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Politik im Rest der Welt Corbyn hofft auf Sieg im Endspurt
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21:14 03.06.2017

„Strong and stable“ – stark und stabil lauten die Schlüsselbegriffe in den Reden der britischen Premierministerin und Tory-Chefin Theresa May. Stark und stabil müsse die Regierung die Nation durch den Dornenwald der Brexit-Verhandlungen mit der EU führen, manche nennen May ob der Penetranz ihrer Redeinhalte schon „Maybot“. Doch löste May Mitte April das Unterhaus auf und setzte für den 8. Juni Neuwahlen an.

Labour rückt in Umfragen an Theresa Mays Tories heran: Wird Wahl am Donnerstag doch noch spannend?.

Bei den Wählern kam das an – zunächst. Über 20 Prozentpunkte lag ihre Konservative Partei Mitte April vor der oppositionellen Labour Party und deren Chef Jeremy Corbyn, dank Mehrheitswahlrecht wäre es eine satte absolute Mehrheit der Mandate gewesen.

Doch inzwischen fühlt sie „the Corbyn“ – ein Wortspiel in Anlehnung an die Kampagne des von der eigenen Partei ausgebremsten US-Demokraten Bernie Sanders „Feel the Bern“. Der Vorsprung ist geschrumpft (siehe Zusatztext). Ein möglich scheinendes Patt würde zwar für Labour noch keine eigene Mehrheit bringen – doch wäre es ein kräftiger Achtungserfolg für Corbyn und ein dicker Strich durch die Rechnung von Theresa May. Die müsste sich einen Regierungspartner suchen und wäre alles andere als „strong and stable“ im Brexit-Gefeilsche.

Dabei setzt sie auf den Brexit als wichtigste Trumpfkarte, um „die herausforderndsten Jahre, denen sich Großbritannien während meiner Lebenszeit je ausgesetzt sah“, meistern zu können. Schließlich werde der Austritt aus der EU „Großbritanniens Zukunft definieren: unseren Platz in der Welt, unsere wirtschaftliche Sicherheit und unseren zukünftigen Wohlstand“. Vor allem weniger Einwanderung verheißt das auf sie zugeschnittene Programm, sie verspricht eine Zuwanderungs-Obergrenze von netto 100000 pro Jahr. Die soll auch für Zuwanderer aus der EU gelten – derzeit leben 3,2 Millionen EU-Ausländer in Britannien, viele davon stammen aus Polen.

Über das Kleingedruckte redet sie eher verhalten. Sie will das Land in eine „Meritokratie“ verwandeln, eine Gesellschaft, in der jeder so weit wie möglich kommen könne. Allerdings fordert sie ihren Preis: Das bisher kostenlose Mittagessen für Schüler soll durch ein für den Staat billigeres Frühstück ersetzt werden, Renten sollen weniger berechenbar steigen, ältere Briten sollen mehr für ihre Sozialfürsorge berappen oder sie, falls durch Immobilien vermögend, völlig selbst tragen. „Mayism“ nannten das englische Kommentatoren.

Corbyn hingegen, von den Anhängern der alten Blair-Programmatik des „Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz“ nur zähneknirschend ertragen, will „Labour wieder zu Labour“ machen, schrieb die „Zeit“.

Entsprechend „links“ fiel Corbyns Programm aus, mehr Staat, Entprivatisierung, bessere Sozialversorgung, auch das weltweite britische Militär-Engagement steht zur Disposition.

Zum Erstaunen der überwiegend Corbyn-kritischen Presse punktet Labour seither in den Umfragen. Besonders die jungen Leute interessieren sich dafür. Bei Wählern unter 50 läge Corbyn klar vorn, ältere Briten hingegen votieren für die Tories. Die setzen darauf, dass die Jungen weniger wahlfreudig sind, wie schon bei den Brexit-Wahlen. Ältere hingegen wählen zuverlässiger.

Damit das nicht wieder geschieht, bringt sich die Labour-nahe Organisation „Momentum“ ein, von der britischen Presse so skeptisch beäugt wie Corbyn. Kein Wunde: Sie gründete sich 2015, um Corbyn im Kampf um die Labour-Spitze zu unterstützen. Momentum bezeichnet sich als „Basis-Kampagnen-Netzwerk“ und orientiert sich an der Sanders-Kampagne, die vor allem Jüngere mobilisierte und den „Häuserkampf“ antreibt, die Von-Haus-zu-Haus-Bearbeitung der Wähler.

„Ein Grund dafür, dass Labour und viele sozialdemokratische Parteien ein Problem haben, ist, dass sie den persönlichen Kontakt zu den Leuten verloren haben, die sie repräsentieren sollen“, glaubt Momentum-Koordinatorin Rachel Wood. Sanders-Kampagneros schulen nun auch die Straßenwahlkämpfer in England. Die Aufholjagd in den Umfragen spornt sie an. Vielleicht, so hoffen sie, kann Corbyn ja tatsächlich eine Art Trump-Effekt erzeugen: Auch der jetzige US-Präsident lag kurz vor dem Wahltag noch hinten.

Tories verlieren in Umfragen erheblich – aber ihre Kandidatin wird von den Briten bevorzugt

Wenige Tage vor der britischen Parlamentswahl ist der Vorsprung der regierenden Konservativen vor der Labour-Partei stark geschrumpft. Die Tories von Premierministerin Theresa May liegen nach einer Umfrage des britischen ORB-Instituts lediglich sechs Prozentpunkte vor Labour. Die Konservativen kamen auf 44 und Labour auf 38 Prozent. Bei „YouGov“ waren es noch fünf.

Befragungen durch vier andere Meinungsforschungsinstitute ergaben allerdings einen größeren Abstand von 7 bis 14 Prozentpunkten. Im April hatten die Konservativen aber noch mit über 20 Prozentpunkten vorn gelegen.

Die Umfragen haben aber Haken: May wird von vielen Briten für den besseren Premier gehalten; sie trauen das Amt Corbyn nicht zu. Außerdem gibt es ein reines Mehrheitswahlrecht. Nur wer in seinem Wahlkreis mehr Stimmen auf sich vereint als jeder der Mitbewerber erhält einen Sitz im Parlament. Es gibt 650 Wahlkreise.

Die Liberaldemokraten kamen in den Umfragen auf 7 bis 9 Prozent, die EU-feindliche Ukip auf 4 bis 5. Alle Befragungen erfolgten nach dem Terroranschlag von Manchester.

Michael Wittler

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