Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt Die letzten Tage von Bottrop sind wie „eine Beerdigung“
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Die letzten Tage von Bottrop sind wie „eine Beerdigung“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:35 10.10.2018
Die letzten Steinkohle-Kumpel im Revier: „Wie bei einer Beerdigung“ Quelle: dpa
Bottrop

Da ist es, das schwarze Gold. Es funkelt, es glitzert. Und es staubt hier unten in 1229 Metern Tiefe, auf der siebten Sohle des Bergwerks Prosper Haniel. Es ist – neben Ibbenbüren – die letzte verbliebene deutsche Steinkohle-Zeche.

Ein Mythos im Ruhrgebiet. In den Zechen der Regionen fuhren einst 600 000 Männer ein. Tag für Tag. Doch mit dem Bergbau ist bald Schluss. Am 21. Dezember fahren die Kumpel von Bottrop zum letzten Mal ein, um Kohle hochzuholen.

Auf dem Weg nach unten muss man schlucken. Der Korb bewegt sich mit 12 Metern pro Sekunde abwärts, der Druck in den Ohren steigt. Es ist eine Fahrt in eine andere Welt.

„Glückauf“, sagt Bergmann Wolfgang Dolfen. Der 55-jährige reicht einen silbernen Flachmann. Nicht Schnaps ist darin, der ist „unter Tage“ wie auch das Rauchen strengstens verboten, sondern Schnupftabak. „Macht die Nase frei!“, meint Dolfen. Der Staub, der sich auf die Schleimhäute setzt, die schwere Arbeit, die einzigartige Solidarität der Bergleute, der Schnupftabak – bald ist das alles Geschichte.

Noch einmal werfen sie die schwere Walze an, ihre „SL 750“. Noch einmal wird es laut. 80 Tonnen wiegt das Ungetüm. In ein, zwei Minuten kann die Maschine so viel Kohle aus dem Flöz herausschneiden, wie auf zwei Lkw passen.

„Fertig machen für den Rückzug“

Man muss sich einmal die Dimensionen klarmachen: 1,8 Millionen Tonnen Steinkohle, das war der mit der Politik vereinbarte Soll für Prosper Haniel. Inzwischen ist diese Marke so gut wie erreicht. Es fehlen nur noch ein paar Hundert Tonnen. Die letzten Arbeiten laufen. „Fertig machen für den Rückzug“, sagen sie in Bottrop.

Längst wird nach einem Käufer für die „SL 750“ gesucht. Dabei war die Technik auf der siebten Sohle von Prosper Haniel mal das modernste vom modernsten.

Ein türkischer Bergwerksdirektor hat sich bereits die Förderbänder gesichert. „Packt alles auf einen Lkw und bringt es mir, wenn Ihr hier fertig seid“ habe der gesagt, erzählt Bergmann Dolfen. Ihm ist anzumerken, dass es nicht leicht ist, zu den letzten Kohle-Kumpeln im Revier zu gehören. Das schwarze Gold holen in Zukunft andere nach oben – weit weg.

Bestimmt 300 Jahre könnten sie hier noch weiter abbauen, sagen sie in Bottrop. Die Vorräte sind riesig. Nur: Deutsche Kohle ist auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Für die Kumpel ist das bitter. „Es ist ja nicht so, dass wir keine Steinkohle mehr verbrennen. Die Kohlen kommen nur jetzt von woanders her“, meint Dolfens Kollege Dirk Tomke.

„Danke, Kumpel“

„Das tut weh“, sagt auch Michael Vassliadis. Der Chef der IG BCE trägt weißen Helm, Halstuch, blaues Bergmannshemd, Schutzanzug und schwere Schuhe. Vassiliadis und seine Gewerkschaften verlieren in diesem Herbst eine ganze Branche.

Der 54-jährige stammt selbst aus dem Ruhrgebiet. Er wiegt ein Stück Kohle in seinen Händen, wischt schließlich mit seinen Händen über Stirn und Wangen. Die schwarzen Kohlestreifen im Gesicht braucht Vassiliadis, damit es authentisch aussieht, wenn er jetzt ein Video aufnimmt. Eine Botschaft an die Bergleute, für die Aktion „Danke, Kumpel“, das große Abschiedsfest Anfang November.

„Wir können Ende des Jahres sagen, dass niemand ins Bergfreie gefallen ist“, setzt Vassiliadis vor der Kamera an. Will heißen: Für die Kumpel von Bottrop ist gesorgt. Wer älter ist als 49 und unter Tage gearbeitet hat, darf in Frührente ohne Abschläge. Die übrigen werden vermittelt in andere Jobs, mit besten Chancen, wie Bernd Beier, Arbeitsdirektor von Prosper Haniel, bestätigt.

Existenzängste gibt es kaum bei den letzten Kumpeln von Bottrop, dafür aber jede Wehmut und Melancholie, auch Trauer und Tränen. „Wie bei einer Beerdigung“, sagt Bergmann Dolfen.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bei den Taliban soll Thomas K. Sprengsätze für Selbstmordanschläge gebaut und Anschlagsziele ausgekundschaftet haben. Nun muss sich der Deutsch-Pole vor Gericht verantworten. Er stammt aus dem Raum Worms in Rheinland-Pfalz.

08.10.2018

Das Bundesinnenministerium hat dementiert, dass es Pläne für eine Sammelabschiebung von Asylbewerbern von München nach Italien gegeben habe.

08.10.2018

Die Aquarius hat auf dem Mittelmeer 30.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Doch Panama hat dem Schiff die Flagge entzogen. Die Hilfsorganisation SOS Méditerranée Deutschland sieht die Bundesregierung in einer „klaren Verantwortung, sich zu positionieren“.

08.10.2018