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Politik im Rest der Welt Die tickende Zeitbombe von Fukushima
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23:21 26.10.2013
Tod im Tank: Industrieminister Toshimitsu Motegi (M.) betrachtet das Wasserproblem in Fukushima. Quelle: dpa
Tokio

Wann immer neue Erdbeben am pazifischen Feuerring gemeldet werden, bekommen in Japan die Zuständigen für das havarierte AKW Fukushima noch etwas steilere Sorgenfalten.

Sie denken dann zum Beispiel an das Abklingbecken von Reaktor 4: Mehr als 1500 abgebrannte Brennstäbe lagern in dem schief stehenden schwer beschädigten Gebäude, das bei weiteren seismischen Erschütterungen einstürzen könnte.

Hunderte Tonnen an Brennstoff könnten dann das Zigtausendfache an Radioaktivität der Hiroshima-Bombe freisetzen, fürchten Experten. Die Folge wäre eine Katastrophe globalen Ausmaßes, warnte eindringlich bereits der frühere japanische Botschafter in der Schweiz, Mitsuhei Murata. Noch im November soll deshalb mit der Bergung der Brennstäbe begonnen werden — was ein Jahr dauern könnte und allein schon eine gewaltige technische und menschliche Kraftanstrengung wäre.

Es ist aber keineswegs die einzige. Auch ohne neue Beben sieht die Lage schlimmstmöglich aus. Gigantische Mengen verstrahlten Kühlwassers schwappen durch die zerstörte Anlage und sickern größtenteils in den Pazifik. Und jeden Tag aufs Neue lässt die Betreibergesellschaft Tepco Hunderte Tonnen Wasser in die beschädigten Reaktoren 1 bis 3 pumpen, um die geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen. Wo die aber sind in dem ganzen Chaos, weiß bis heute niemand genau.

Zudem dringen weitere 400 Tonnen Grundwasser jeden Tag in die Gebäude ein, wo sie sich mit dem verseuchten Kühlwasser vermischen. Und Tepco pumpt ständig Wasser ab, muss die verstrahlte Flüssigkeit aber zwischenlagern. Dies geschieht in inzwischen 1000 teilweise hastig zusammengeschweißten und auch teilweise schon maroden Tanks, in denen inzwischen 300 000 Tonnen lagern. Bis 2015 sollen weitere Tanks für bis zu 800 000 Tonnen Atomwasser dazukommen.

Ein gefrorener Schutzwall soll tief in die Erde getrieben werden, um nachströmendes Grundwasser aufzuhalten — eine Maßnahme, die so noch nie erprobt wurde. Japans Regierung scheint inzwischen mit ihrem Latein am Ende: „Wir brauchen Ihre Weisheit und Expertenwissen“, gestand Premier Shinzo Abe unlängst vor ausländischen Experten — eine Demütigung für das ehrbewusste Japan.

Auf der anderen Seite des Globus arbeiten die Briten dagegen am Comeback der Atomkraft. Sie gaben erstmals seit fast 20 Jahren wieder die Genehmigung für den Bau zweier neuer Druckwasserreaktoren — zuständig soll der französische Energiekonzern EDF sein, Standort soll Hinkley Point in der Grafschaft Somerset im Südwesten der Insel sein.

Allerdings erschüttern die geplanten Einspeisevergütungen die Legende vom konkurrenzlos billigen Atomstrom: 11 Cent Subvention soll es für die Kilowattstunde aus Hinkley Point geben, fast das Doppelte des aktuellen Marktpreises — mehr auch als jene 9,88 Cent, die es in Deutschland für Photovoltaik-Großanlagen gibt. Wobei es in Großbritannien für den Zeitraum von 35 Jahren auch noch einen Inflationszuschlag geben soll, der in Deutschland nicht vorgesehen ist und es nie war.

Mangelnde Wirtschaftlichkeit scheint auch der Grund für den Rückzieher der Atomwirtschaft im russischen Kaliningrad zu sein; Strom zweier neuer AKWs wollte man eigentlich nach Deutschland exportieren, wo aber kein Bedarf besteht. Polen verfolgt offiziell AKW-Neubaupläne — die Premier Donald Tusk jedoch schon in Frage stellte. Die hohen Kosten von 12,5 Milliarden Euro seien der Grund, so das Netzwerk Contratom.

Der finnische Neu-Reaktor Olkiluoto wird mit 8,5 statt 3 Milliarden Euro Baukosten ebenfalls deutlich kostspieliger als gedacht — auch deshalb verspätet sich die für 2012 geplante Fertigstellung um mindestens vier Jahre. Ungarn hält an der Erweiterung seines Atommeilers im Städtchen Paks fest, Pläne gibt es auch in Tschechien, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Nur abermalige „Kostendesaster“, wie sie das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien in Münster erwartet, können das wohl noch verhindern. Oder vielleicht ein Blick nach Fukushima.

mw

Mehrheiten für Atomkraft bröckeln in Europa — und weltweit

435 Atomkraftwerke sind derzeit weltweit in Betrieb — Ende 2011 meldeten die entsprechenden Statistiken noch 443. Das Land mit den meisten Atommeilern sind die USA, wo aktuell noch 104 Nuklearstromfabriken laufen. Vor 62 Jahren wurde dort der erste Reaktor am Idaho National Laboratory in Betrieb genommen; rund 20 Prozent des US-Stroms stammt heute aus nuklearer Produktion, etwa zwei Dutzend US-Atomkraftwerke entsprechen in ihrer Bauart dem Fukushima-Typ. Auch in den USA ist die Endlagerung ungeklärt.
China liegt mit 15 Atomkraftwerken weit hinter den USA — hat aber vor dem Hintergrund seiner anhaltenden industriellen Revolution erheblichen Energiebedarf. Den will das Land mit 27 weiteren AKWs decken.

58 Atommeiler machen Deutschlands Nachbarland Frankreich zum Atomstaat Nummer eins in Europa.

Allerdings berichtete BBC Global Poll Ende 2011, dass in Umfragen weltweit in keinem Land mit Atomenergieprogramm mehr als 40 Prozent dieses Programm befürworten.

„Wir brauchen Ihre Weisheit und Ihr Expertenwissen.“
Japans Premier Shinzo Abe vor ausländischen Nuklear-Experten.

LN

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