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Politik im Rest der Welt Heimat – neue Karriere für alten Begriff
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20:10 07.10.2017
Brüssel

Wabernder Nebel über Hügeln, der Kölner Dom im Abendrot, Schwarz-Rot-Gold weht am Reichstag – dazu das Deutschlandlied. So warb die AfD im Wahlkampf. „Holen Sie sich Ihr Land zurück“, sagte Spitzenkandidatin Alice Weidel. „Deutschland zuerst – weil wir auch in Zukunft dieses Land unsere Heimat nennen wollen!“

. Mit der Heimat hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum Einheitstag einen heiklen Begriff beleuchtet. Aber damit hadern die Deutschen schon seit Jahrhunderten. Warum wird er ausgerechnet jetzt wieder wichtig? Und können ihn die etablierten Parteien für sich nutzen?

Unsere Heimat? Vielen wird mulmig dabei. Das Unbehagen bekam auch Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt zu spüren, die eigentlich nur „den Rechten“ kontra geben wollte mit den Worten: „Es ist unsere Heimat“, und in Sachen Heimatliebe lasse man sich von niemandem übertreffen. Da brach ein Sturm über die Thüringerin los, auch in der eigenen Partei.

Unterstützung bekam sie von Parteikollegen Robert Habeck. In einem Interview erklärte der Kieler Umweltminister: „Ich bin sehr dafür, dass wir Grüne Begriffe wie Heimat und Deutschland nicht der AfD überlassen. Wir müssen sie mit unseren Geschichten füllen.“

Was also ist Heimat? Umfragen sind eindeutig: Neun von zehn Menschen in Deutschland finden Heimat sehr wichtig oder wichtig.

„Gar nicht wichtig“, antwortete in einer Infratest-Studie 2015 nur ein Prozent von 1001 Befragten. Und die überwältigende Mehrheit weiß genau, was Heimat ist. Der Definition „Menschen, die ich liebe beziehungsweise mag, zum Beispiel Familie, Freunde, Verwandtschaft“ stimmten 92 Prozent sehr stark oder stark zu. Auf ähnlich hohe Werte kamen „mein Zuhause“ und Gefühle und Empfindungen wie „Wohlfühlen, Geborgenheit, Sicherheit, Zufriedenheit“.

Diese Sehnsucht ist mächtig in einer Welt, die aus den Fugen scheint. In der der Terror urplötzlich zuschlägt und in Las Vegas ein Massenmörder Dutzende Menschen erschießt. In der die Angst um den Job wächst und in der alte Institutionen wie Politik Gewerkschaft, Kirche kaum noch Einfluss zu haben scheinen. In diesem Wirrwarr sind viele auf der Suche nach einem Ort „wo ich mich auskenne“, wie Steinmeier es ausdrückte. Heimat, ein e Sehnsucht: 89 Prozent in der Infratest-Umfrage verbanden damit ein positives Gefühl.

Aber gemeint ist hier ganz offensichtlich eben diese wohlige Gefühlsheimat – der Rückhalt bei guten Freunden, der Duft von Apfelkuchen in Omas Wohnküche. Deutschland als Kategorie spielte erstaunlicherweise gar keine Rolle in der Infratest-Studie. 1999, als Emnid noch danach fragte, nannten gerade mal elf Prozent bei Heimat: Deutschland.

Das verblüfft vielleicht nur auf den ersten Blick in einem Land, das seit mehr als 200 Jahren ringt und hadert mit diesem Begriff und der auch von der Politik gekapert wurde. Der brutale Missbrauch verätzte ihn, danach half eigentlich nur Kitsch. Die alte BRD schwelgte in Heimatfilm und Musikantenstadl, die offizielle DDR säuselte: „Und wir lieben die Heimat, die schöne.“ Nur die alten Fragen blieben: Wo gehöre ich eigentlich hin? Die Antwort spiegelt sich in den Umfragen: Heimat, das sind Familie, Freunde, Wohnort.

Die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen hat mit diesem eng umzirkelten Wohlfühlort wenig zu tun. In der Infratest-Umfrage auf dem Höhepunkt der Welle 2015 sagten 76 Prozent, die „derzeitige Zuwanderung“ habe an der Bedeutung von Heimat nicht viel verändert. Die kleine, private „Wir“-Heimat taugt durchaus auch für die 18,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die das Statistische Bundesamt 2016 zählte. Auch Habeck betonte: „Heimat ist der Raum, in dem wir leben und den wir gestalten, gleich, woher wir kommen. Heimat ist unser Zusammenleben.“

Heimat ist also für die allermeisten gar nicht Vaterland und Schwarz-Rot-Gold. Doch herrscht in der politischen Debatte ein rechtes Durcheinander. Die AfD nutzte dies und erreichte so bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent, im Osten gar 22,5 Prozent.

Die Gründe sind vielfältig, aber Entfremdung ist zumindest ein Erkläransatz. Denn zum Unverständnis vieler im Westen verloren viele im Osten mit der DDR auch ein Stück Lebensgeschichte. Nicht nur Millionen Jobs verschwanden, auch der Geruch der Kindheit, die Farben und Geräusche.

So viel Verlust, und die Populisten predigten als Antwort Selbstbehauptung. Gegen den Islam, gegen Migranten, gegen den Euro und die Europäische Union, gegen die „Altparteien“ und die als eidesbrüchig beschimpfte Bundeskanzlerin. Die angebliche Lösung: Wenn nur alles kleiner wäre, wenn nur wir Deutschen die Kontrolle hätten, wenn nur nicht so viele so viel Geld von uns verlangten, dann wäre alles wieder gut und heil.

Diese Botschaft nutzt die AfD nicht allein, sie dient auch Nationalisten in Flandern und Friesland, Separatisten in Schottland und Katalonien. Dass die Rückbesinnung auf kleinste Stammesgruppen in einer vernetzten Welt wie aus der Zeit gefallen scheint, dass bei den Briten der Versuch der Austritts aus der EU schmerzhaft aussieht – all das scheint die Vereinfacher kaum zu bremsen.

Von V. Schmitt-Roschmann

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