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Politik im Rest der Welt Die „Landshut“ ist Zuhause
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21:10 23.09.2017
Friedrichshafen

Alle Augen blicken in die gleiche Richtung, es herrscht gespannte Stille. Plötzlich ertönt ein Rauschen, das sich schnell in ohrenbetäubendes Dröhnen verwandelt. Aus dem Morgennebel taucht die Silhouette einer Antonow 124 auf. An Bord hat das riesige Transportflugzeug historische Fracht: Es bringt am Sonnabend den Rumpf der „Landshut“ aus Brasilien nach Friedrichshafen. Viel Flughafenpersonal und mehrere Tausend Besucher harren am Rollfeld aus. Als die Antonow den Boden berührt, legen sie kurz ihre Smartphones aus den Händen und applaudieren.

40 Jahre sind vergangen, seitdem der Urlaubsflieger im „Deutschen Herbst“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt von vier palästinensischen Terroristen entführt wurde. Nach einer Odyssee über fünf Länder stürmte die Spezialeinheit GSG 9 am fünften Tag die Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu und befreite 86 Geiseln. Die „Landshut“ war danach noch lange für verschiedene Airlines im Einsatz – bis man sie Anfang 2008 für fluguntauglich erklärte. Im brasilianischen Fortaleza rottete sie vor sich hin und stand kurz vor der Verschrottung.

Mit der ehemaligen Stewardess Gabriele von Lutzau und Jürgen Vietor, der damals das entführte Flugzeug steuerte, nachdem Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen wurde, sind zur Begrüßung auch Zeitzeugen der Entführung zu Gast. Die große Klappe der Antonow geht auf, das Flugzeug im Flugzeug wird sichtbar. Gabriele von Lutzau macht ein paar Schnappschüsse mit dem Handy. Jürgen Vietor klopft der „Landshut“ auf die Flugzeugnase, als begrüße er einen alten Freund. Der Maschine ist ihr Alter anzusehen. Der Lack ist ab, stützende Bänder halten den Flieger zusammen.

Tränen der Rührung fließen an diesem Morgen keine. „Fragen Sie einen Piloten nicht nach Gefühlen, wir haben keine“, sagt Vietor und lacht. Auf eigenen Wunsch steuerte er schon sechs Wochen nach der Entführung wieder die „Landshut“. „Ich habe so getan, als hätte es die Entführung nicht gegeben. Das hat funktioniert.“ Als er noch in Mogadischu festsaß, habe er eigentlich Teppiche und Fliesen für sein Haus aussuchen sollen, sagt er. „Das habe ich dann eben 14 Tage später gemacht.“ Bis zu seinem Ruhestand 1999 arbeitete Vietor weiter als Pilot für die Lufthansa.

Dass Gabriele von Lutzau zur Rückkehr der Landshut vor die Öffentlichkeit tritt, ist eine Besonderheit. „Ich habe lange Zeit keine Interviews mehr gegeben“, erzählt sie. „Für das heutige Ereignis bin ich aus meiner Deckung gekommen. Die ,Landshut’ ist ein Symbol für die Nicht-Erpressbarkeit des Staates.“ Damals wollten die Entführer den Druck auf Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) für eine Freilassung der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen erhöhen.

Mehrere Stunden dauert die Entladung des Wracks durch ein Team der Lufthansa Technik. Der Rumpf wird über eine Rampe mit Schienen aus der Antonow gerollt, dann mithilfe von Kränen transportiert.

Nach ihrer Renovierung wird die „Landshut“ im Friedrichshafener Dornier-Museum ausgestellt. „Für mich ist heute ein Tag der großen Freude“, sagt Museumsdirektor David Dornier. Ein Ausstellungskonzept mit anderen Exponaten rund um den „Deutschen Herbst“ entwickelt das Museum in den kommenden Monaten, danach wird eine neue Halle für die „Landshut“ gebaut. Ab dem Herbst 2019 soll die Öffentlichkeit das restaurierte Flugzeug besichtigen können.

Rund zehn Millionen Euro kosten Rückführung, Aufbereitung und Ausstellung des Flugzeugs. Das zahlt hauptsächlich der Bund. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich maßgeblich für die Rückkehr engagiert.

Rückkehr per Luftpost

Das Team der Lufthansa Technik war seit dem 22. August damit beschäftigt, die „Landshut“ zu demontieren. Denn eine Flugreise aus eigener Kraft schied aus, Frachtflieger mussten die Maschine per Luftpost transportieren.

Rund 1500 Nieten und Schrauben mussten allein zur Abnahme der Tragflächen gelöst werden. Jedes abgenommene Triebwerk wiegt rund 1,5 Tonnen. Zu Beginn musste die Maschine mit neuen Bugrädern versehen werden, um sie in Brasilien aufs Vorfeld fahren zu können.

Dazu kamen bürokratische Hürden: Erst nach Tagen gab der brasilianische Zoll die 8,5 Tonnen an Werkzeug und Flugzeughebern frei. Nun konnten die Experten an die eigentliche Arbeit gehen. Rund 4000 Arbeitsstunden liegen hinter ihnen.

Larissa Schwedes

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