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Bürger von Damaskus in Todesangst

Damaskus Bürger von Damaskus in Todesangst

Die Einwohner der syrischen Hauptstadt horten Lebensmittel, meiden militärische Anlagen oder suchen ihr Heil in der Flucht.

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Schon jetzt gleichen Vororte von Damaskus — wie etwa Zamalka — einem Trümmerfeld.

Quelle: Fotos: AFP, dpa

Damaskus. Eine Stunde dauert normalerweise die Autofahrt von Damaskus nach Beirut. Doch auch wenn es länger dauert, weil Straßen ramponiert oder gesperrt sind, haben sich viele auf den Weg aus der syrischen in die libanesische Hauptstadt gemacht: 24 Stunden nach dem Anlaufen verstärkter Militärschlags-Vorbereitungen durch westliche Kriegsschiffe im östlichen Mittelmeer hatten bereits rund 10 000 Syrer die Grenze zum Libanon überquert. „Es waren Zivilisten, hauptsächlich Frauen und Kinder aus verschiedenen Vierteln von Damaskus“, zitierte die Nachrichtenagentur AFP einen libanesischen Grenzwächter.

Aber auch innerhalb von Damaskus wechselten viele Menschen ihren Aufenthaltsort — weg aus Gegenden mit militärischer Infrastruktur in der Nachbarschaft, hin in vermeintlich sicherere ausschließlich zivile Viertel.

Sie denken wie Dschihan: Die junge Mutter sitzt auf den gepackten Koffern der Familie. Sie wohnt neben Mazze, dem Militärflughafen von Damaskus, und ist überzeugt, dass dies eines der ersten Ziele ist, das die USA und ihre Verbündeten bombardieren werden. Ihr Motto: nichts wie weg aus der Gefahrenzone.

Andere reagieren mit Hamsterkäufen auf die schwebende Drohung, die syrische Regierung, der Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung vorgeworfen werden, mit Militärschlägen zu bestrafen.

„Mazze gehört zu den ausgewählten Angriffszielen. Da bin ich sicher“, sagt Dschihan. Der größte Militärflughafen im Land wird auch von Präsident Baschar al-Assad für Inlandsflüge genutzt, die allerdings selten geworden sind.

Geschützt wird Mazze von der gefürchteten Vierten Division, die für die Verteidigung der Hauptstadt zuständig ist und vom Präsidentenbruder Maher al-Assad befehligt wird — der, der UN-Gerüchten zufolge möglicherweise hinter dem Gas-Einsatz steckt.

Dschihan zieht mit Mann und den zwei Töchtern zu Verwandten nach Malki, einem Viertel in der Innenstadt, das sie für sicherer hält. Auf den Straßen im Zentrum fahren kaum noch Autos. Die Einwohner von Damaskus verlassen ihre Häuser nur noch für die Arbeit oder unaufschiebbare Besorgungen. „Es sind kaum Leute unterwegs. Meine Frau zum Beispiel kommt nach der Arbeit immer sofort nach Hause, ohne wie früher erst ihre Mutter zu besuchen“, berichtet der Bankangestellte Adel. „Seit drei Tagen hört man hier die irrsten Gerüchte. Meine Mutter ist völlig fertig mit den Nerven, weil wir gleich neben der Zentrale des Generalstabs wohnen. Und das ist ja wirklich ein Angriffsziel“, sagt der 35-jährige Mohammed, der im schicken Viertel Abu Ruman wohnt. „Seit die hier von Raketenangriffen reden, habe ich vor lauter Angst ständig Bluthochdruck“, klagt Futun, die mit kleinen Kindern im gleichen Innenstadtviertel wohnt. Auf dem zentralen Platz Sabaa Bachrat ist Malek, einem Verkäufer von Elektrogeräten, die Anspannung deutlich anzusehen: „Alle hier sind sehr nervös, seit wir diese Woche Kerry gehört haben“, sagt er und bezieht sich damit auf die Ankündigung des US-Außenministers, dass diejenigen, die chemische Kampfstoffe gegen die Zivilbevölkerung einsetzten, „zur Rechenschaft gezogen werden“. Kein einziger Kunde ist in seinem Laden, der sonst gut besucht ist. Seine Schwester Majada habe vorsichtshalber ihre Ersparnisse bei der Bank abgeholt, erzählt Malek und fährt fort: „Meine Frau habe ich zum Markt geschickt, damit sie massenweise Fleisch, Tomaten, Brot und Nudeln holt. Sie meint nämlich, dass wir lange Zeit verbarrikadiert sein könnten.“

In den Lebensmittelgeschäften werden die Berichte über Hamsterkäufe bestätigt. „Die Leute decken sich mit großen Mengen ein“, sagt Mohammad, Großhändler für Reis, Olivenöl und Nudeln. Der pausbäckige Michel dagegen, der eine Drogerie im Christenviertel Tijara besitzt, findet die Mörsergranaten, welche die Rebellen in die Hauptstadt schießen, schlimmer als jeden westlichen Militärschlag: „Das macht uns sehr viel mehr Angst, weil die Granaten praktisch auf unseren Köpfen landen.“ Andere malen die Apokalypse aus: „Wenn die angreifen, werden Russland und Iran uns helfen“, prophezeit der Bäcker Abu Achmad. „Das wird dann der dritte Weltkrieg, und das Feuer wird nicht mehr verlöschen.“ Lakonischer äußert sich die Architektin Mayssa: „Der Angriff ist nicht mehr abzuwenden, der internationale Druck auf Obama ist zu groß“, sagt sie und rückt die Dinge zurecht: „Sowieso ist unser Land ja schon lange im Krieg.“

„Meine Frau hab ich zum Markt ge-

schickt, um massen-

weise einzukaufen.“
Verkäufer Malek

„Das wird der dritte Weltkrieg, und das Feuer wird nicht mehr verlöschen.“
Bäcker Abu Ahmad
Uralte Metropole
Damaskus, gelegen am Fuße des Berges Qasyun und seit 1946 Hauptstadt des unabhängigen Syrien, wurde schon im 1. Buch Mose erwähnt, die Gegend war bereits in der Jungsteinzeit besiedelt. Die Stadt hat heute offiziell 1,8 Millionen Einwohner, inoffiziell sind es wohl mehr als doppelt so viele. 75 Prozent der Damaszener sind sunnitische Moslems, rund 15 Prozent Christen, dazu kommen Alawiten, Drusen, Schiiten, Ismailiten, Jesiden und Juden.

LN

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