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Belgien jagt die Terror-Zelle

Brüssel Belgien jagt die Terror-Zelle

Es gibt nicht nur Verbindungen zu den Anschlägen von Paris — Wer ist der fünfte Mann der Attentate?.

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Höchste Alarmstufe: Ein belgischer Polizist bewacht den Gerichtshof, vor dem der Terror-Verdächtige Salah Abdeslam erscheinen sollte.

Quelle: Christophe Petit Tesson/ Dpa

Brüssel. Es sind verstörende Nachrichten, die die ohnehin schon trauernden Menschen in Brüssel in diesen Tagen aushalten müssen. Unaufhörlich steigen die Angaben der Behörden über die Opferzahlen an: Gestern war von 31 Toten und 300 Verletzten die Rede. Die Identifizierung einiger Vermisster vor allem in der gesprengten Metro könne noch Wochen dauern.

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Es gibt nicht nur Verbindungen zu den Anschlägen von Paris — Wer ist der fünfte Mann der Attentate?.

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Zwar gelang der Polizei schnell die Identifizierung von drei der fünf Attentäter. Zumindest einer davon ist noch auf freiem Fuß: Der Mann, der die größte Bombe am Flughafen transportierte, die nicht detonierte. Immer deutlicher aber wird auch, dass es sich keineswegs um fanatische Einzelgänger handelte, sondern dass sich in Belgien über längere Zeit hinweg zumindest eine Terrorzelle, wenn nicht sogar ein regelrechtes Netzwerk entwickelt hat. Unter wessen Führung?

Sicher scheint, dass Abdel Abaaoud (28) eine Führungsfigur war. Er gehörte zunächst zu jener Terrorzelle, die die Polizei im Januar 2015 im ostbelgischen Verviers zerschlagen wollte und dabei zwei Männer tötete. Abaaoud konnte fliehen. Im August organisierte er das Attentat auf den Thalys-Schnellzug von Amsterdam nach Brüssel, für die Pariser Anschläge gilt er als Hauptverantwortlicher. Er selbst kam bei der Aktion in Paris ums Leben.

Einer seiner wichtigsten Helfer dürfte Salah Abdeslam (26) gewesen sein, der erst in der Vorwoche verhaftet wurde und der bisher als Organisator der Pariser Attentate gilt. Gestern ließ er über seinen Anwalt mitteilen, er sei jetzt doch bereit, nach Frankreich ausgeliefert zu werden. Die Behörden sind sich noch unsicher, ob der plötzliche Sinneswandel nicht auch damit zu tun haben könnte, dass Abdeslam seine Beteiligung an den Brüsseler Anschlägen verschleiern will. Es sei „kaum vorstellbar“, hieß es aus Ermittlerkreisen, dass die Brüsseler Attentäter die Aktion alleine ausgearbeitet hätten. „Die Persönlichkeitsprofile“ der beiden Brüder Ibrahim El Bakraoui (29), der am Flughafen Brüssel eine Bombe zündete, und Khalil El Bakraoui (27), der die Metro sprengte, würden sie nicht als Führungsfiguren einer Terror-Zelle ausweisen. Hinzu kommt, dass der zweite von drei Attentätern am Flughafen, Najim Laachraoui (24), als der „Sprengmeister“ der Terroristen galt. Spuren seiner DNA fanden die Ermittler auf den Bomben in Paris, was seine Zusammenarbeit mit Abdeslam und Abaaoud belegt.

Die Anschläge in der belgischen Hauptstadt müssen von langer Hand vorbereitet, die Ziele ausgespäht worden sein. Und wie belgische Medien jetzt berichteten, wollten ursprünglich im Rahmen dieser Attacke der inzwischen inhaftierte Abdeslam, der in der vergangenen Woche bei einer Razzia erschossene Mohamed Belkaid sowie ein dritter Mann nach dem Vorbild der Pariser Anschläge mit Sturmgewehren um sich schießen.

Die bisherigen Erkenntnisse sind Puzzle-Teile, die man zusammensetzen muss, aber sie ergeben ein Bild: Tatsächlich hat die Terror-Zelle, die sich in Brüssel bildete und aus vielen im Ortsteil Molenbeek aufgewachsenen jungen Männern bestand, offenbar seit langem ihre Aktionen geplant. Die Gruppe hatte sich längst über das ganze Land ausgedehnt. Neben einem Haus im südbelgischen Auvelais mietete der Brüsseler Flughafen-Attentäter Laachraoui ein Versteck in Charleroi an. Hinzu kam die Wohnung in Verviers. Dass diese nur einen Steinwurf von der belgischen Atomanlage Tihange entfernt ist, gehört zum Gesamtbild dazu. Seit langem fürchten Terror-Fahnder, dass Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk planen könnten — etwa mit Hilfe eines eingeschleusten „Schläfers“. Als jüngst mehrstündiges Video-Material auftauchte, dass den Tagesablauf eines leitenden Tihange-Mitarbeiters minutiös zeigt, war die Unruhe groß.

Auch wenn den Ermittlern inzwischen viele Erkenntnisse in die Hände gefallen sind, so bleibt die Alarmbereitschaft hoch. Man müsse nur ein paar Dinge zusammenführen, heißt es bei Experten, dann könne man den Umfang der Terror-Zelle erahnen. In Verviers wurden zwei Verdächtige getötet, aber neun konnten fliehen. In Brüssel setzte die Polizei seit den Paris-Attentaten 19 Personen fest. Aus dem Kreis der fünf Brüssel-Täter fehlt den Ermittlern noch ein weiterer Mann, drei sind bei den Anschlägen ums Leben gekommen. Ob es sich bei diesem Flüchtigen um den Kopf des Brüsseler Kommandos handelt, der somit in der Lage wäre, die nicht enttarnten Terroristen zu sammeln, neu zu strukturieren und wieder neue Aktionen zu verüben? Es ist eine Spekulation. Aber sie scheint schwerwiegend genug, um Brüssel in Angst zu versetzen.

Unterdessen haben französische Sicherheitskräfte gestern Abend nach Regierungsangaben mit der Festnahme eines Terrorverdächtigen konkrete Vorbereitungen für einen Anschlag durchkreuzt. Der Plan sei in einem „fortgeschrittenen Stadium“ gewesen, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve am späten Abend

Anschlag raubt dreijährigen Zwillingen die Mutter

. Es sollte ein Familientreffen werden — und endete in einer Tragödie. Adelma Tapia Ruíz wollte ihre Schwestern in New York besuchen.

Die Peruanerin wartete am Dienstag gemeinsam mit ihrem belgischen Mann und ihren dreijährigen Zwillingstöchtern am Brüsseler Flughafen Zaventem auf ihren Flug, als die Attentäter ihre Sprengsätze zündeten. Die 36-Jährige starb bei der Detonation, eine ihrer Töchter wurde von einem Schrapnell am Arm verletzt. Das andere Mädchen und der Ehemann blieben unverletzt.

Die kleinen Mädchen hatten offenbar großes Glück. „Die Mädchen sind wohl über die Gänge gerannt und der Mann meiner Schwester hinterher. Wenn sie nicht gespielt hätten, wären sie auch tot“, erzählte Tapias Bruder Fernando Tapia Coral im peruanischen Fernsehsender Canal N. „Meine Schwester ist in dem Wartebereich geblieben, wo sich der Selbstmordanschlag ereignete.“

Tapia Ruíz stammte aus dem Department Ucayali im Osten Perus. Seit neun Jahren lebte sie in Belgien, so die Zeitung „El Comercio“. Vor acht Jahren heiratete sie ihren belgischen Ehemann , wollte in Belgien ein Restaurant eröffnen.

Nach dem Zwischenstopp in New York wollte die Familie weiter nach Peru reisen. Dort hatten sich Tapia Ruíz und ihr Mann Christophe Delcambe kennengelernt und geheiratet. Seit einem Jahr war Tapia Ruíz nicht mehr in ihrem Heimatland gewesen. „Wir wollten uns sehen, es fehlte nicht mehr viel“, sagte ihr Vater Fernando Tapia Cano der Zeitung „La República“. „Es ist immer noch schwer zu verstehen, wie das Schicksal uns einen geliebten Menschen entreißen kann“, schrieb ihr Bruder Fernando auf Facebook. „Sie hat den dschihadistischen Angriff nicht überlebt, den wir nie werden verstehen können. Ruhe in Frieden, Schwesterchen. Wir alle müssen nun stark sein. Es ist schwierig zu akzeptieren, dass wir dich nicht mehr sehen werden in dem kurzen Leben, das du hattest.“

Bei den Anschlägen in Brüssel kamen mindestens 31 Menschen ums Leben, 300 weitere wurden verletzt. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu den Anschlägen. Die Attentäter sollen Verbindungen zu den Terroristen gehabt haben, die die Anschläge in Paris verübt hatten.

Perus Präsident Ollanta Humala verurteilte die Anschläge. „Wir haben in unserem Land auch eine Phase des Terrorismus erlebt“, sagte er. „Deshalb gilt unsere Solidarität Belgien, aber auch Frankreich und allen anderen europäischen Ländern, die jetzt in dieser Lage sind.“

Mehrheit für strenge Kontrollen an Flughäfen

. Die Mehrheit der Bundesbürger befürwortet dauerhaft höhere Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen. Nach dem gestern veröffentlichten „Deutschlandtrend“ für das ARD-„Morgenmagazin“ sind 77 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland nach den Anschlägen in Brüssel dauerhaft verstärkt werden sollen. Sie nehmen dafür auch zusätzliche Kosten und Zeitverzögerungen in Kauf. Rund jeder fünfte Befragte (21 Prozent) will langfristig keine verstärkten Maßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen.

Nach den Terroranschlägen vom Dienstag wird der Flugverkehr von und nach Brüssel länger eingeschränkt sein als befürchtet. Am Frankfurter Flughafen bleiben die Sicherheitsmaßnahmen auch am Osterwochenende erhöht. Reisende müssen sich laut Bundespolizei auf verstärkte Kontrollen einstellen und mehr Zeit einplanen.

Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben bis einschließlich Montag alle Verbindungen in die belgische Hauptstadt gestrichen. Betroffen sind rund 12300 Reisende.

Sprengstoff TATP — die „Mutter des Teufels“

Das weiße Pulver ist vergleichsweise einfach herzustellen und hat eine tödliche Sprengkraft: Triacetontriperoxid oder TATP wird immer wieder von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bei Anschlägen eingesetzt. Die Pariser Attentäter nutzten die von ihnen so genannte „Mutter des Teufels“, und auch in Syrien und im Irak greifen Kämpfer auf den Sprengstoff zurück.

Die Attentäter von Brüssel sollen für ihre Angriffe ebenfalls TATP verwendet haben. Nach den Anschlägen mit 31 Toten wurden in einem Versteck 15 Kilogramm TATP sowie Materialien zur Herstellung des Sprengstoffs entdeckt: 150 Liter Aceton, 30 Liter Wasserstoffperoxid, Zünder und ein Koffer voller Nägel und Schrauben.

TATP wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem Berliner Chemiker Richard Wolffenstein entdeckt. Das größte Problem an TATP sei die freie „Verfügbarkeit der Inhaltsstoffe“, heißt es aus französischen Sicherheitskreisen.

EU sucht ihre Stärke im Kampf gegen den Terror

. Die Sicherheitsbehörden in Europa sind nach Ansicht von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beim Austausch von Informationen nicht kooperativ genug. „Viele nationale Behörden wollen nicht mit allen anderen ihre Informationen teilen“, sagte er gestern bei einem Sondertreffen mit seinen Amtskollegen in Brüssel. „Diese Mentalität muss man ändern.“ Er verlangte insbesondere einen „besseren Informationsaustausch“, um Terrorverdächtige in Europa aufzuspüren. Zudem müssten europäische Datenbanken im Reise-, Migrations- und Sicherheitsbereich verknüpft werden, sagte der Minister. Europa müsse jetzt „von Worten zu Taten“ kommen, findet EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos. Das Treffen war nach den tödlichen Anschlägen von Brüssel kurzfristig einberufen worden.

Auch der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, hatte den mangelnden Austausch jüngst in einem Bericht bemängelt. Wenn es um ausländische Kämpfer gehe, seien mehr als 90 Prozent der Daten im vergangenen Jahr von gerade einmal fünf EU-Staaten geliefert worden. Er bezog sich dabei auf eine Datenbank der europäischen Polizeibehörde Europol. Die Länder nannte er nicht beim Namen.

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Zwar funktioniere die Zusammenarbeit auf polizeilicher Ebene gut, sagte sie. Bei den Geheimdiensten hapere es aber.

Sie plädierte für eine Datenbank, in die EU-Staaten Informationen eintragen und in Echtzeit abrufen könnten. „Ich bin davon überzeugt, dass man einen derartigen europäischen Gesamtverbund auch innerhalb einiger Wochen installieren kann“, sagte sie. Die britische Innenministerin Theresa May sagte: „Unsere Botschaft ist klar: Die Terroristen werden nicht gewinnen.“

Von Detlef Drewes

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