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Politik im Rest der Welt Die Goldsucher in der Kloake von Caracas
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19:12 11.11.2017

Mit nackten Füßen steht Augusto Rengil mitten im Rio Guaire, dem offenen Haupt-Abwasserkanal von Venezuelas Hauptstadt Caracas. Eine dumpfig-braune Suppe umspült seine Waden, während er versucht, wertvolle Gegenstände aus dem Schlamm zu fischen. Der 21-Jährige ist einer von unzähligen sogenannten Goldschürfern, die in der stinkenden Kloake Tag für Tag ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie suchen nach Gold, Silber oder irgendwelchen anderen Metallen, die sich zu Geld machen lassen.

Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven, ist gebeutelt von einer dramatischen Versorgungskrise und der höchsten Inflation der Welt. Die USA und die EU werfen dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro vor, mit der Entmachtung des von der Opposition dominierten Parlaments eine Diktatur errichtet zu haben. Das Land steht am Rande der Pleite, Hunderttausende sind geflüchtet. Gerade die Ärmsten trifft es hart, auch die Kindersterblichkeit ist stark gestiegen.

Aber es gibt auch die Reichen, von denen viele abgeschottet in wohlhabenden Vierteln auf das Ende des Sozialismusexperiments hoffen. „Es ist überraschend, wie viel Schmuck durch die Abflüsse der Häuser in den Kanal gelangt“, sagt Rengil. Seit vier Jahren schon kommt der Vater eines kleinen Sohnes zum Rio Guaire. „Für ein Gramm Gold werden 180 000 Bolivars gezahlt (Schwarzmarktkurs: vier Euro), das haben wir nach fünf bis sechs Stunden Arbeit zusammen.“ Um die kleinen Ringe, Ohrstecker oder Kettenanhänger zu finden, stochern die Männer mit einem Messer oder den bloßen Händen in Haufen aus Schlamm, Fäkalien und Müll herum. Meist sind sie zu viert oder fünft, die Ausbeute wird geteilt. Willkommen ist jeder, der arbeiten möchte.

Auch Vladimir Pérez und seine Familie leben von den metallenen Fängen aus dem Rio Guaire. Nach sieben Jahren möchte der 25-Jährige aber weg aus der Kloake. „Der Geruch ist unerträglich.“

Außerdem ist der Job gefährlich: Die Goldschürfer leiden oft unter Hautkrankheiten und Brechdurchfall. Zur Regenzeit ist die Arbeit wegen der Fluten und starker Strömungen lebensbedrohlich.

Angesichts der schweren Wirtschaftskrise in Venezuela bleibt vielen Männern aber nichts anderes, als sich diesen Risiken auszusetzen. Weil Devisen fehlen, um Lebensmittel im Ausland einzukaufen, sind die Regale in den Supermärkten meist leer, Medikamente kommen kaum noch ins Land. Der Mindestlohn in dem inflationsgeplagten Land liegt seit November bei 177 000 Bolivars im Monat, was ungefähr dem Wert von einem Gramm Gold aus der Kloake entspricht. So bringt das Goldsuchen mehr als ein normaler Job.

Einige Krankenhäuser haben noch fünf Prozent der benötigten Medikamente. Angehörige versuchen verzweifelt,, auf dem Schwarzmarkt Sauerstoff und Infusionen zu kaufen. Komitees der Sozialisten verteilen Medizin und Essen. Die Idee war, alle Einwohner mit Reis, Maismehl und Öl zu versorgen – auch, um Plünderungen und einen großen Schwarzmarkt zu verhindern. Im Alltag scheint das System aber nicht zu funktionieren: Den Sozialisten wird vorgeworfen, korrupt zu sein und die Nahrungsmittel vor allem in ihren Hochburgen zu verteilen.

„Im Müll findet sich alles, der Müll gibt alles“, sagt ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. Venezuela steht am Rande des Ruins und Caracas ist eine der der gefährlichsten Städte der Welt geworden.

Von Jm López

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