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Sieben Landesminister stelle die FDP. Lindner spricht von Zeitenwenden, von der „neuen Generation Deutschland“. Das Land brauche eine liberale Einwanderungspolitik. Konsens sei eine vordemokratische Form politischer Romantik. „Es gibt nicht nur die Pflicht zum Kompromiss, es gibt auch die Pflicht zur Kontroverse unter Demokraten“, rechtfertigt er erneut den Ausstieg der Liberalen aus Jamaika. Man habe aus staatspolitischer Verantwortung die Opposition gewählt. Nun müsse Kanzlerin Angela Merkel zeigen, ob sie in der Lage sei, eine neue Regierung zu bilden, „vielleicht ja sogar eine Minderheitsregierung“.

Lindner erntet viel Applaus für seine Rede. Beim Verlassen des Staatstheaters muss er Selfies machen und Autogramme geben. „Politik auf dem Laufsteg“ und „Inszenierungspolitik“ nennt das Lindner-Kritiker Papke. Vielzitierte Begriffe in Stuttgart – allerdings zumeist nur wieder hinter vorgehaltener Hand.

Von Jörg Köpke

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