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Politik im Rest der Welt Erdogan von Merkel enttäuscht
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20:22 04.06.2016
Ottomanische Wut: Türkische Nationalisten in historischer Tracht protestieren in Istanbul lautstark gegen die Bundestagsresolution. Quelle: Fotos: Afp,dpa

Kritik an Berlin, aber auch moderate Töne gegen die EU waren im Fall der Armenien-Resolution des Bundestages gestern vom türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan am Rande einer Afrikareise zu hören. Eine Neubewertung der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich lehnte Erdogan ab. Die vom deutschen Parlament getroffene Entscheidung habe „absolut keinen Wert“.

Die türkischen Medien hatten zuvor das klassische Repertoire deutsch-feindlicher Emotionen ausgiebig genutzt. Die Zeitung „Sözcü“ etwa zeigte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Nazi-Uniform vor einer Hakenkreuz-Flagge, und auch in der Politik war es von offizieller Seite mächtig aufgebraust: „Erst verbrennst du die Juden im Ofen, dann klagst du das türkische Volk mit Genozid-Verleumdungen an“, wetterte Justizminister Bekir Bozdag. Viele Türken – zum Teil in osmanischer Kostümierung – protestierten wütend.

Besonnenere Gemüter wie der türkische Schriftsteller Zafer Senocak zeigen sich fassungslos angesichts derartiger Ausfälle: Die Leugnung der tragischen Ereignisse, denen Historikern zufolge 1915/16 mit Duldung oder gar Billigung des deutschen Weltkriegs-Verbündeten bis zu 1,5 Millionen Armenier und andere christliche Minderheiten zum Opfer fielen, sei fast „eine zweite Tragödie“: Die Leugnung habe sich inzwischen „zu einer Art Teil des türkischen Patriotismus entwickelt“. Dagegen hätten sich die Deutschen wie wohl kein anderes Volk mit ihrer Historie befasst.

Senocak fürchtet, dass erst folgende Generationen wieder einen klareren Blick auf die Geschichte haben werden, da im Moment – nicht nur in der Türkei – „der Nationalismus wieder schick ist, in dem sozusagen das Pathos der Nation und auch die Geschichtsklitterung wieder möglich ist“.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) beriet unterdessen bereits mit ihrem Stab, was angesichts der türkischen Wutausbrüche für die Missionen ihrer Bundeswehr etwa im Koalitions-Einsatz der im türkischen Incirlik stationierten deutschen Tornados oder im Marine-Kombieinsatz gegen Schlepper in der Ägäis zu erwarten sein könnte.

Aber auch Erdogan dürfte klar sein: Die von ihm vollmundig versprochene Visafreiheit für Reisen in die EU wird mit Hetz- und Brandreden nicht wahrscheinlicher. Gleichwohl äußerte er sich gestern enttäuscht darüber, dass Angela Merkel sich nicht an der Debatte im Bundestag beteiligt hatte. Die Türkei dürfe auf die Vorkommnisse aber nicht überstürzt reagieren. Die Angelegenheit betreffe auch nur die deutsch-türkischen Beziehungen und nicht das Verhältnis Ankaras zur EU.

LN

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