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Politik im Rest der Welt Beutekunst-Streit überschattet Merkels Besuch in St. Petersburg
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02:21 22.06.2013
Angela Merkel und Wladimir Putin beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Quelle: Foto: dpa

Am Ende des Tages war zwar nicht alles gut, aber Angela Merkel und Wladimir Putin hatten im letzten Moment einen handfesten politischen Eklat abgewendet.

Geholfen hatte am Ende, wie so häufig im Leben, ein direktes Gespräch der Beteiligten. Und die ursprünglich abgesagte gemeinsame Ausstellungseröffnung konnte doch noch stattfinden.

Schon vor Merkels Abflug nach St. Petersburg war die geplante gemeinsame Eröffnung der Beutekunst-Ausstellung gestern Abend in der Eremitage mit Putin überraschend abgesagt worden. Merkel hatte sich auf die Schau mit dem vielversprechenden Titel „Bronzezeit — Europa ohne Grenzen“ gefreut. Denn sie zeigt erstmals überhaupt öffentlich Kunstschätze, die sowjetische Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf Geheiß Moskaus aus Deutschland mitgenommen haben. Und die Kanzlerin empfand die Idee der gemeinsamen Eröffnung als großen Fortschritt und positives Zeichen für das Verhältnis Moskau-Berlin.

Doch die Kanzlerin vertritt in Sachen Beutekunst eine sehr feste Position und hätte in ihrer kurzen Ansprache erneut die Rückgabe zumindest eines Teils der Werke gefordert. Die Bundesregierung beklagt, dass während des Zweiten Weltkrieges eine Million Kunstgegenstände gestohlen worden seien. Das bedeute einen schmerzvollen Einschnitt in die eigene kulturelle Entwicklung. Moskau argumentiert, sowjetische Soldaten hätten mit ihrem Blut dafür bezahlt.

Die russische Seite habe sich öffentliche Kritik von Merkel aber nicht antun und auf beide Grußworte verzichten wollen. Schweigend wiederum wollte sich Merkel die Kunst aber nicht ansehen, die vor 70 Jahren aus Deutschland verschleppt wurde — wie der Eberswalder Goldschatz, größter deutscher Goldfund aus der Bronzezeit. Also verzichtete sie. Die Stimmung war dahin, das deutsch-russische Verhältnis drohte Schaden zu nehmen.

Das eigentliche Ziel der Reise — das Internationale Wirtschaftsforum — geriet damit in den Hintergrund. Russland wirbt beim wichtigsten Wirtschaftstermin des Jahres um Investoren für die noch aus Sowjetzeiten stammende rückständige Industrie. Und Merkel unterstützt diese Bemühungen. Doch dann überschattete der Beutekunst-Ärger alles andere.

Möglicherweise hatte Putin die Wirkung der Absage des Grußwortes unterschätzt. Jedenfalls wurde damit genau das zum Thema, was er vermeiden wollte: Die Debatte um die Beutekunst. Später bei der gemeinsamen Pressekonferenz verkündet Putin dann, dass man doch gemeinsam in die Eremitage gehe. Gar nichts sei abgesagt worden. Es habe nur Terminfragen gegeben. Die seien geklärt.

Am Ende vertraten beide Seiten, diplomatisch nett verpackt, ihre Standpunkte. Merkel bedankte sich, dass die Exponate überhaupt gezeigt würden, sagte aber auch: „Wir sind der Meinung, dass diese Ausstellungstücke wieder zurück nach Deutschland kommen sollen.“ Sie sollten den Eigentümern oder deren Rechtsnachfolgern zurückgegeben werden. Und Putin entgegnete, die Ausstellung zeige, dass die gemeinsamen Wurzeln Russlands und Deutschlands in die Bronzezeit zurückgingen. „Was macht es einem ganz normalen Bürger aus, wo die Kulturgüter zu sehen sind — in Berlin, Sankt Petersburg, Moskau oder in der Türkei.“

Kunst als Kriegsbeute
Der Kunstraub in Europa erreichte während des Zweiten Weltkrieges das größte Ausmaß. Die von deutscher Seite während der NS-Zeit geraubten Kulturgüter wurden kurz nach Kriegsende größtenteils zurückgegeben. Russland sieht Beutekunst wie die Troja-Funde von Heinrich Schliemann oder den Eberswalder Goldschatz als Wiedergutmachung für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg. Erst seit 1990 wird auf der Grundlage von deutsch-russischen Verträgen über einen Austausch verhandelt. Der Eberswalder Goldschatz ist der größte deutsche Goldfund aus der Bronzezeit und galt bis vor wenigen Jahren als verschollen. Nun wird er das erste Mal überhaupt wieder in einer großen Ausstellung in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt. Seit bekannt ist, dass der rund 2,6 Kilogramm schwere Schatz im Moskauer Puschkin-Museum lagert, fordert Berlin die Rückgabe der rund 80 Teile.

Kristina Dunz und Wolfgang Jung

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