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Immer mehr Russen träumen von Stalin

Moskau Immer mehr Russen träumen von Stalin

60 Jahre nach der Entzauberung durch Chruschtschow erlebt der Kult um den Sowjet-Zaren in Russland eine Renaissance.

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Ewige Treue: Ein greiser Stalinist mit einem Porträt seines Idols bei einer Mai-Demonstration.

Quelle: S. Chirikov/dpa

Moskau. . Die Blumensträuße lassen keinen Zweifel aufkommen, wer an der roten Kremlmauer in Moskau der Star ist: Sowjetdiktator Josef Stalin. Verehrer tragen das ganze Jahr über Blumen zum Grab des Despoten im Schatten des berühmten Lenin-Mausoleums am Roten Platz.

„Mit Stalins Entthronung war der Kult nicht erschöpft.“

„Andrej Sorokin,

Direktor des russischen Staatsarchivs

Vor genau 60 Jahren, im Februar 1956, brach die Sowjetunion mit ihrem verehrten „Führer“ und „Vater der Völker“. Drei Jahre nach Stalins Tod (5. März 1953) rechnete Kremlchef Nikita Chruschtschow in einem „geheimen“ Bericht auf dem XX. Parteitag der Kommunisten mit den Verbrechen des Massenmörders ab und leitete eine Entzauberung des in der Sowjetunion beispiellosen Personenkultes ein.

Es gehe darum, wie der Stalin-Kult zu einer Quelle „der größten und schwersten Perversionen der Parteiprinzipien“ geworden sei, sagte Chruschtschow gleich zu Beginn. Der Schritt war gewagt: Seine eigene umstrittene Rolle bei den Verbrechen unter Stalin ließ Chruschtschow, langjähriges Mitglied der Führungsriege, offen. Für die Parteibasis, die Stalin weiter verherrlichte, kam die neue Linie wie ein Schlag.

Dennoch durchweht bis heute der Mythos Stalin die russische Gesellschaft. Der Schreckensherrschaft mit Todeslagern (Gulag) und Erschießungen fielen in den 1930er Jahren Hunderttausende Menschen zum Opfer. Inzwischen, über sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Tyrannen, ist die Verklärung Stalins wieder auf dem Vormarsch.

Eine aktuelle Umfrage des angesehenen Moskauer Lewada-Zentrums zeigt: Die Zahl der Kritiker, die in der Stalin-Ära mehr Negatives als Positives sehen, sank seit 1999 um fast 10 Punkte auf 13 Prozent. Ein Drittel stellt Stalins Sieg gegen Hitler-Deutschland über alles.

Der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau sieht als Ursache für die Umfragewerte innenpolitische Probleme wie die Wirtschaftskrise. „Die Stalin-Zeit wird als Epoche der Stabilität, der Stärke der Sowjetunion und des industriellen Aufbruches verklärt“, sagt Uhl. Die Russen erwarteten schnelle Wege der Krisenbewältigung wie unter Diktator Stalin.

Zwar verurteilt Präsident Wladimir Putin Stalin offen als Verbrecher. Das hinderte ihn aber nicht daran, schon zu Beginn seiner Zeit an der Macht vor mehr als 15 Jahren stalinistische Symbolik zu übernehmen. Es war Putin, der etwa die unter Stalin gespielte Sowjethymne zur russischen Nationalhymne erhob, wenn auch mit neuem Text. Das Zeichen der Luftwaffe ist inzwischen wieder der rote Sowjetstern.

Zum jährlichen Weltkriegsgedenken am 9. Mai, dem wichtigsten Nationalfeiertag, tragen Russen immer wieder Stalin-Porträts durch die Straßen. Mancherorts wurden einst demonstrativ abgerissene Stalin-Statuen zu neuem Glanz aufpoliert. In Archangelsk am Weißen Meer läuft derzeit eine Debatte, Stalin ein neues Denkmal zu setzen.

Für große Aufregung hatte im Dezember die Kommunistische Partei (KP) gesorgt, die im südrussischen Pensa ein Stalin-Zentrum gegründet hat. Als Pilgerstätte kritisieren Menschenrechtler dies. „Die KP predigt die Ideale eines diktatorischen Staates“, wettert Arseni Roginski von der Organisation Memorial. Die international geachtete Gruppe setzt sich für die Aufklärung der Verbrechen unter Stalin ein. Historiker prangern seit Jahren eine mangelnde Stalin-Debatte an.

Auch der Direktor des russischen Staatsarchivs, Andrej Sorokin, ist unzufrieden mit der Situation. „Mit Stalins Entthronung war der Kult nicht erschöpft“, meint er mit Blick auf Formen der Verehrung späterer Sowjetherrscher. Kritiker sehen bereits einen wachsenden Putin-Kult, auch wenn der weniger ausgeprägt ist als unter Stalin.

Der Präsident ist nicht nur in vielen Medien omnipräsent. Putin-Devotionalien vom T-Shirt bis zum Salzstreuer sind in Moskaus Souvenirläden zu haben. Und mitunter finden sich auch Stalin-Andenken.

Brutal und siegreich

Zwangskollektivierung , „Entkulakisierung“, Industrialisierung, innenpolitische Terrorisierung — Josef Stalin, 1878 geboren als Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili im heutigen Georgien und über 25 Jahre fast allmächtiger Sowjetherrscher, gilt als einer der brutalsten Despoten des 20. Jahrhunderts. Trotzdem hat er noch etliche Anhänger — sie verbinden mit dem „Generalissimus“ den Übergang vom Agrarstaat zur Industrienation und vor allem den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Hitler-Deutschland. Die Zusammenarbeit mit den westlichen Alliierten endete rasch nach diesem Sieg und wich dem Kalten Krieg, in dem Stalins UdSSR weite Teile Mittel-, Ost- und Südosteuropas zu sowjetischen Satelliten machte. Drei Jahre nach seinem Tod 1953 begann die „Entstalinisierung“.

LN

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