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Politik im Rest der Welt Hamburg unter Schock
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21:10 08.07.2017
In provozierender Pose: Vermummte Autonome beginnen am Freitagabend gegen 20 Uhr mit der Randale im Schanzenviertel. Quelle: ACTION PRESS
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Hamburg

Am Morgen nach der Schlacht steht Cord Wöhlke in den Trümmern seines Geschäfts im Hamburger Schanzenviertel. Bei jedem Schritt tritt er auf eine Mischung aus Scherben, Dinkelkekspackungen, Teebeuteln und Gummibärchentüten. Wöhlke, Chef der Drogeriemarktkette Budnikowsky, trägt ein weißes Hemd und eine helle Jacke, ein grauhaariger, hanseatisch-seriöser Herr in den Sechzigern, der personifizierte Kontrast zu dem Bild der Verwüstung um ihn herum.

Zwischen umgestürzten Regalen, zerstörten Kassen und herausgerissenen Waren sucht er nach Worten, die stark genug sind, um zu beschreiben, was hier geschehen ist. „Das ist ein Ausmaß an Gewalt, das ich hier nie für möglich gehalten hätte“, sagt er dann. „Mir fehlen die Worte.“ Es ist die Sprachlosigkeit angesichts einer Nacht der Gewalt im Hamburger Schanzenviertel. Einer Nacht, in der sogenannte Autonome vorübergehend die Macht übernommen hatten.

Brennende Autos, Staatschefs im Gespräch, Wasserwerfer, Popstars auf der Bühne: Klicken Sie hier, um die Tage des G-20-Gipfels in Hamburg noch einmal in Bildern zu sehen.

Schon gegen 20 Uhr werden die ersten Barrikaden errichtet, aus Paletten, umgestürzten Mülleimern, Bauzäunen, Verkehrsschildern, Mietfahrrädern der Stadt. Feuerwerkskörper explodieren, aus einem Lautsprecher dröhnt Techno-Musik. Vermummte schleppen brennbares Material heran, zünden es an. Schnell brennt es an allen Seiten der Straße, dunkle Rauchschwaden verdüstern die Straße. Gleichzeitig wird „geschottert“, wie es die Blockierer nennen. Schwarz gekleidete Gestalten brechen die Steine aus dem Pflaster, zertrümmern Gehwegplatten zu handlichen Wurfgeschossen. Zu Wällen gestapelt warten die Steine auf ihren Einsatz. Gegen die Polizei.

Wasserwerfer können das Feuer nicht löschen

Die beobachtet das Geschehen zunächst, lässt Wasserwerfer auffahren. Hunderte Beamte mit dicker Schutzbekleidung sind im Einsatz. Als sich eine Einheit mit Helm und heruntergeklapptem Visier den Demonstranten zu nähern versucht, weicht sie jedoch schnell wieder zurück. Zu massiv ist der Hagel aus Pflastersteinen und Flaschen, der auf sie niedergeht. Auch die Wasserwerfer dringen nicht durch. Mit ihrem Strahl versuchen sie, die Feuer zu löschen, was aber misslingt. Eine Gruppe von Feuerwehrleuten mit orangefarbener Weste und weißem Helm drückt sich in einen Hauseingang. Schließlich wagen sie sich vor, mitten unter die Randalierer – ausrichten können sie jedoch nichts.

Steine fliegen gegen die Scheiben von Reisebüros und Geschäften. Über Baugerüste sind einige Randalierer auf die Hausdächer geklettert, um von oben Steine werfen zu können. Manche Läden und Restaurants, die noch geöffnet sind, bieten den Schaulustigen und Reportern auf der Straße Zuflucht. „Anti-, Anticapitalisti!“, brüllen die Demonstranten. Und Fotografen mit Helm laufen zwischen den Autonomen herum und dokumentieren die Szenerie. „Kamera weg“, brüllen einige. Sie schrecken vor Schlägen und Tritten nicht zurück. Auch junge Frauen sind unter ihnen. Viele sind aus dem Ausland – sie sprechen italienisch, französisch oder russisch.

Als die Polizei sich gegen 20.30 Uhr einmal weiter vorwagt, entlädt sich die angestaute Wut. Einzelne Beamte treten auf am Boden liegende Vermummte ein. Der Schlagstock aber wird, wie tags zuvor, so gut wie gar nicht eingesetzt.

Die Nacht atmet Anarchie

Die ganze Nacht lodern die Feuer. Vermummte mit nacktem Oberkörper zertrümmern Scheiben von Geschäften, bis geplündert werden kann. Die entfesselte Stimmung in der schwülwarmen Nacht mit den lodernden Feuern atmet Anarchie, hat aber auch etwas von Partystimmung. Es wird getrunken, gelacht, gegessen. Auch Restaurants sind geöffnet. Erst früh am nächsten Morgen schieben gepanzerte Räumfahrzeuge der Polizei die Barrikaden von der Straße.

Auch andernorts in der Innenstadt gibt es Auseinandersetzungen. Viele U- und S-Bahnen fahren nicht mehr, Hunderte stranden am Hauptbahnhof. Taxen kommen nicht mehr durch, etliche Straßen sind gesperrt, verstopft durch Einsatzfahrzeuge und Demonstranten. Es ist eine Nacht, wie sie Hamburg noch nicht erlebt hat.

Schon am Nachmittag hatte es gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben. Eine entsetzte Polizistin schildert, dass Kollegen mit Zwillen und Stahlkugeln angeschossen wurden. „Wir hatten einen Schwerverletzten, der Pyrotechnik ins Gesicht bekommen hat.“ Eine Kollegin sei entwaffnet worden. Insgesamt gab es laut Polizei mindestens 213 verletzte Polizeibeamte. Die Zahl der verletzten Demonstranten war gestern noch unklar. 43 seien festgenommen, 96 in Gewahrsam genommen worden.

"Das war wie Bürgerkrieg"

Nicht nur im Schanzenviertel bleiben viele ratlos zurück. Dort liegt Brandgeruch in der Luft, das Kopfsteinpflaster des Schulterblatts überzieht ein schwarzer Film, ein Gemisch aus dem Wasser der Wasserwerfer und der Asche der brennenden Barrikaden. Schwere Kehrmaschinen dröhnen durch die Straße, räumen die Scherben der Flaschen und die verkohlten Reste der Brände fort. Der Führer einer Hamburger Hundertschaft, der mit seinen Beamten aufpasst, dass es keine weiteren Plünderungen gibt, sieht dabei zu, schüttelt den Kopf und sagt: „Das war wie Bürgerkrieg.“

Während die Aufräumarbeiten laufen, kommen Anwohner, um zu sehen, was die Nacht mit ihrem Viertel gemacht hat, manche mit Kindern. „Wo hat es überall gebrannt, Mama, wo?“, fragt ein etwa zehnjähriges Mädchen aufgeregt seine Mutter. Ein Achtjähriger zeigt in den geplünderten Rewe-Markt: „Da vorne, das war der Flaschenautomat.“

Vor Budni sammeln sich Schaulustige, fotografieren das Chaos, im Blick mischen sich Abscheu, Verstörung und Faszination. Als ein Mann zwei Jugendliche aus der linken Szene entdeckt, schreit er sie an: „Haut ab aus unserem Stadtteil, wir wollen euch hier nicht!“ Das ist die Umkehrung dessen, was traditionell die Hamburger Autonomen rufen und was auch am Abend zuvor noch über das Schulterblatt scholl: „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“

Warum kam die Polizei nicht früher?

Am Morgen nach der Schlacht steht das Schanzenviertel unter Schock. Und Bewohner des linksalternativ geprägten Stadtteils suchen nach einer Deutung. „Das waren keine Hamburger“, betont Ulf, ein Sozialarbeiter Mitte 40. Niemand von der Roten Flora also, zu der viele hier ein Verhältnis dezenter Sympathie pflegen. Das könne man schon daran sehen, sagt Ulf, dass nicht nur Budni geplündert, sondern auch dem Teeladen Stüdemann die Scheibe eingeworfen wurden, noch eine Schanzen-Institution. „Stüdemann, unfassbar“, sagt Ulf und schüttelt den Kopf. Eine Mutter empört sich, der Begriff „Linksautonome“ sei für die Randalierer völlig falsch: „Das hatte hier doch nichts mit Protest und Politik zu tun. Das war einfach pure Lust an der Zerstörung.“

Im Raum steht auch die Frage, warum die Polizei nicht früher kam. Aus Furcht um das Leben der Beamten, sagt Sprecher Timo Zill. Die Polizei habe Erkenntnisse gehabt, dass Gehwegplatten auf Dächern abgelegt und Brandflaschen vorbereitet wurden. Es sei mit Stahlkugeln auf Polizisten geschossen worden.

Was bleibt, ist ein immenser Schaden. Cord Wöhlke schätzt seinen auf 400 000 Euro. Aber vielleicht ist das nicht mal das Wichtigste, das in dieser Nacht kaputt gegangen ist. Wöhlke spricht sanft, wie jemand, der den Menschen grundsätzlich viel Gutes zutraut. Jetzt wirkt er wie jemand, dessen Weltbild in dieser Nacht gründlich erschüttert wurde.

Von Marcus Stöcklin und Thorsten Fuchs

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