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Politik im Rest der Welt Falludscha – die Flucht aus der Hölle
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20:17 04.06.2016

. Acht Hände greifen ungeduldig nach dem Aluminiumteller. Es ist der erste Reis für die irakische Familie seit zwei Jahren. Nasra Nadschm, ihre Tochter und ihre Enkel haben es geschafft, sie haben Falludscha und die Schreckensherrschaft des IS hinter sich gelassen und erholen sich im neu errichteten Flüchtlingslager in Amrijat al-Falludscha von den Strapazen der vergangenen Tage.

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Erschöpft, ausgehungert und in Sicherheit vor dem IS - Zivilisten, die aus dem irakischen Falludscha entkamen, erzählen Schreckliches.

Die ganze Nacht ist Nasra mit ihrer Familie gelaufen, immer auf der Hut vor IS-Kämpfern. Ein sandfarbenes Zelt ist nun ihr vorübergehendes neues Zuhause. Eine Luftpolsterfolie dient als Teppich, die Sonne brennt vom Himmel, aber Nasra hat ein Lächeln im Gesicht. „Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob Reis überhaupt noch existiert. Als wir den Teller gesehen haben, konnten wir es kaum glauben“, sagt sie.

Falludscha wird seit Anfang 2014 von den Dschihadisten des Islamischen Staats kontrolliert. Seit dem Wochenende rücken irakische Truppen und verbündete schiitische und sunitische Clan-Milizen von drei Seiten in Falludscha ein. Im Laufe der vergangenen Tage gelang rund 3000 Zivilisten die gefährliche Flucht vor dem IS und den Kämpfen, vor Gewalt – und Hunger.

Ihr Geschichten geben einen Einblick in das Leben, das die rund 50000 Zivilisten ertragen müssen, die derzeit noch in Falludscha eingeschlossen sind. Alle Neuankömmlinge erzählen Ähnliches: Die Kämpfer des IS nehmen den Bewohnern die Hauptnahrungsmittel Reis und Brot, um sie selbst zu essen, und hungern die Menschen aus. „Es war eine Qual“, erzählt Madiha Chudhair, die mit ihren Töchtern in einem leeren Zelt sitzt. „Wir mussten Dattelkerne mahlen, um daraus Mehl zu machen. Das schmeckt sehr sauer, und niemand will es essen.“

Madiha ist aus einem Dorf nahe Falludscha in das vom Norwegischen Flüchtlingsrat betriebene Camp in Amrijat al-Falludscha geflohen. Als sie von ihrer Flucht erzählt, werden ihre Augen feucht. „Wir haben unser Schicksal in Gottes Hände gelegt, unsere Sachen gepackt und sind gegangen. Eigentlich sind wir gerannt“, sagt sie. Einmal sah die Familie einen IS-Truck, da haben sie sich zusammengekauert, um nicht entdeckt zu werden.

Auch Rasmija Abbas, ganz in schwarz gehüllt, erzählt vom Hunger in Falludscha. Der IS habe die guten Sachen für sich behalten, manchmal gab es 250 Gramm Mehl. „Das reicht kaum für ein Essen für die Kinder“, klagt Rasmija und wiegt ihren fünfjährigen Enkel im Arm.

In dem neu eröffneten Lager kümmert sich der Norwegische Flüchtlingsrat derzeit um über 250 Familien. Viele der Flüchtlinge, besonders die Kinder, liegen erschöpft von der Flucht in den Zelten oder dösen im Schatten. Wer wach ist, befüllt Wasserkanister oder steht für Medikamente an. Helfer bauen Latrinen. In den kommenden Tagen dürfte der Andrang der Flüchtlinge noch wachsen. „Wir bereiten noch mehr Hilfsmittel vor“, sagt Becky Bakr Abdulla vom Flüchtlingsrat.

Die Flucht in das Lager ist beschwerlich und gefährlich. „Viele, die den Weg nicht genau kannten, sind getötet worden“, erzählt Ahmad Sabih. Der 40-jährige Familienvater ist in der Nacht geflohen , kam frühmorgens im Lager an. „Ich habe beschlossen, alles zu riskieren“, sagt er über die Flucht. „Ich hatte die Wahl – meine Kinder zu retten oder mit ihnen zu sterben.“

Angesichts der Offensive zur Rückeroberung von Falludscha wächst die Sorge um tausende Bewohner der irakischen Stadt: Es gebe „glaubwürdige Informationen“, dass die IS-Dschihadisten 300 bis 400 Familien als menschliche „Schutzschilde“ missbrauche, warnte die UNO. Mindestens 20000 Kinder sind laut Unicef in der Stadt eingeschlossen.

Hochburg der strenggläubigen sunnitischen Minderheit im Irak

Moscheen-Stadt, Al-Kaida-Hochburg, „Kopf der Schlange“ – Falludscha hat viele Namen. Die Sunniten-Hochburg 60 Kilometer westlich von der irakischen Hauptstadt Bagdad ist in den vergangenen zwei Jahren zu einer Hochburg der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) geworden. Ihr Ruf als Widerstandsnest, der weit vor die US-Invasion im Irak im Jahr 2003 zurückreicht, liegt in der Macht sunnitischer Stämme begründet.

Als Stadt der Moscheen ist Falludscha eine bedeutende religiöse Hochburg der irakischen sunnitischen Minderheit. Hunderte Minarette beherrschen die Silhouette der Stadt, die einen Kreuzungspunkt wichtiger Verkehrsadern von und nach Saudi-Arabien und Jordanien bildet. Ideologisch ist Falludscha ein Zentrum des besonders konservativen Islamverständnisses des Wahhabismus, wie er das Staatswesen Saudi-Arabiens prägt.

Jean Marc Mojon

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