Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt Trotz aller Vorwürfe: Trump hält an Kavanaugh fest
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Trotz aller Vorwürfe: Trump hält an Kavanaugh fest
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:10 28.09.2018
Brett Kavanaugh bei der Anhörung vor dem Justizausschuss des US-Senats. Quelle: Saul Loeb/Pool AFP/AP/dpa
Washington

„Ich kann mich sehr genau daran erinnern, dass es Brett Kavanaugh war, der auf mir lag und mir seine Hand auf den Mund presste, als ich um Hilfe rief.“ Mit tränenerstickter Stimme schildert Christine Blasey Ford den Abend, als sie von dem Mann angegriffen wurde, der für den Obersten Gerichtshof nominiert ist.

Ford, die als Psychologieprofessorin in Kalifornien arbeitet, spricht vor dem Justizausschuss des US-Senats. Mehrere Millionen Amerikaner verfolgen an diesem Donnerstag die Liveübertragung aus dem kleinen Saal mit Spannung, denn viele von ihnen ahnen, dass sich hier eine einzelne Frau den Plänen des Präsidenten entgegenstellt.

Es herrscht absolute Stille im Raum

Noch am Vorabend hatte Donald Trump am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen spontan eine Pressekonferenz einberufen, um einmal mehr seine Unterstützung für Kavanaugh herauszustreichen, der ihm auf Jahre die konservative Mehrheit im „Supreme Court“ sichern soll.

Nun aber spricht die Professorin von einem Abend, der mehr als 30 Jahre zurückliegt. Sie beschreibt die erschütternden Momente, in denen sie von zwei Bekannten – Kavanaugh und einem weiteren Schulfreund – während einer Hausparty in ein Schlafzimmer gedrängt und auf ein Bett geschubst wurde, so ihre Aussage. Der versuchten Vergewaltigung sei sie schließlich nur entkommen, da die beiden Teenager zu betrunken waren, um sie längere Zeit festzuhalten.

Es herrscht absolute Stille im Raum, als Ford die Einzelheiten des Abends beschreibt, nicht ein Räuspern oder Rascheln ist zu hören. „Diese Momente haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie begleiten und belasten mich mein Leben lang.“ Wie so viele andere Opfer von sexueller Gewalt habe sie über den Vorfall jahrelang nicht sprechen können. Erst 2012, bei einer Paartherapie, habe sie sich ihrem Therapeuten und ihrem Ehemann offenbart.

Senatorin Dianne Feinstein in der Kritik

Später, in der anschließenden Befragung, betonen mehrere Senatoren, dass Ford nicht nur in das Nominierungsverfahren für Kavanaugh eingreift, sondern dass sie auch tausenden Frauen und Männern, die Opfer sexueller Gewalt wurden, eine neue Stärke verleiht, Anklage zu erheben. Auch zitieren sie gleich mehrere Institute, die davon ausgehen, dass etwa zwei Drittel aller Übergriffe gar nicht zur Anzeige gelangen. Senator Cory Booker nennt Fords Verhalten daher „heroisch“, da sie trotz unzähliger verbaler Angriffe und Morddrohungen das Wort erhebe und dabei helfe, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Und doch bleibt die Frage: Warum wurden die Vorwürfe erst unmittelbar zum Ende des Nominierungsverfahrens bekannt? In der Kritik steht besonders Senatorin Dianne Feinstein, die bereits im Juli einen entsprechenden Brief von Ford erhalten hatte – die brisanten Informationen gegenüber dem FBI und dem Kongress aber zurückhielt. Außerdem liegen schriftliche Aussagen von sämtlichen Zeugen vor, dass sie sich an den fraglichen Abend nicht mehr erinnern können – wobei eine Freundin Fords zugleich betont, dass sie ihren Aussagen glaube.

Kavanaugh beginnt Anhörung mit wütendem Statement

Eine halbe Stunde nach Fords Auftritt tritt Brett Kavanaugh vor den Ausschuss. Unter Eid sagt der Richter: „Ich kann nichts dazu sagen, ob Dr. Ford Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde. Aber ich stelle klar, dass ich so etwas niemals getan habe. Weder an dem besagten Abend noch zu einem anderen Zeitpunkt.“

Auch Kavanaugh ist die Anspannung an diesem Tag anzusehen. Der Beschuldigte beginnt seine Anhörung mit einem wütenden Statement, das die Senatoren von einem langjährigen Richter sicherlich nicht erwartet hätten: Den Tränen nahe, wirft er den Senatoren der Demokratischen Partei ein abgekartetes Spiel vor, das ihn und seine Familie zerstören würde: „Dieser Nominierungsprozess ist zu einer nationalen Schande verkommen.“ Er sei Opfer einer kalkulierten und orchestrierten politischen Kampagne, die seine Beförderung verhindern solle, so Kavanaugh.

Unterstützung erhält der Kandidat schließlich von Lindsey Graham: Der langjährige Senator beschuldigt die Demokraten, sie wollten Kavanaughs Leben zerstören und den Sitz am Supreme Court offen halten, um ihn nach einem möglichen Wahlsieg in zwei Jahren selbst zu besetzen. Und an Kavanaugh gewandt sagt Graham: „Sie wollen einen fairen Prozess? Da sind Sie zur falschen Zeit in die falsche Stadt gekommen, mein Freund.“

Es steht Aussage gegen Aussage

Ähnlich äußert sich unmittelbar nach der Anhörung auch der Präsident. Kavanaughs kämpferischer Auftritt zu Beginn der Anhörung hat Trump offenbar überzeugt, an dem umstrittenen Juristen festzuhalten: „Richter Kavanaugh hat Amerika genau gezeigt, warum ich ihn nominiert habe“, twitterte der Chef des Weißen Hauses am Abend. „Seine Aussage war stark, ehrlich und fesselnd.“

Nichtsdestotrotz bleiben viele Fragen am Ende des Tages offen. Es steht Aussage gegen Aussage – und allem Anschein nach will der Justizausschuss bereits am heutigen Freitag sein Votum abgeben. Der gesamte Senat würde dann in der kommenden Woche über den Kandidaten abstimmen.

Gleichwohl ist am späten Donnerstagabend im Kongress zu hören, dass auf der Seite der Republikaner die Senatoren Jeff Flake, Lisa Murkowski und Susan Collins in ihrem Urteil noch unsicher sind. Und bei den Demokraten wollen sich die Senatoren Joe Manchin, Heidi Heitkamp und Joe Donnelly in ihrem Abstimmungsverhalten noch nicht festlegen.

Zu Wort melden sich in der Nacht zum Freitag überraschenderweise die republikanischen Gouverneure von Maryland, Massachusetts, New Hampshire, Ohio and Vermont. Sie fordern den Senat eindringlich auf, eine Untersuchung durch das FBI in Auftrag zu geben.

Von Stefan Koch/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der britische Ex-Außenminister Boris Johnson hat den Brexit-Kurs von Regierungschefin Theresa May heftig kritisiert und einen alternativen Plan zum Austritt Großbritanniens aus der EU vorgelegt.

28.09.2018

Vor dem offiziellen Auftakt des Staatsbesuchs von Präsident Erdogan hat Bundesaußenminister Maas die Türkei aufgefordert, mit Fortschritten bei Rechtsstaatlichkeit ...

28.09.2018

Hochoffiziell kommt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum Staatsbesuch nach Deutschland. Wird nun alles anders im schwierigen Verhältnis zwischen Berlin und Ankara? Für eine neue Ära muss sich auch Erdogan bewegen, kommentiert Susanne Güsten.

28.09.2018