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Die Gegen-Alle-Kandidatin

Moskau Die Gegen-Alle-Kandidatin

Wladimir Putin regiert Russland seit inzwischen 17 Jahren – abwechselnd als Premierminister und als Präsident, um so formal das Verfassungsgebot auszuhebeln, dass ein Präsident nur zwei aufeinander folgende Amtszeiten amtieren darf. Im Frühjahr wird in Russland nun erneut gewählt. Ein „It-Girl“ aus Russlands Elite will dabei Putin herausfordern.

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Medienwirksam: Die Journalistin Xenia Sobtschak fällt bei öffentlichen Auftritten in Russlands politischer Männerwelt auf.

Quelle: Foto: Ivan Sekretarev/ap/dpa

Moskau. Xenia (manchmal auch als „Ksenia“ transkribiert) Sobtschak ist 35, Tochter des früheren und einst auch im Westen als Hoffnungsträger geschätzte Leningrader/Petersburger Reformbürgermeisters Anatoli Sobtschak und galt einmal als „russische Paris Hilton“, von Beruf Tochter und berühmt, weil sie berühmt ist. Sie räkelte sich als Model spärlich bekleidet vor Kameras, sann in einer Badewanne über Selbstbefriedigung nach, ergatterte schließlich die Moderation der auch im Osten Europas populären russischen „Big-Brother“-Version und stellte sich in einer Dokusoap dar.

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Wladimir Putin regiert Russland seit inzwischen 17 Jahren – abwechselnd als Premierminister und als Präsident, um so formal das Verfassungsgebot auszuhebeln, dass ein Präsident nur zwei aufeinander folgende Amtszeiten amtieren darf. Im Frühjahr wird in Russland nun erneut gewählt. Ein „It-Girl“ aus Russlands Elite will dabei Putin herausfordern.

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Politisch fiel das vermeintliche Mitglied der „Goldenen Jugend“ lange Zeit nicht auf, jener jungen Generation aus der neuen russischen Elite, die auf mitunter intransparenten Wegen ihr Vermögen machte und die postsowjetische Gesellschaft und gelegentlich auch westliche Profifußballvereine dominiert. Erst 2011 mischte sie sich vernehmlich unter regierungskritische Demonstranten, die gegen vermeintliche Wahlfälschungen auf die Straße gingen.

Schon damals, wie auch jetzt wieder, wurde der Absolventin der elitären Moskauer Diplomatenschule MGIMO dieses politische Engagement nicht von allen abgenommen, Sobtschak wurde auf Demos ausgebuht, verwies im Gegenzug auf ihre privilegierte Position in Russlands Medienlandschaft: „Ich habe etwas zu verlieren.“ Wohl nicht ganz falsch: Immerhin wird ihr ein Jahresverdienst von über einer Million Dollar zugeschrieben.

Auch nach ihrem in ihrer Bewerbung am Küchentisch in einem Internet-Auftritt jüngst vorgetragenen flammenden Appell für echten Wettbewerb bei den Präsidentenwahlen gibt es Zweifel an der angeblich kremlkritischen und gut informierten Journalistin, zu der sie sich in den vergangenen Jahren beim Internet-Sender „Doschd“ mauserte: Ihre Kandidatur sei mit dem Kreml angesprochen, sie sei eine Pseudo-Kandidatin, lauten die Vorwürfe. Das kritische Portal newtimes.ru ätzte: Die vom Kreml gewünschte liberale Oppositionelle „soll die Aufmerksamkeit der liberalen Wählerschaft erregen“ – und damit auch die Kandidaten der Kommunisten und der Liberaldemokratischen Partei (LDPR) in Schach halten, die seit vielen Jahren verlässlich Putins ernsthaftere Rivalen stellen. Gemeint sein dürfte in erster Linie der in dieses System noch nicht eingegliederte Andrej Nawalny, der sich als Anti-Korruptions-Ikone inszeniert, landesweit Wahlbüros eröffnet und aus verschiedenen Anlässen mehrfach in Haft kam – weshalb er Schwierigkeiten mit der offiziellen Zulassung als Gegenkandidat für Putin bekommen dürfte. Dass Nawalny vor vier Jahren bei Bürgermeisterwahlen in Moskau mehr als ein Viertel der Stimmen erhielt, dürfte im Putin-Lager zusätzlich für Unruhe sorgen.

Xenia Sobtschak holt grundsätzlich aus: Junge Leute hätten seit Jahren immer nur dieselben Politiker zur Auswahl „Ich bin dagegen. Ich möchte die Möglichkeit zurückbringen, gegen alle zu stimmen“, sagte sie. Diese Möglichkeit war bis 2006 auf den Wahlzetteln vorgesehen, wurde dann gestrichen.

Pikant: Xenias Vater Anatoli Sobtschak gilt als politischer Ziehvater von Wladimir Putin, er hatte Putin in den 1990er Jahren zu seinem Stellvertreter als Stadtoberhaupt gemacht, von dort aus startete der frühere KGB-Mann seine bislang höchst erfolgreiche politische Karriere. Auch soll er die Patenschaft für die Sobtschak-Tochter übernommen haben.

Putin hat selbst noch nicht öffentlich gesagt, ob er wieder antreten wird, jedoch gehen fast alle davon aus. Offiziell müssen die Kandidaten bis Dezember aufgestellt werden. Bislang haben unter anderem der Nationalpopulist Wladimir Schirinowski von der LDPR sowie Grigori Jawlinski von der liberalen Oppositionspartei Jabloko ihre erneuten Kandidaturen erklärt. Die LDPR gilt als „systemnahe Opposition“. Die Kommunistische Partei (KPRF) ist noch unentschieden. Ihr Dauer-Kandidat Gennadij Sjuganow (inzwischen 73) könnte dem 62-jährigen Walerji Raschkin den Vortritt lassen, dem ersten Sekretär der KPRF in Moskau.

Wie weit Nawalny im Rennen um das höchste Staatsamt kommt, bleibt abzuwarten. Gerade erst hat Wahlleiterin Ella Pamfilowa bekräftigt, dass sich Nawalny wegen der Verurteilungen nach aktuellem Stand erst ab 2028 zur Wahl stellen könne.

Wie sehr Sobtschak und Nawalny im Fall des Falles als Kandidaten aneinander geraten, ist eine weitere Frage. Sobtschak könnte nach Einschätzung von newtimes.ru auch als ausdrückliche Gegnerin Nawalnys auftreten. „Sie wird Nawalny aus der Position der liberalen Journalistin kritisieren und ihm Führerprinzip und Populismus vorwerfen“, hieß es unter Berufung auf Kremlkreise. In dem Blatt „Wedomosti“ schrieb Sobtschak indes, sie rufe auch dazu auf, Nawalny zuzulassen. mw

LN

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