Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt IS reklamiert Nizza-Anschlag für sich
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt IS reklamiert Nizza-Anschlag für sich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 16.07.2016
Trauer in Nizza: Eine junge Frau in stillem Gedanken an die Opfer des Anschlags auf der Uferpromenade der südfranzösischen Stadt. Quelle: dpa

Der Islamische Staat (IS) ist nach Angaben aus Kreisen, die der Terrormiliz nahestehen, für den Anschlag in Nizza verantwortlich. Der Attentäter sei „ein Soldat des IS“ gewesen, verbreitete die der Terrormiliz nahestehende Nachrichtenagentur Amak gestern im Internet. Der Angriff sei eine Folge des IS-Aufrufs, Angehörige der Anti-IS-Koalition anzugreifen, hieß es weiter. Die Echtheit der Erklärung ließ sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.

Dagegen hatten die französischen Behörden zunächst keine Hinweise darauf, dass der 31 Jahre alte Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in Verbindung mit Islamisten stand. Der Tunesier war während des Feuerwerks zum Nationalfeiertag der Franzosen mit einem Laster in die Menschenmenge gerast. Mindestens 84 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. 16 Todesopfer konnten bislang nicht identifiziert werden.

In Frankreich suchten die Ermittler nach möglichen Hintermännern der Bluttat. Vier Männer aus dem näheren Umfeld des Attentäters wurden zur Vernehmung festgenommen. Präsident François Hollande beriet mit seinem Sicherheitskabinett. In ganz Frankreich begann gestern eine dreitägige Staatstrauer. Montagmittag sollte es eine Schweigeminute geben.

Trotz fehlender Hinweise geht die französische Regierung davon aus, dass sich der Attentäter von Nizza sehr schnell radikalisiert hat. Innenminister Bernard Cazeneuve sprach nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in Paris von einem „neuartigen Anschlag“, der die „extremen Schwierigkeiten im Kampf gegen den Terrorismus“ zeige. Eine Mitgliedschaft des Täters im IS bestätigte Cazeneuve nicht. Der Tunesier sei aber ein Beispiel für „Einzelpersonen, die empfänglich für die Botschaften des IS sind und äußerst gewaltsame Taten begehen, ohne notwendigerweise an Kämpfen teilgenommen zu haben oder ausgebildet worden zu sein“. Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian fügte hinzu, der IS habe die Tat mit seinen Appellen womöglich inspiriert.

Premierminister Manuel Valls hatte sich bereits am Freitag überzeugt gezeigt, dass der von der Polizei erschossene Attentäter ein organisierter Islamist gewesen war, auch wenn die Ermittlungen dies noch nicht bestätigt hätten. „Das ist ein Terrorist, der ohne Zweifel auf die eine oder andere Weise mit dem radikalen Islamismus verbunden war.“ Innenminister Bernard Cazeneuve verneinte dagegen die Frage, ob man Mohamed Lahouaiej-Bouhlel Verbindungen zum radikalen Islam nachweisen könne.

Der Täter lebte nach Angaben der Staatsanwaltschaft seit vielen Jahren in Nizza. Bis Donnerstag war Lahouaiej-Bouhlel nur als Kleinkrimineller aufgefallen. Er war mit einer Franko-Tunesierin verheiratet und hatte drei Kinder. Er ging zum Bodybuilding und mochte Salsa. Doch am Ende ging seine Ehe in die Brüche und er hatte Probleme mit der Justiz. Bereits zuvor hatte der Vater berichtet, dass sein Sohn früher wegen psychischer Probleme ärztlich behandelt worden sei.

War Lahouaiej-Bouhlel ein Islamist? Der IS vereinnahmt ihn als „Soldaten“. Doch dem französischen Geheimdienst war er laut Pariser Staatsanwaltschaft „vollkommen unbekannt“; er stand auf keiner Gefährderliste. Seine Nachbarn erklärten französischen Medien, er sei zwar Muslim, aber nicht sonderlich religiös gewesen, habe Alkohol getrunken und sei in kurzen Hosen herumgelaufen. Allerdings war auch der Terrorist Mohammed Merah, der 2012 in Toulouse und Montauban im Namen des Islams gemordet hatte, ähnlich beschrieben worden.

Unterdessen gibt es immer noch keine endgültige Klarheit über deutsche Opfer des Anschlags. In Berlin wird weiter um eine Lehrerin und zwei Schülerinnen gebangt, die bislang als vermisst gelten. Eine offizielle Auskunft über das Schicksal der Berlinerinnen von der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule im Stadtteil Charlottenburg gab es bislang nicht. Bei der Berliner Polizei hieß es, es werde weiter ermittelt.

Vor der betroffenen Schule in Berlin wurden Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Am späten Freitag waren die Schüler der Paula-Fürst-Schule auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld gelandet.

Zusammen mit ihren Angehörigen wurden sie von Notfallseelsorgern betreut. Polizei und Sicherheitskräfte schirmten die zum Teil unter Schock stehenden Menschen von der Öffentlichkeit ab.

Neue Hinweise auf deutsche Islamisten in IS-Akten

In Personalunterlagen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die deutschen Ermittlern in die Hände gefallen sind, finden sich nach Recherchen des „Spiegel“ neue Informationen über deutsche Islamisten. Einige der in den Papieren genannten Extremisten seien derzeit auf freiem Fuß, weil ihnen eine Zugehörigkeit zum IS bislang nicht habe nachgewiesen werden können. In mehreren Fällen hätten die deutschen Behörden vor dem Aktenfund nicht einmal sicher gewusst, dass die mutmaßlichen Dschihadisten in Syrien waren.

Bei den Dokumenten handelt es sich um sogenannte Ausreisebögen. Die auf Arabisch verfassten Unterlagen geben den Angaben zufolge Auskunft über rund 400 Dschihadisten, unter ihnen etwa 20 Deutsche. Ermittler werten die Personalbögen derzeit im Hinblick auf eine Strafverfolgung der zurückgekehrten Terror-Touristen aus. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Unterlagen authentisch sind. Derzeit analysiere das Bundeskriminalamt (BKA), inwiefern sich die Echtheit der Akten auch vor Gericht belegen lasse.

LN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Union gegen Ost-West-Angleichung.

16.07.2016

Bundeswehr muss warten – US-Firma klagt.

16.07.2016

Die Vermutung gibt es in Baden-Württemberg schon lange: Grüne und CDU haben weit mehr vereinbart, als im Koalitionsvertrag steht. Nun werden Details öffentlich. Die Opposition ist empört.

17.07.2016
Anzeige