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Politik im Rest der Welt Frankreich sorgt sich um den Tourismus
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22:16 30.07.2016
Alles ruhig – aber die Ferienstimmung ist getrübt wie hier am Strand „Le Petit Travers“ im französischen Carnon kurz nach dem Anschlag von Nizza. Quelle: Sylvain Thomas/afp

Der farbenprächtige Markt auf dem Cours Saleya in Nizza, die von schicken Hotels gesäumte Croisette in Cannes oder der Jetset-Tummelplatz Saint-Tropez: Die Côte d'Azur ist seit Jahrzehnten und ungeachtet aller Moden ein Touristenmagnet der besonderen Klasse.

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IS-Terror in der Kirche, Tote und Panik auf Nizzas Strandboulevard, Hotels als Not-Ambulanzen – Urlauber werden vom Terror in der Postkartenidylle am Mittelmeer abgeschreckt – Nun schaltet sich die Pariser Politik ein.

Viele Menschen an der französischen Riviera leben vom Fremdenverkehr, arbeiten in Restaurants oder Hotels. Deshalb befürchten die Branche und die Regierung in Paris nach dem verheerenden Anschlag von Nizza mit 84 Todesopfern nicht nur einen Imageverlust für das Reiseziel am tiefblauen Mittelmeer, sondern auch konkrete wirtschaftliche Einbußen.

Unmittelbar nach der Lastwagen-Attacke vom 14. Juli gab es Absagen von Reisenden. Dem örtlichen Tourismusamt liegen aber noch keine detaillierten Informationen über die Entwicklung nach dem Angriff vor, gaben die zuständigen Behörden bekannt. „Es gibt keine große Flucht von Touristen“, berichtet eine Sprecherin. In der besten Urlaubszeit sind nicht Europäer an der „Côte“ mit den atemberaubenden Küstenstraßen unterwegs, sondern auch US-Amerikaner, Russen, Japaner oder Chinesen.

In der fernen Hauptstadt Paris ist das sensible Thema Tourismus Chefsache – nach dem Terrormord an einem greisen katholischen Geistlichen eilte Staatspräsident François Hollande umgehend an den Tatort in der Normandie.

Der ehrgeizige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, dem Ambitionen auf eine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2017 nachgesagt werden, berichtet von zurückgehenden Reservierungen. Nichts sei kritisch, so der Minister, und: „Wir wissen nicht, ob dieser Rückgang von Dauer ist, aber in einigen Bereichen gibt es einen Rückgang zwischen 20 und 30 Prozent.“

Frankreich, das gerade die Fußball-EM ausrichtete, ist Tourismus- Weltmeister mit den meisten ausländischen Besuchern (84,5 Millionen in 2015). Der Fremdenverkehr trägt mit 7,4 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Eigentlich setzt das Land Hoffnungen in weiteres Wachstum und hat sogar das Ziel ausgegeben, bis 2020 die Marke von 100 Millionen ausländischen Besuchern pro Jahr zu knacken.

Ressortchef Macron sorgt sich deshalb um Auswirkungen über die Côte d'Azur hinaus. „Das Attentat von Nizza hat natürlich eine Schockwelle ausgelöst. Diese beeinflusst die Region Provence-Alpes-Côte d'Azur (Paca), aber möglicherweise auch die großen Touristenattraktionen in Frankreich, die Pariser Region.“ Der Vize-Chef des Hotelierverbands UMIH, Hervé Becam, sagte der Zeitung „Journal du Dimanche“: „Man muss jetzt eine Ansteckung verhindern, damit nicht die ganze Côte d'Azur davon eingeholt wird oder sogar (...) alle Badeorte des Landes.“

Die Beherbergungsbranche im Land der feinen Küche und guten Weine steht bereits seit den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015 unter Druck. In den ersten drei Monaten (2016) schrumpfte die Zahl der Übernachtungen im Großraum Paris im Jahresvergleich um sechs Prozent.

„Es ist ruhig“, meint die Angestellte eines einfachen, aber gepflegten Hauses im Herzen der Hauptstadt bei 35 Grad Hitze. Das Außenministerium richtete ein Notfall-Komitee ein – es tagte erstmals einen Tag vor dem Anschlag von Nizza. Wirtschaftsminister Macron sagt dem strategisch wichtigen Sektor nun Unterstützung zu. Versprochen sind Fristverlängerungen für das Zahlen von Sozialabgaben und Steuern und die Möglichkeit von Teilzeitarbeit.

Die Attacke von Nizza zeigt, dass die Euphorie der Fußball-EM schnell verflogen ist. Während des Turniers im Juni und Juli waren die Hotels in den Ausrichterstädten von Lille bis Marseille oft ausgebucht. „Eine großartige Erfahrung“, jubelte Außenminister Jean-Marc Ayrault nach Abschluss der EM. Nun muss Frankreich sein Bild als Perle des internationalen Tourismus wieder neu aufpolieren.

Das bedeutet der Ausnahmezustand

Kurz nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 verhängte die französische Regierung den Ausnahmezustand. Das französische Parlament verlängerte die Regelungen mehrfach, zuletzt gerade bis Ende Januar 2017.

Der Ausnahmezustand räumt den Sicherheitskräften Sonderrechte ein. Sie können zum Beispiel:

Webseiten sperren, radikale Vereine oder Organisationen auflösen, Bewegungsfreiheit einschränken, Hausarreste verhängen, Durchsuchungen ohne richterlichen Beschluss anordnen, besondere Zonen zu Schutzgebieten erklären, Veranstaltungsorte, Treffpunkte oder Kneipen schließen, auch legal erworbene Waffen einziehen. Vor allem Bürgerrechtsorganisationen zweifeln am Nutzen der Maßnahmen.

Christian Böhmer und Sebastian Kunigkeit

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