Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt Was Afghanistan-Soldaten bei Politik und Bevölkerung vermissen
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Was Afghanistan-Soldaten bei Politik und Bevölkerung vermissen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:30 02.03.2019
Deutsche Soldaten 2010 am Observationspunkt Juliet 92 im afghanischen Char Darah. Quelle: Can Merey/dpa
Potsdam

Das Jahr 2010 ist noch heute ein tiefer Einschnitt bei vielen Afghanistan-Einsatzkräften der Bundeswehr. Karfreitag geriet eine Gruppe des 22. Kontingents der internationalen Isaf-Streitkräfte in einen Hinterhalt. Drei Soldaten fielen in der nordafghanischen Provinz Charah Darreh, acht weitere wurden teilweise schwer verwundet.

14 Tage danach kamen vier weitere Soldaten des Kontingents in der benachbarten Region Baghlan ums Leben. Im September wurden schließlich Bundeswehrsoldaten bei Pol-e Khomri in die bislang schwersten Gefechte, die die Bundeswehr in ihrer Geschichte erlebt hatte, verwickelt. Insgesamt sind im 22. Isaf-Kontingent sieben deutsche Soldaten gefallen, 28 wurden teilweise schwer verwundet und 36 mussten den Einsatz aufgrund psychiatrischer Diagnosen vorzeitig beenden.

Aktive Soldaten und Veteranen befragt

Die heute noch aktiven Soldaten und die so genannten Veteranen, also Einsatzkräfte des 22. Kontingents, die die Bundeswehr inzwischen nach Auslaufen ihrer Dienstverpflichtung verlassen haben, stehen im Mittelpunkt einer Langzeitstudie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Die Soziologen Dr. Anja Seiffert und Julius Hess werteten dafür Befragungen von 1350 überwiegend männlichen Soldaten vor und im Einsatz, sechs Wochen nach Rückkehr und drei Jahre nach Einsatzende aus. Das 22. Kontingent bestand 2010 aus 5350 Soldaten und Soldatinnen.

Seiffert sagt, den Wissenschaftlern ging es in dieser Langzeitbetrachtung vor allem um das Selbstbild der Soldaten nach dem Einsatz und wie sie ihre soziale und berufliche Integration erlebt haben. Erstmals wurden dabei auch das Leben der Veteranen, die meisten waren zu dem Zeitpunkt jünger als 35 Jahre, unter die Lupe genommen.

„Alle wissen“, sagt die Forscherin, „dass eine kleine Gruppe nach dem Einsatz unter psychischen oder physischen Verletzungen massiv leidet. Wir wollten darüber hinaus erfahren, wie es mit allen anderen nach der Rückkehr weitergeht.“ Insgesamt waren nach Berechnungen des ZMSBw seit 2001 rund 90.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan im Einsatz.

Julius Hess und Dr. Anja Seiffert, Soziologen am ZMSBw Quelle: ZMSBw

Im Rückblick berichteten 78 Prozent der Veteranen (aktive Soldaten: 67) drei Jahre nach ihrer Rückkehr davon, dass sie der Einsatz am Hindukusch selbstbewusster gemacht habe, fast zwei Drittel gaben an, sie wüssten nun das Leben mehr zu schätzen, die Hälfte der Veteranen (aktive: 40) hatte den Eindruck, sie sei psychisch belastbarer geworden. Jedoch leidet etwa einer von zehn Befragten noch immer an körperlichen oder seelischen Folgen des Einsatzes.

Etwa jeder Fünfte des Kontingents hat sich den Ergebnissen zufolge unmittelbar nach der Rückkehr aus Afghanistan in ärztliche oder psychologische Behandlung begeben. Drei Jahre später gehen die berichteten Behandlungen deutlich auf 13 Prozent für Soldaten und 10 für Veteranen zurück. Weitere Analysen, so Seiffert und Hess, legen nahe, dass die nach dem Einsatz erhaltene medizinische und psychologische Hilfe wirksam war.

Die in Afghanistan schwer geforderten Einsatzkräfte nennen als häufigstes Risiko für eine gesunde Lebensführung nach ihrer Rückkehr vor allem „alltäglicher Stress und Hektik“. Drei Viertel der Befragten gaben dies so an. Faktoren wie Rauchen (14 Prozent), schlechte Ernährung (14), Bewegungsmangel (16) oder Alkoholkonsum (13) spielten eine wesentlich untergeordnete Rolle.

Die Forscher der Bundeswehr weisen aber darauf hin, dass 24 Prozent der Befragten, die drei Jahre später von einer bleibenden Verwundung oder einem andauernden gesundheitlichen Problem berichten, nach eigenen Angaben seit der Rückkehr aus dem Einsatz mehr Alkohol konsumierten.

Sie nennen es „schwerwiegend“, dass Wechselwirkungen zwischen einem bleibenden Leiden des Einsatzes und gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen nach der Rückkehr bestehen können, die die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen zusätzlich mindern. „Dieser Befund deutet auf einen größeren psychosozialen Unterstützungsbedarf speziell für Einsatzverwundete und deren Angehörige auch noch lange nach dem Einsatz hin.“

Bundeswehrsoldaten in einem Schützenpanzer Marder im Einsatz bei Char Darah in der Provinz Kundus im Jahr 2010. Quelle: dpa

Welche Auswirkungen hatte der Einsatz auf Familien oder Partnerschaften? Einen großen, geben die Befragten an. „Die Mehrzahl der Befragten und deren Familien haben die Schwierigkeiten fast drei Jahre später überwiegend gut bewältigt“, stellen die Soziologen in ihrem Forschungsbericht fest. Dennoch: Die Trennungsquoten lagen bei aktiven Soldaten drei Jahre nach Afghanistan bei 21 Prozent, bei Veteranen bei 28. Die höchsten Trennungsquoten gab es bei bis 25-Jährigen (42 Prozent) und 26- bis 30-Jährigen (38).

Die Bundeswehr bietet allen Einsatzkräften nach ihrer Rückkehr Unterstützung in vielen Lebensbereichen an. Jeder dritte Soldat und jeder zweite Veteran ist damit jedoch unzufrieden. Sie wünschen sich vor allem mehr Verständnis und Unterstützung von Vorgesetzten sowie von ihrer Einheit und mehr Hilfen für ihre Partner und Familien. Da aber nur vier von zehn Befragten überhaupt mehr Unterstützung einfordern, deutet vieles darauf hin, dass es eher um Qualität der Hilfen geht. Interessant: Während sich viele Soldaten „mehr Zeit“ für die Familie nach der Rückkehr aus dem Einsatz wünschen, vermissen Veteranen vielfach Austausch und Treffen mit Kameradinnen und Kameraden aus dem Einsatz.

Ein Fünftel redet nicht über Afghanistan

Vielen geht es dabei offenbar auch um das Verarbeiten des in Afghanistan Erlebten. Mehr als ein Fünftel (22 Prozent) der Befragten hat fast drei Jahre später niemandem von den Einsatzerlebnissen erzählt. 30 Prozent der Befragten reden ausschließlich im Kameradenkreis über die Gefahren des Einsatzes. Die Familie spielt mit 27 Prozent eine viel geringere Rolle als noch in der Zeit vor dem Einsatz, in der fast die Hälfte der Kontingentangehörigen angab, mit dem Partner oder der Familie über die möglichen Gefahren zu sprechen.

Trotzdem: Soldaten und Veteranen reden offenbar mehr über die Erlebnisse des Einsatzes, als dass sie schweigen. 22 Prozent der Befragten haben noch niemandem erzählt, was sie alles genau im Einsatz erlebt haben. Am häufigsten (36 Prozent) geben sie als Grund an, Partner und Familie nicht belasten zu wollen. Knapp ein Fünftel (insgesamt 18 Prozent) findet es schwer, überhaupt mit jemandem über die Erlebnisse zu sprechen. Etwa ein Viertel (27 Prozent) findet, dass ihnen das Gespräch über das Erlebte nicht hilft.

Verblüffend scheint, dass die Mehrheit der Soldaten und Veteranen zwar positiv einschätzt, dass der Einsatz zur Erweiterung persönlicher, interkultureller und militärischer Fähigkeiten und Kenntnisse beigetragen habe. Für das berufliche Fortkommen in der Bundeswehr war die Einsatzteilnahme aber offenbar eher folgenlos. Fast die Hälfte (48 Prozent) gibt an, die Teilnahme am Einsatz habe sie beruflich nicht weitergebracht. Lediglich ein Viertel sagt, dass Afghanistan zur Verbesserung der Karriereaussichten beigetragen habe.

Der Abstand zum Einsatz im Jahr 2010 fördert in der Studie bemerkenswerte Einstellungen der Soldaten und Veteranen zutage. 92 Prozent der Befragten gaben an, ihnen wäre der Rückhalt in der deutschen Bevölkerung wichtig gewesen. Demgegenüber hatten lediglich 18 Prozent das Gefühl, die deutsche Politik – die sie ja entsandt hatte – stünde hinter dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. 43 Prozent lehnte diese Aussage explizit ab, 39 Prozent zum Teil.

Robusterer Bundeswehr-Einsatz

Viele Soldaten und Veteranen (85 Prozent) glauben, dass am Hindukusch wieder Gewalt ausbricht, wenn die Armeen abziehen, etwas mehr als die Hälfte ist davon überzeugt, dass der Bundeswehr-Einsatz den Menschen in Afghanistan helfe. 39 Prozent fordert einen robusteren Einsatz der Bundeswehr – sie sollte häufiger mit Waffengewalt durchgreifen.

Die Einsatzkräfte von damals vermissen Anerkennung und Wertschätzung durch Politik (61 Prozent) und Bevölkerung (65 ). Dies sei, so die Studienautoren Seiffert und Hess, ein „für eine Parlamentsarmee besorgniserregender Befund“. Verschärfend komme hinzu, dass dieses Stimmungsbild die Einschätzungen der Befragten drei Jahre nach dem Einsatz wiedergebe, also lange nach der Integration in das Alltagsleben zu Hause. „Es ist somit kaum davon auszugehen, dass die von den Befragten geäußerten Meinungen affektiv, unter dem unmittelbaren Eindruck der Einsatzrealität in Afghanistan zustande kamen. Vielmehr sind diese Bewertungen das Resultat eines Verarbeitungsprozesses von Einsatzerfahrungen.“

Einfluss auf die Einsatzmotivation hat dies aber offenbar nicht: 68 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich freiwillig für einen weiteren Einsatz melden würden. 37 Prozent sogar gegen den Willen des Partners oder der Familie.

Hier die Studie im Original als PDF.

Von Thoralf Cleven/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Laut einer Umfrage gefällt es vielen jungen Menschen nicht, wenn hierzulande islamische Gotteshäuser gebaut werden: Ein Viertel der Unter-25-Jährigen gab an, Probleme mit neuen Moscheen in Deutschland zu haben. Mehr als die Hälfte klagt zudem über ein sprachliches Tabu.

02.03.2019

Verdi-Chef Frank Bsirske sprach kürzlich von „mafiösen Strukturen“ in der Paketbranche. Nun will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gegen die Missstände vorgehen. Das ist sein Plan.

02.03.2019

Die Überlebenden des großen Werftensterbens haben sich in die Spezialisierung gerettet. Kreuzfahrtschiffe aus Papenburg, U-Boote aus Kiel, Luxus-Jachten aus Bremen: Die Deutschen behaupten sich am Weltmarkt

02.03.2019