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Politik im Rest der Welt Die Frau, die Erdogan herausfordert
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20:19 28.10.2017
Ankara

Aksener will sie bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2019 Staatschef Erdogan herausfordern. Auf Zurufe ihrer Anhänger, die sie in Ankara bereits als zukünftige Ministerpräsidentin feierten, betonte Aksener: „Ich werde Staatspräsidentin“. Sie sagte, die Demokratie in der Türkei sei „bedroht“. Ihre Partei Iyi Parti, zu Deutsch etwa „gute Partei“, werde wieder für Gerechtigkeit sorgen.

Aksener war früher Abgeordnete der ultranationalen Oppositionspartei MHP, hatte sich aber mit Parteichef Devlet Bahceli überworfen. Sie ist im Gegensatz zu Bahceli eine scharfe Kritikerin Erdogans.

Beim Verfassungsreferendum im April zum Präsidialsystem warb sie für ein „Nein“. Zahlreiche MHP-Mitglieder schlossen sich ihr bereits an.

Die 61-Jährige ist im westtürkischen Kocaeli geboren. In den 90er Jahren war sie kurzzeitig Innenministerin unter dem islamistischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan. Ein durchweg säkularer Gegenentwurf zu Erdogans zunehmend frömmlerischer Retro-Politik wäre sie wohl eher nicht. Das Brüsseler Magazin „Politico“ nannte Aksener gar eine türkische Version von Marine Le Pen. „Eine Schande“

sei es, wenn die kurdische Flagge in der Türkei wehe, sagte sie einmal, niemals dürften die türkischen Truppen aus Zypern abziehen.

Die Zitate sind Programm: Aksener gilt als Muslimin ohne Kopftuch-Begeisterung, als glühende Verfechterin einer starken Türkei und eines einheitlichen Volkes. „Wölfin“ nennen Medien die Politikerin gerne in Anlehnung an die ultranationalistischen Grauen Wölfe, denen die Parteigründerin laut Berliner „Tagesspiegel“ nahesteht.

Das Berliner Blatt berichtet auch über einen offenkundigen Spagat zwischen traditionalistischer Strenge und Öffnungs-Bestrebungen. So will die Partei das autokratische Präsidialsystem wieder abschaffen und durch das alte parlamentarische System ersetzen. Das Militär soll wieder dem Verteidigungsminister und nicht dem Präsidenten unterstellt werden. Mehr noch: Die mächtige Religionsbehörde Diyanet, die vor allem den sunnitischen Islam vertritt, soll sich auch anderen Strömungen der Religion öffnen. Frauenrechte sollen erweitert werden.

Dass der Wölfin so das Kunststück gelingen könnte, eine für moderatere Religiöse und Patrioten annehmbare echte Alternative zur AKP zu schaffen, scheint auch das Erdogan-Lager nicht auszuschließen:

„Sie ist die letzte Hoffnung der Gülenisten“, schmähen regierungsnahe Medien zwei Jahre vor den nächsten Wahlen unter Bezugnahme auf den Erzfeind und US-Exilanten Gülen die „Wölfin“. „Die Iyi Parti ist in einer besseren Lage als alle Parteien seit 2001, um die konservative Mehrheit anzusprechen und es mit Erdogans AKP aufzunehmen“, glaubt auch der britische Türkei-Kenner Michael Daventry.

Eine Niederlage gegen eine starke Frau wäre vermutlich eine der schlimmstmöglichen Demütigungen für den Polit-Macho Erdogan. Kampflos dürfte er so etwas nicht hinnehmen.

LN

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