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Politik im Rest der Welt Der Papst rüttelt die Kirche auf
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02:15 21.09.2013
Bei den Gläubigen beliebt: Jetzt sorgt Papst Franziskus (76) in der katholischen Kirche für Aufsehen. Quelle: Foto: AFP

Jorge Mario Bergoglio liebt offene Worte. Er nimmt also kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine katholische Weltkirche geht: In seinem ersten großen Interview verlangt Papst Franziskus nicht weniger als eine Wende — die Kirche solle sich nicht länger in die heiklen Fragen der Schwulenehe, der Scheidung, Abtreibung oder Verhütungsmethoden verbeißen. Seine Herde der knapp 1,2 Milliarden Katholiken, so mahnt es der Papst an, müsse vielmehr missionarisch sein, offen, sich vor allem auch um das Wohl der Menschen, also der Sünder, kümmern:

„Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht.“ Die Losung des Papstes heißt dabei schlicht und einfach: „Die Wunden heilen, die Wunden heilen ... man muss unten anfangen.“

Der 76 Jahre alte Papst entpuppt sich mehr und mehr als ganz großer Kommunikator mit einem ganz großen Auftrag. Erst wenn diese „sozialen Wunden“ geheilt sind, „dann können wir von allem Anderen sprechen.“ Tenor also: Nicht andere verurteilen, vielmehr ihre Herzen erwärmen. Und damit ist der Kurswechsel einer teils dümpelnden Weltkirche dringend angemahnt: „Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschließen lassen, in kleine Vorschriften.“

„Revolutionäre Worte“ sieht der rechtsliberale Mailänder „Corriere della Sera“ in diesem Versuch des Pontifex, seine an der Spitze verkrustete Kirche wachzurütteln. Franziskus reißt dabei die bekannten konservativen Dogmen der Kirche nicht ein, er praktiziert aber einen neuen Stil.

Wenn der Argentinier auf dem Stuhl Petri von Schwulenehe oder Scheidung spricht, dann ist das noch keine Umkehr von katholischen Lehren, sehr wohl aber der offensive Ruf nach einer Umgewichtung: „Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden.“ Das geht nicht mehr, hält der Jesuit im Interview mit jesuitischen Zeitschriften fest. Katholische Seelsorge dürfe heutzutage schlichtweg nicht mehr davon besessen sein, eine Menge Lehren unterschiedslos aufzudrängen. „Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit.“ Das ist einer der vielen Sätze, mit denen der Papst zu einer neuen Haltung aufruft, damit das moralische Haus der Kirche nicht wie ein Kartenhaus zusammenfalle. Er will eine aktive, tiefe und ausstrahlende Verkündigung des Evangeliums. Die Gläubigen wollten Hirten, keine „Funktionäre oder Staatskleriker“ — eine harsche Kritik vor allem an der Kurie in Rom, die er noch reformieren will.

Vonnöten ist eine nach vorne gerichtete Vision, die dem Einzelnen Freiheit lässt statt ihn mit katholischen Vorschriften praktisch zu umzingeln: „Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.“ Wieder so ein markanter Papst-Satz, mit dem Bergoglio seiner Kirche nun neue Wege, neue Räume auftun will.

Er war gewählt worden als ein Papst, der aus dem fernen Argentinien in das ihm kaum vertraute Rom kam, um von seiner Kirche — und ausdrücklich auch von den Bischöfen — nachdrücklich Mut und Kühnheit anzumahnen. „Wer in übertriebener Weise die ,Sicherheit‘ in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärtsgewandte Vision.“ Die verwirft der Papst aus Buenos Aires entschieden.

Ein Monarch im Hofstaat Vatikan will dieser Papst bei alledem nicht sein, und seine Kirche hat er schon ein gutes Stück entstaubt.

Im Wortlaut
Schwulenehe und Verhütung: „Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kontext beachten. Man kennt ja übrigens die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche. Aber man muss nicht endlos davon sprechen.“


Schwule und soziale Wunden: „In Buenos Aires habe ich Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die ,soziale Wunden‘ sind, denn sie fühlten sich immer von der Kirche verurteilt. Aber das will die Kirche nicht. Auf dem Rückflug von Rio de Janeiro habe ich gesagt, wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt. Die Religion hat das Recht, die eigene Überzeugung im Dienst am Menschen auszudrücken, aber Gott hat sie in der Schöpfung frei gemacht: Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben. Man muss immer die Person anschauen.“

Hanns-Jochen Kaffsack

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