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Politik im Rest der Welt Falsches Spiel mit dem Glück
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21:16 02.06.2018
Neues Spiel, neues Glück – unterm Strich aber gewinnen immer nur die Automaten. Quelle: Fotos: Marijan Murat/dpa; Stockadobe
Berlin

Einer der Schwerpunkte ist zum Beispiel der  Britzer Damm im Berliner Bezirk Neukölln. „Open 24 Stunden“, wirbt ein rot blinkendes Schild am Eingang, drinnen

Die Glücksspielbranche ist nervös – schon 20 Prozent des Marktes ist in den unregulierten Bereich abgewandert. Das Zocken im Internet und in Café-Casinos nimmt rasant zu. Der Staat verliert viel Steuergeld und will den Grau- und Schwarzbereich austrocknen.

findet sich in Zimmer 1 das „Café Orient“. Vor Zimmer 2 weist ein Schild auf die „Britzer Milchbar“ hin. In Zimmer 3 ist das „Wiener Café“– und so weiter. Sechs Cafés auf engstem Raum. Dabei sind alle Räume gleich, nur getrennt durch Glaswände. Immer bestückt mit einer Kaffeemaschine – und  drei Glücksspielautomaten. Denn wo das Geld primär mit dem Verkauf von Kaffee verdient wird, dürfen nach aktueller Rechtslage in einem Café drei Glücksspielautomaten aufgestellt werden.

Rund 13,5 Milliarden Euro Ertrag macht die Glücksspielbranche in Deutschland pro Jahr derzeit, die ausgezahlten Gewinne sind davon bereits abgezogen. Ein gewaltiger Markt. Und einer mit Sucht- und Verschuldungspotenzial. Nach dem Jahresreport 2016 der Spielaufsichtsbehörden der Länder gelten 81 Prozent des Marktes als reguliert, 19 Prozent nicht. Und dieser Bereich wächst.

Auf Fußball zum Beispiel wird vor allem im Internet gewettet, aber viele Anbieter kommen nur zum Zuge, weil es an EU-weiten Regeln fehlt. Und im Automatensektor blühen sogenannte Café-Casinos wie in Neukölln.

Neben 470 regulären Spielhallen wird deren Zahl für Berlin der Branche zufolge auf 2500 geschätzt. Zahlen sie korrekt Steuern? Sind das nicht verkappte, unkontrollierte „Spielhöllen“? Die legalen Spielhallen brauchen geschultes Personal, haben strenge Auflagen und zertifizierte Spielautomaten. Das kostet Geld und schmälert Gewinne. Die „klassische“ Branche fühlt sich

daher gegängelt und macht mächtig Druck, damit der Staat handelt.

Der Vorwurf: Es gibt ein Vollzugsproblem beim Vorgehen gegen illegale Einrichtungen und Glücksspiel im Netz. In einer Stadt wie Berlin mit Terrorgefahren und anderen Großbelastungen für Polizei und Ordnungsbehörden fehlt Personal, um die Szene mal genauer zu durchleuchten. Der Sprecher des Verbandes der Automatenwirtschaft, Georg Stecker, sagt: „Mit großer Sorge sehen wir, dass die Illegalität am Markt enorm zunimmt.“ Die Kommunen seien aufgrund von Steuerausfällen „Verlierer dieser Marktentwicklung“.

Noch deutlicher wird Daniel Henzgen vom Automatenhersteller Löwen: „Wer sich an Recht und Gesetz in Deutschland hält, ist der Dumme.“ Wenn der Staat nicht durchgreife, öffne der deutsche Gesetzgeber „das Tor zu Hölle“. Der illegale Marktanteil werde weiter massiv wachsen. Ihm erschließe sich nicht, „warum staatlich-konzessionierte Spielhallen Mindestabstände einhalten sollen, wo auf jedem Handy circa 1200 deutschsprachige Online-Casino-Seiten jederzeit verfügbar sind“.

Die privaten Unternehmen der Branche fürchten massiv um ihr Geschäft. Und glauben, dass gerade die starke Regulierung im legalen Bereich, etwa beim Betrieb von Spielhallen, zu einer Ausbreitung von unerlaubten Glücksspielen in Schwarzmärkten führt. 

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) betont hingegen, dass vor allem die staatlichen Anbieter unter dem Wildwuchs leiden. Er verweist auf Fußballwetten, wo der Deutsche Lotto- und Toto-Block mit Oddset und Toto 2017 rund 200 Millionen Euro Einsatz zu verzeichnen hatte – gegenüber mehr als sieben Milliarden Euro bei den privaten Anbietern. Das sei eine große Gefahr für die Förderung des Sports, des Ehrenamtes oder des Denkmalschutzes, wohin ein Teil der Einnahmen fließe. Die Online-Anbieter nutzen rechtliche Lücken in Europa und auch die Uneinigkeit der Bundesländer.

Dank eines Regulierungsschlupflochs in Schleswig-Holstein können Online-Casinos und Wettanbieter wie das von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn beworbene „Tipico“ ungehindert bundesweit ihre Dienste anbieten. „Viele Fans in der Fußball-Bundesliga jubeln ihrer Mannschaft zu, doch deren Glückspiel-Sponsoren sind schlicht illegal“, kritisiert Schäfer.

Deutschland habe sich zu einem Paradies für illegales Glücksspiel entwickelt, sagt  auch Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim. Die Uneinigkeit der Länder habe den Markt aufblühen lassen. Doch ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag ist nicht absehbar.

Märkte in Schieflage

Der deutsche Glücksspielmarkt ist auf Wachstumskurs. 2016 lagen die Bruttospielerträge bei etwa 13,5 Milliarden Euro – das sind Spieleinsätze abzüglich der an die Spieler ausgezahlten Gewinne. Während der regulierte Markt nur um vier Prozent wuchs, legte der Schwarzmarkt um 13 Prozent zu. Laut einer Analyse des Handelsblatt Research Instituts hat die Branche fast 200 000 Beschäftigte. Ein Viertel der Deutschen hat schon einmal gezockt.

Zum regulierten Markt gehören alle Angebote, die eine deutsche Glücksspiellizenz besitzen und nach deutschem Recht legal sind. Auch die Lotterien und Sportwettangebote der 16 Landeslotteriegesellschaften gehören dazu, ebenso die Spielbanken, das Angebot von Geldspielgeräten in Spielhallen und Kneipen sowie staatlich konzessionierte Pferdewettenangebote.

Zum Schwarzmarkt zählen Glücksspielangebote, die nicht über eine deutsche Konzession, wohl aber über eine aus einem anderen EU-Mitgliedsstaat verfügen. Nach deutschem Recht sind sie illegal. Ein Großteil dieser Angebote wird allerdings faktisch geduldet.

Andreas Hoenig und Georg Ismar

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