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Politik im Rest der Welt „Deutschland muss eine Führungsrolle übernehmen“
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16:56 14.10.2017
Lord Stephen Green Quelle: dpa

Herr Green, Sie haben auf 294 Seiten eine Liebeserklärung an Deutschland verfasst. Nun sorgte die Bundestagswahl und der Erfolg der Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland für Entsetzen, auch im Ausland herrschte Verblüffung. Hat Ihre Zuneigung gelitten?

Der Aufstieg der AfD ist sicherlich etwas, das man zur Kenntnis nehmen muss. Gleichwohl sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass sie knapp 13 Prozent der Wahlstimmen bekommen hat und nicht 25. Niemand wird außerdem eine Koalition mit ihr eingehen. In anderen europäischen Ländern sind die rechtspopulistischen Parteien weitaus stärker. Ich interpretiere die Wahl keinesfalls so, dass die langjährige Nachkriegs-Tradition einer politischen Mitte plötzlich verloren gegangen ist. Es gibt sicherlich Probleme bei der Art und Weise, wie die Ost-West-Integration funktioniert. Aber meiner Meinung nach muss man sich nicht plötzlich um das gesamte deutsche Selbstverständnis sorgen. Das wäre übertrieben.

Sie fordern, dass Deutschland in Europa eine stärkere Führungsrolle übernehmen sollte. Warum?

Deutschland findet sich auf der Kommandobrücke des Europäischen Projekts wieder. Es ist unvermeidlich, denn es ist das größte Land, hat eine sehr erfolgreiche, starke Wirtschaft und liegt zentral. Für Europa stellt sich die Frage, wie es sich auf geschlossene Weise auf der Weltbühne präsentiert und was es offeriert. Sind wir nur ein hochentwickelter Markt mit interessanten Reisemöglichkeiten oder steht Europa für etwas auf der Weltbühne? Es geht um die europäische Identität und in diesem Zusammenhang ist Deutschlands Weg äußerst bedeutend. Während im Königreich tragischerweise viele Menschen das Gefühl haben, dass sie nicht Briten sind, wenn sie sagen, sie seien Europäer, sind für Deutsche viele Schichten von Identität möglich. Dieser Umstand ist historisch bedingt und tief verwurzelt. Man kann Bayer, Deutscher und Europäer sein. Außerdem sollte man sich mit dem Nachkriegsphänomen in Deutschland befassen und es als Erfolgsgeschichte feiern.

Was meinen Sie konkret?

Da ist zum einen natürlich die Wirtschaft. Aber zwei andere Dinge werden weniger betont. Politisch hatte die Bundesrepublik bei ihrer Gründung 1949 keinerlei Erfahrung mit einer funktionierenden Demokratie. Heute ist das Land eine der stabilsten Demokratien auf diesem Planeten. Die Tatsache, dass die AfD auf 13 Prozent kommt, heißt nicht, dass die Mitte auseinanderfällt. Es ist eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte und eine, die unbestritten ist. Keine bedeutende Stimme fordert die Abschaffung der Demokratie. Und sie sah sich mit enormen Herausforderungen konfrontiert, wie etwa der Wiedervereinigung. Zudem muss man natürlich den Prozess der Vergangenheitsbewältigung bewundern.

Warum?

Er ist ein außerordentliches Beispiel für die Welt. Deutschland hat eines gezeigt: Wenn man die eigene Vergangenheit aufarbeitet, dann ist das schmerzhaft und eine Gewissensprüfung. Aber es ist unverzichtbar, um ein widerstandsfähiges, modernes Selbstbewusstsein und eine Ehrlichkeit zu sich selbst zu etablieren. Wenn man das mit Japan, Russland oder den Briten vergleicht, dann ist die deutsche Erfahrung bemerkenswert und ein einzigartiges Merkmal der modernen Weltgeschichte. Großbritannien hat sich seiner Vergangenheit nicht in dem Maße gestellt und mangelnde Aufarbeitung hat eben auch zum Brexit beigetragen.

Wie bewerten Sie das britische Votum zum EU-Austritt?

Es ist eine Entscheidung, die ich persönlich zutiefst bedaure. Aber sie kam nicht von ungefähr. Zum einen zeigt sie, wie tief gespalten das Land ist. Zum anderen ist sie das Ergebnis eines jahrzehntelangen Scheiterns der politischen Klasse, die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, sich den Wirklichkeiten über die eigene Rolle in der Welt zu stellen. Das begann schon nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Briten weigerten, an den damaligen Debatten auf europäischer Ebene teilzunehmen und lieber am Seitenrand standen. Seit 70 Jahren hat die politische Klasse das Unvermeidliche nicht anerkannt und war im Denken oft sehr rückwärtsgewandt.

Bald tritt Großbritannien aus. Und dann?

Mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien hatten wir ein Dreieck, das eine effektive Führung Europas geboten hat und im Großen und Ganzen stabil war. Das heißt nicht, dass alle einer Meinung waren, aber mit der Balance aus französischem Rationalismus, britischem Pragmatismus und deutschen Visionen wurde der Ball am Rollen gehalten. Ohne Großbritannien wird das Dreieck durch eine Achse ersetzt und weil mit Frankreich das eine Ende schwächer ist, muss Deutschland die Führungsrolle in der Weiterbildung des europäischen Projekts übernehmen.

Die Deutschen scheinen sich aber nicht sehr wohl bei diesem Gedanken zu fühlen.

Und das aus offensichtlichen Gründen. Deutschlands Position in Europa war sowohl für Europa wie auch für Deutschland lange Zeit eine Herausforderung. Trotzdem, die objektiven Realitäten kann man nicht verleugnen. Die Nervosität in den deutschen Köpfen ist präsenter geworden, weil die Franzosen bis vor kurzem relativ schwach waren und ihre Rolle, sich an der Last der Führung zu beteiligen, nicht ausreichend ausgefüllt haben. Das könnte sich mit Macron nun ändern. Die Briten haben sich derweil entschlossen, auszuscheiden. Die Konsequenzen sind leider, dass sich Deutschland auf der Kommandobrücke alleine fühlen wird.

Man würde ein solches Buch nicht unbedingt von einem Briten erwarten. Woher stammt die Bewunderung ?

Mich hat Deutschland schon immer fasziniert, seit ich mit 14 Jahren angefangen habe, diese großartige Sprache zu lernen. Seitdem war ich oft da, wegen der Arbeit, Urlaub und vielen Freunden. Es ist ein wunderschönes Land. Als Reiseziel wird es meines Erachtens nicht genügend vermarktet, vor allem der Osten nicht. Berlin ist meine zweitliebste Stadt, nach London natürlich. Ich hoffe, dass London aufgrund des Brexit nicht einen Teil seines Glanzes verliert. Berlin dagegen wird immer besser und besser und ist heute eine der liebsten Ziele für Junggesellenabschiede. Die Flugzeuge nach Deutschland sind immer brechend voll mit jungen Briten.

Von Katrin Pribyl/RND

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