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07:20 30.10.2018
Angela Merkel gibt ihren CDU-Parteivositz ab Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
Berlin

Zehn Minuten braucht Angela Merkel, um 18 Jahre zu beenden. Aber innerhalb dieser zehn Minuten braucht es ein wenig Anlauf. Sie sagt nicht einfach: Ich trete zurück. Sie leitet her, sie erzählt eine Geschichte, und diese beginnt mit dem Begriff „die nackten Zahlen“.

Die nackten Zahlen aus Hessen nämlich seien enttäuschend, sagt Merkel und es gebe ein Problem, nämlich, dass das nicht das einzige sei. Da sei die Bundestagswahl, der Streit zwischen CDU und CSU, die lange Regierungsbildung, das Scheitern von Jamaika und nun diese Wahlergebnisse. Das Bild, das die Regierung abgebe, sei „inakzeptabel“. Da könne man nicht zur Tagesordnung übergehen.

Das mit der Tagesordnung hat sie schon öfters gesagt. Jetzt kommt aber ein neuer Satz: „Wir müssen innehalten.“ Auch sie persönlich betreffe das. Der Abschied von der Parteispitze gehöre dazu. „Es ist Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.“ Und bei der nächsten Bundestagswahl werde sie nicht erneut als Kanzlerkandidatin antreten. Ihre Stimme ist fest; aber das, was sie sagt, hat sie vor sich auf Papier stehen. Auch Merkel braucht in den historischen Momenten ein Gerüst zum Festhalten.

Während sie vorträgt, blicken Parteifreunde von den Balkonen des Konrad-Adenauer-Hauses in den Innenhof hinunter und schweigen. Es scheint, als gebe es keine spontane, angemessene Emotion für das, was sich gerade abspielt. Denn hier geht an diesem Montag um halb zwei mittags ein Stück deutscher Geschichte zu Ende.

Im Dezember 2018 gibt Angela Merkel den CDU-Parteivorsitz ab. Ihre Nachfolger haben sich bereits positioniert – so wie sie damals im Jahr 2000 als sie an die Spitze der Christdemokraten trat. 18 Jahre Merkel-Vorsitz in Bildern.

Mit der Ankündigung des Rückzugs von Angela Merkel beginnt die Schlussphase einer Epoche. Angela Merkel ist für die heute 20-Jährigen das, was Helmut Kohl für die 40-Jährigen war: die einzige Kanzlerin, die man kennt. Auf Merkels ersten internationalen Gipfeln saßen noch Bush, Chirac und Blair und in den folgenden Jahren viele weitere Namen. Es schien zwischenzeitlich, als würden alle irgendwann gehen. Nur Merkel nicht.

Spätestens seit der vergangenen Bundestagswahl hat sich dieser Eindruck verändert. Schon nach der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 schien Merkel plötzlich nicht mehr unangreifbar. Aber die Auseinandersetzungen dieses Jahres und der Absturz der Union in den Umfragen und schließlich bei den Landtagswahlen hat Merkel und die Sicht auf sie verändert. Es schien zuletzt keinen Weg ins sanfte Fahrwasser für sie mehr zu geben. Die Kanzlerin, die nie polarisieren wollte, war plötzlich im Mittelpunkt jeder Auseinandersetzung.

Jetzt, nach den neuerlichen Verlusten bei der Landtagswahl in Hessen hat Merkel die Konsequenzen öffentlich gemacht. Getroffen habe sie die Entscheidung schon vor der Sommerpause, sagt sie.

Der Abschied hat zugleich die Debatte um die Nachfolge eröffnet. Noch am Montag kündigten Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn ihre Kandidatur für den CDU-Vorsitz an, auch der frühere Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz will kandidieren.

Angela Merkel gibt ihr Amt als Parteivorsitzende der CDU ab. Wer sie beerbt, ist noch unklar. Wird es die bisherige Generalsekretärin Annegret Kamp-Karrenbauer? Der junge und umtriebige Gesundheitsminister Jens Spahn? Oder gar jemand ganz anderes? Aspiranten gibt es jedenfalls genug.

Der Union steht damit die Auseinandersetzung verschiedener Politikentwürfe und Strömungen bevor. Sie waren zuletzt auch die Pole der Auseinandersetzungen der Union insgesamt. Merkel hat die Partei so weit in die Mitte gerückt wie niemand vor ihr und damit zugleich das Entstehen einer Partei rechts der Union zugelassen. Merkel glaubt an den Weg der Mitte, doch tut die Union das auch? Oder setzt sich ein konservativerer Kurs durch? Was bleibt also nach 18 Jahren von Angela Merkel?

Wer ein Gefühl dafür haben will, wie weitreichend die Entscheidung des Montags ist, der muss mit dem Fahrstuhl auf die Galerie des Adenauer-Hauses in den fünften Stock fahren. Hier in der Parteizentrale am Berliner Tiergarten hängt die Ahnengalerie der CDU-Vorsitzenden, es ist eine überraschend kurze Fotoreihe. Gerade sechs Köpfe hängen hier, vier davon waren Kanzler. Der Eindruck der Galerie ist: Wer CDU-Chef wird, der ist irgendwann auch Regierungschef. Rainer Barzel, der Chef der frühen Siebzigerjahre und Wolfgang Schäuble, der über die Parteispendenaffäre stürzte, wirken wie historische Ausrutscher.

Es war ein schwieriges Jahr für Angela Merkel

Angela Merkels Bild hängt noch nicht in dieser Ahnenreihe, doch bald ist auch sie eine Ehemalige. Ein schwieriges Jahr liegt hinter ihr. Spät hatte sie sich für eine erneute Kandidatur zur Bundestagswahl 2017 entschieden. Vielleicht hätte sie auch gerne aufgehört. Aber Donald Trump hatte gerade die US-Wahl gewonnen. Die Union hatte sich in der Flüchtlingspolitik zerlegt und die Risse waren nicht gekittet. Großbritannien hatte sich für einen EU-Austritt entschieden. Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein, das waren die Vokabeln, die im Merkellager oft gewählt wurden.

Es folgte ein brutaler Bundestagswahlkampf. „Merkel muss weg“, brüllten Pegida- und AfD-Anhänger, wo immer die Kanzlerin auftauchte. Die Trillerpfeifenkonzerte machten die Veranstaltungen so unerträglich, dass die Landtagswahlkämpfer in diesem Jahr sich bei ihren großen Kundgebungen gegen öffentliche Plätze entschieden. Mühsam hatten sich CDU und CSU zu einem Kompromiss in der Flüchtlingspolitik zusammengerauft, doch der hielt nicht lange. Die Union gewann die Wahl, allerdings mit einem schlechten Ergebnis, ein Absturz um neun Prozentpunkte im Vergleich zur Wahl 2013.

Sechs Monate dauerte die Regierungsbildung. Die FDP ergriff nach vier Wochen Jamaika-Verhandlungen die Flucht und gab dafür Merkel die Schuld. Um doch noch eine Regierung mit der SPD bilden zu können, verzichtete Merkel auf wichtige Ministerien. Von einem „neuen Zusammenhalt“ für die Gesellschaft sprach Merkel, als sie dann im März endlich wieder als Kanzlerin vereidigt war. Davon war wenig zu spüren: Kurze Zeit später war der nächste Streit mit der CSU da, und der wurde existenziell.

Die uneitle Kanzlerin Merkel kennt keinen Stolz

Im Sommer dieses Jahres hatte die CSU ihr Stichwort „Obergrenze“ gegen das der „Zurückweisungen an der Grenze“ getauscht. Die Fraktionsgemeinschaft der Union stand auf der Kippe, Seehofer griff Merkel persönlich an: Mit dieser Frau könne er nicht mehr arbeiten. Wenn man Merkel glaubt, hat sie irgendwann in dieser Zeit entschlossen, nicht wieder anzutreten.

Es lief irgendwie alles nicht mehr so, wie Merkel sich Politik vorstellte. In 13 Jahren an der Regierungsspitze ist die 64-Jährige stets eine Moderatorin geblieben, die Konflikte oft deshalb gewann, weil ihr Dinge keine Schmerzen bereitet haben, die bei anderen Gesichtsverlust bedeutet hätten. Aber die uneitle Kanzlerin Merkel kannte keinen Stolz, sie hat immer nach Lösungen gesucht.

Es ist ein Prinzip, mit dem Merkel in Reihe gesellschaftliche Großkonflikte gelöst hat, wie den Ausstieg aus der Atomenergie oder die gleichgeschlechtliche Ehe. Aber auf dem Weg dahin hat sie die Verbindungen zum konservativen Kern ihrer eigenen Partei so lange gedehnt, bis die Verbindung abriss. Mit dem Montag hat nun die nächste Etappe begonnen: Die endgültige Trennung. Für die CDU soll es zugleich ein Neuanfang werden.

Merkels Erbe wird im Duell verhandelt

Und der ist mit neuen Personen verbunden. Im Parteivorstand kündigt am Montag als erstes Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer ihre Kandidatur für die Merkel-Nachfolge an. Erst seit einem guten halben Jahr ist sie im neuen Amt, schon das war ein Coup. Kramp-Karrenbauer verzichtete für den Posten auf ihren Job als saarländische Ministerpräsidentin – rangmäßig ein Abstieg, aber die Unzufriedenen in der CDU fühlten sich gebauchpinselt. Sie jubelten „AKK“ auf dem Parteitag zu. „Ich will, ich kann, ich werde“, rief sie prophezeiend. In den Monaten danach ging sie auf Tour durch die Kreisverbände: „Zuhörtour“ nannte sie das und erklärte, sie wolle die Debatte um das neue Grundsatzprogramm vorbereiten. Tatsächlich war es auch eine Werbetour.

Die hat Jens Spahn auch hinter sich, auf andere Weise. Er tourte durch Wahlkampfländer, als hätte er nicht nebenher auch noch den Job als Gesundheitsminister. In den vergangenen Jahren hatte der Münsterländer sich als Sprecher der CDU-internen Gegner Merkels etabliert, mit massiver Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik und einem dezidierten Blick aufs unzufriedene konservative Lager. Es hat ihm nicht nur Freunde eingebracht.

Und Friedrich Merz? Abwartende, zweifelnde Worte gibt es da aus den CDU-Reihen. Kein Aufbruch sei das, sagt ein Vorstandsmitglied. „Er ist ja ungefähr genauso alt wie Merkel“. Ein anderer bemerkt: „Ein Parteivorsitzender muss mit der Kanzlerin harmonieren, sonst wir es noch schlimmer.“ Ein dritter sagt: „Wir haben keinen Personalmangel. Die CDU ist schon gut aufgestellt“ – auch ohne einen Altvorderen wie Merz zu reaktivieren, soll das heißen. Es gibt aber auch die, die abwarten, wie die Lage sich entwickelt. Nicht zu früh festlegen, nicht im falschen Lager landen, vielleicht ist das die Strategie.

Eine, einer der drei wird es womöglich werden. Merkel hält sich raus, aber sie weiß, ihr Erbe wird in dem Duell verhandelt. Setzt sich ihre Kandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer durch, wäre es eine enorme Bestätigung ihrer Arbeit, ihrer Positionen. Doch vielleicht ist genau das auch ein Hindernis.

Früh am Montag herrscht vor der CDU-Zentrale ein gespanntes Schweigen. Noch hat Merkel nichts verkündet, noch ist der Tag nicht historisch.„Ich halte viel davon, dass Merkel nochmal antritt“, sagt EU-Kommissar Günther Oettinger in ein Mikrofon. „Der Parteivorsitz ist eine hervorragende Ergänzung zum Kanzleramt“, sagt Oettinger.

Ein paar Minuten später verkündet die Kanzlerin drinnen ihren Beschluss. Eine neue Zeit beginnt, doch keiner scheint schon zu wissen, wo sie hinführt.

Von Gordon Repinski und Daniela Vates

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