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Politik im Rest der Welt „ Eisenbahn-Reiner“ auf dem Abstellgleis
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18:23 17.09.2016
Obdachlos in Frankfurt am Main: „Eisenbahn-Reiner“ (45) an seinem Stammplatz – und ohne Eisenbahn. Quelle: dpa

„Eisenbahn-Reiner“ schlägt seit vielen Jahren sein Lager in der Frankfurter City auf. Der Obdachlose sitzt sogar während des Weihnachtsmarkts an seinem Stammplatz in der Neuen Kräme. Vor fast sieben Jahren habe er angefangen, auch eine Eisenbahn neben sich aufzustellen. Zunächst hatte der 45-Jährige eine kleine Eisenbahn für nur drei Euro gekauft, dann folgten nach und nach weitere Züge, Gleise und kleine Figuren. „Zuletzt habe ich mir ein Karussell und ein Riesenrad gekauft.“ Weil Reiner Schaad keine Sondernutzungserlaubnis hat, sein Spielzeug aufzubauen, nahm ihm das Ordnungsamt vor wenigen Tagen die Sachen ab.

Der Mann ist jahrelang geduldet worden, warum

man jetzt ganz scharf durchgreifen muss,

erschließt sich mir nicht.“ Klaus Oesterling, Verkehrsdezernent

Damit löste das Amt über die Stadt hinaus und in den sozialen Netzwerken einen Aufschrei gegen „Behördenwillkür“ aus. Zahlreiche Menschen solidarisierten sich mit „Eisenbahn-Reiner“. In der neuen Koalition aus CDU, SPD und Grünen ist das Vorgehen auch umstritten.

Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) kritisierte seinen Kollegen, Ordnungsdezernent Markus Frank. Dieser habe sich mit der „unverhältnismäßigen Maßnahme“ als „schneidiger Ordnungsdezernent“ profiliert. Frank verteidigte das Vorgehen seiner Behörde: „Universelle Regeln gelten für alle.“ Der CDU-Politiker suchte zugleich aber auch rasch nach einer Lösung.

Schaad hatte vor Jahren seinen Job in einer Stadtgärtnerei verloren. „Ich habe zu viel Alkohol getrunken.“ Als dann noch seine Mutter starb, bei der er wohnte, war auch die Wohnung weg. Inzwischen trinke er aber gar keinen Alkohol mehr. „Ich habe von selber aufgehört.“ Essen bekomme er an seinem Platz eigentlich genug: Reste von der Fastfood-Kette zum Beispiel, in deren Nähe er sitzt.

Seine Eisenbahn habe er jeden Abend in ein Schließfach in den S- und U-Bahnhof gebracht. Vormittags habe er sie dann wieder an seinem Stammplatz aufgebaut. „Das dauert so eine bis eineinhalb Stunden.“ Die Fläche sei zuletzt sieben bis acht Quadratmeter groß gewesen, sagt der Sprecher des Ordnungsamtes, Ralph Rohr. Dafür sei nun einmal eine Sondernutzungserlaubnis notwendig. Um die habe sich „Eisenbahn-Reiner“ aber nie bemüht. Zudem habe es Beschwerden gegeben. „Wir machen das nicht, um ihn zu schikanieren.“

Die Genehmigung gibt es beim Amt. Sie wird nach Angaben der Behörde auf ein Jahr befristet vergeben, für eine Verwaltungsgebühr von 15 Euro. Dass „Eisenbahn-Reiner“ keinen festen Wohnsitz hat, könnte dabei eines von mehreren Problemen sein. Verkehrsdezernent Oesterling deutete eine wohlwollende Prüfung an, sollte ein Eintrag eingereicht werden. Möglicherweise geht es aber doch ohne.

Nach der Protestwelle hat die Stadt eingelenkt – wenigstens teilweise: „Eisenbahn-Reiner“ hat seine Spielsachen zurückbekommen. Dennoch geht der Zug nicht ab: Er darf die Spielzeugbahn solange nicht aufstellen, bis er eine Sondernutzungserlaubnis hat. Jetzt hat er die Bahn – und darf sie nicht fahren lassen. Fortsetzung folgt!

Ira Schaible

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